NachhaltigkeitWo bleibt die Wende?

Kurzfristigkeit beenden, Nachhaltigkeit ermöglichen: Es darf nicht nur um Ökonomie gehen von Ulrich Brand und Michael Müller

Brasilianische Aktivisten demonstrieren während des Rio+20-Gipfels im vergangenen Juni.

Brasilianische Aktivisten demonstrieren während des Rio+20-Gipfels im vergangenen Juni.  |  © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Franklin D. Roosevelts New Deal nach der Weltwirtschaftskrise 1933 war ein Rendezvous mit dem Schicksal, ein Zusammentreffen von Programm und Geschichte. Der keynesianische Wohlfahrtsstaat prägte fortan die Nachkriegszeit. Wachstum wurde mit Fortschritt gleichgesetzt. Auch heute wünschen wir uns Wachstum, weil wir effizienter produzieren, eine höhere Arbeitslosigkeit vermeiden möchten und in einer alternden Gesellschaft leben. Das klingt schlüssig und ist doch strukturkonservativ. Der Traum von der immerwährenden Prosperität ist nämlich vorbei.

Immer deutlicher zeigen sich Grenzen des Wachstums – ökologische, soziale und ökonomische. Hierin liegt die eigentliche Ursache für die heutigen Krisen: Nicht Analysen, sondern Erwartungen bestimmen die Debatten. Auf dem zweiten Umweltgipfel in Rio wurde der dramatische Zustand der Erde beklagt, aber schon wenige Tage später beschäftigte sich der EU-Gipfel mit der Frage, wie wir zu altem Wachstum zurückkommen. Der Widerspruch wird einfach verdrängt.

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Die Fokussierung auf die Euro-Krise verstellt den Blick auf die veränderte Realität. Tatsächlich haben wir es, wie bereits im Brundtland-Bericht von 1987 steht, mit einer »ungleichen, überbevölkerten, verschmutzten und störanfälligen Welt« zu tun, auf der es nicht so wie bisher weitergehen kann.

Ulrich Brand

Professor für Internationale Politik in Wien

Im Namen des Wachstums brechen in der EU scheinbar unversöhnliche Konflikte auf – zwischen Deutschland, das mit einem Fiskalpakt eine knallharte, aber perspektivlose Sparpolitik durchsetzen will, und Frankreich, das einen auf Verschuldung reduzierten Keynesianismus befürwortet, um mit öffentlichen Programmen Wachstumsimpulse zu setzen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und eine tiefe Spaltung der Gesellschaft zu verhindern.

Michael Müller

Vorsitzender der NaturFreunde Deutschlands

Zentrale Fragen werden seit Mitte der 1970er Jahre ausgeblendet. Damals endete der Nachkriegsboom, der unser Verständnis einer modernen Wirtschaft geprägt hat. Mit immer neuen Konzepten wurde versucht, zu höheren Wachstumsraten zurückzukehren. Am Anfang stand die Inflationierung der Weltwirtschaft, als die USA ihre globale Dollarstärke nutzten, um die hohen Kosten des Vietnamkrieges auf andere Volkswirtschaften abzuwälzen. Es folgten Ölpreiskrisen und Deflation. Die Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit wurde aufgekündigt, es kam im Namen des Wachstums zum Aufstieg der Geldpolitik.

Margaret Thatcher und Ronald Reagan setzten auf Deregulierung der Finanzmärkte. Das Kapital wurde von den sozialen Bindungen befreit, die in den Nachkriegsjahrzehnten seine Macht in Grenzen gehalten hatten. Damit begann nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine politische Transformation, die bis heute andauert. Weil sie auf Krisen reagierte, statt wirtschaftliche Entwicklung zu gestalten, geriet die Politik in Geiselhaft der Finanzmärkte, die von kurzfristigen Interessen der Gläubiger dominiert werden. Das Spannungsverhältnis zwischen Markt und Staat verschob sich zulasten der Demokratie.

Heute ist zwar viel von einem Kurs-, ja sogar Paradigmenwechsel die Rede. Doch die Fixierung auf Wachstum ist eine Auseinandersetzung zwischen der Ideologie von vorgestern, die bedingungslos an den freien Markt glaubt, und den Konzepten von gestern, die Keynes auf die Beseitigung der Nachfrageschwäche verkürzen, was Joan Robinson »Bastardkeynesianismus« nannte. Griechenland, Spanien und Portugal liefern krasse Beispiele, wie es die Krise verschärft, wenn die Ausgaben mitten in einer Rezession massiv zurückgefahren werden. Die Folgen sind ein dramatischer Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, eine rasante Verarmung bis in die Mittelschichten hinein und die Erosion gefestigter Demokratien.

Deshalb setzt François Hollande als Alternative zur Austeritätspolitik von Angela Merkel auf staatliche Wachstumsimpulse. Doch auch das »Sparparadoxon«, wonach höhere Schulden aus künftigen Einkommen zurückgezahlt werden, die durch das Wachstum erheblich gesteigert würden, funktioniert nicht mehr. Unterkonsumption oder Nachfrageschwäche reicht als Erklärung der gegenwärtigen Krise nicht aus, in den USA geben die Menschen seit Langem viel geliehenes Geld für höheren Konsum aus. Die private Sparquote liegt unter einem Prozent. Die Immobilienkrise entstand aus spekulativen Exzessen zur Stimulierung des Wachstums. Vor allem ignoriert die traditionelle Wachstumsstrategie die ökologischen Herausforderungen. Vor uns baut sich eine Naturschranke auf, die zur Überlebensfrage der Menschheit wird.

Wir wissen längst, dass wir umsteuern müssen. Schon vor 20 Jahren hat der Erdgipfel von Rio eine nachhaltige Entwicklung gefordert. Niemand scheint die Kraft zu haben, die Umverteilungs- und Gestaltungsfrage zu stellen, einen Entwicklungsplan für Nachhaltigkeit zu verfassen und eine europäische Kreditanstalt für Wiederaufbau einzurichten.

Unsere Zeit braucht erneut ein Rendezvous mit dem Schicksal. Nicht nur eine Energiewende, nicht nur eine drastische Reduktion der Treibhausgase, nicht nur eine ökologische Kreislaufwirtschaft, sondern auch eine Wende in Wirtschaft und Kultur. Wo bleibt dieser dritte Weg, der vor allem von den europäischen Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit ausgehen muss? Klare Regeln müssen die soziale und ökologische Externalisierung verhindern und einen an den Kriterien der Nachhaltigkeit orientierten Wettbewerb ermöglichen, der das heutige Regime der Kurzfristigkeit beendet. Wo bleiben die ökologische Finanzreform, die Austrocknung des zweiten Finanzkreislaufs, der nur den Gläubigern dient, und ein Ende des ökonomischen Einheitsdenkens, das nur betriebswirtschaftliche Kenngrößen auf die Gesellschaft überträgt? Wir benötigen ein Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität, das die Wachstumsfixierung und Wachstumszwänge nach und nach auflöst. Dafür bedarf es umfassender Lernprozesse, die schon in den Schulen beginnen müssen und die den zahllosen Initiativen Raum geben, die mehr Demokratie und eine sozialökologische Transformation wollen. Der DGB, die EKD und die Umwelt- und Naturschutzverbände haben eine Kooperation gestartet, um die Deutung von Wirtschaft und Gesellschaft nicht länger einer ökonomischen Scholastik zu überlassen, die die Wirklichkeit ihren ökonomischen Erwartungen unterordnet.

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Leserkommentare
    • Taranis
    • 16. September 2012 18:52 Uhr

    ...schlüssige und gut ausgearbeitete Konzepte.
    Seitenweise leere Worthülsen die uns sagen sollen was wir brauchen, brauchen wir jedenfalls nicht. Die klingen lediglich unglaublich moralisch überlegen ohne für irgendwen irgendetwas zu bewirken.

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    ...ausgearbeitete Konzepte."

    Am besten welche, die schon mal in einem Paralleluniversum ausprobiert wurden und nachweisbar funktionierten.

    Ansonsten sind das nichts weiter als leere Worthülsen die uns sagen sollen, was wir brauchen. Das brauchen wir jedenfalls nicht. Das klänge lediglich unglaublich moralisch überlegen, ohne für irgendwen irgendetwas zu bewirken.

  1. Die Linke arbeitet offenbar daran

    http://www.plan-b-mitmach...

  2. Genauso ist es.

    Aber diesen Kraftakt vollbringt keine politische Klasse freiwillig.

    Von Wirtschaftswachstum verspricht man sich einen trickle-down-Effekt, durch den der Wohlstand der Reichen gewissermaßen "durchsickert" zu den ärmeren Gesellschaftsschichten. Die Lenkung des Staates ist dann folgerichtig unnötig und wird ersetzt durch die Märkte.

    Dieser Glauben legitimiert die unbegrenzte Bereicherung der wohlhabenden "Eliten" und macht es überflüssig, sich über Verteilungsgerechtigkeit Gedanken zu machen.

    So ein Zustand ist bequem, müßten die politischen Akteure doch anderenfalls Maßnahmen zur Umverteilung erwägen, damit alle Menschen am Wohlstand teilhaben können.

    Und das wiederum wäre unwiderruflich der politische Selbstmord.

    Wachstum sichert Macht.

    k.

  3. aufgesetzt vor, in manchen Medien, solange die noch unverändert den alten way of life von Konsum und Wachstum und Schuldenwirtschaft jeden Tag propagieren mit Werbung, Produktvorstellungen und Artikeln.

  4. Solange grüne Gutmenschen an einer solchen ökologischen Wirtschaftswende beteiligt sind, ist eines sicher: Das genaue Gegenteil wird eintreten.

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    • 15thMD
    • 16. September 2012 19:49 Uhr

    Die CDU?

    "Solange grüne Gutmenschen an einer solchen ökologischen Wirtschaftswende beteiligt sind, ist eines sicher: Das genaue Gegenteil wird eintreten."

    Haben Sie dafür auch ein Begründung?

    Den Kampfbegriff "Gutmensch" sollten Sie übrigens besser nicht verwenden. Er dient nämlich lediglich dazu andere abzuwerten, wenn man selbst keine oder unterlegene Argumente hat.

    Dann bin ich mal auf die Ergebnisse der schwarzen/roten/blauen... Schlechtmenschen gespannt. Schonmal drüber nachgedacht, wie idiotisch der Begriff "Gutmensch" ist?
    Ich kann jedenfalls nichts schlechtes daran finden, wenigstens zu versuchen "gut" zu leben - mit all den Irrungen, Fehlern und Widersprüchen, die letzlich das Leben (aller) ausmachen.

    Dieses "Gutmenschen"-Bashing geht mir allmählich wirklich auf die Nerven und tatsächlich ist es so, dass es lediglich zur Diffamierung per se löblicher Ideen genutzt wird, was eine anschließende Debatte von vornherein diskreditiert. Mich wundert es auch wenig, dass der Terminus "Gutmensch" gerade aus der menschenverachtenden rechts-braunen Ecke hervorgebracht wird, die ja dafür bekannt ist, Menschen und Idee abzuwarten, die ihrem Weltbild nicht entsprechen, ohne auch nur im geringsten akzeptable, realitätsnahe Gegenvorschläge zu bereiten. Für mich ist "Gutmensch" das inoffizielle Unwort des letzten Jahres. Was den Inhalt des obigen Artikels betrifft: Nicht mal die hier geschilderte allgemeine Bestandsaufnahme ist beim Großteil der Menschen angekommen, weshalb ich die Kritik, dass eben dieses allgemeine Verbesserungsgerede durch ganz konkrete Vorschläge zu ersetzen sei, nur bedingt passend finde. Die Problematik muss erst einmal überhaupt von der Masse erkannt und akzeptiert werden, Lösungsvorschläge werden dann impulsartig von alleine kommen. Diese Vorbildung muss, wie im Artikel treffend erwähnt, bereits im Kindesalter stattfinden.

    • Xdenker
    • 16. September 2012 19:47 Uhr

    Wirtschaften ist nicht das Leben, aber ein großer und entscheidender Teil des Lebens, weil es Leben in einer Welt der Knappheiten materiell ermöglicht.

    Wirtschaften heißt, die (materiellen) Bedürfnisse der Menschen bei knappen, sprich endlichen Ressourcen effizient, das heißt mit dem geringst möglichen Verbrauch knapper Ressourcen, zu befriedigen. Man nennt diese Knappheitsorientierung des Wirtschaftens auch das ökonomische Prinzip.

    Diese Prinzip ist kein Gegensatz zur Nachhaltigkeit, sondern bedeutet Nachhaltigkeit.

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    • DS23
    • 16. September 2012 20:10 Uhr

    "Diese Prinzip (Anmkg: gemeint ist Ökonomie) ist kein Gegensatz zur Nachhaltigkeit, sondern bedeutet Nachhaltigkeit."

    Wie man jeden Tag in den Medien lesen und sehen kann. Alles was keinen Preis hat, ist nichts wert. Intakte Böden? Sauberes Trinkwasser? Biodiversität? Nur Wirtschaftshemmnisse!

    • Felefon
    • 16. September 2012 19:47 Uhr

    Das Wort "Bevölkerungswachstum" taucht nur im Zitat des Brundlandreportes auf.

    Das Bevölkerungswachstum ist die wesentliche Ursache der genannten Umwelt- und Prosperitätsprobleme.

    Der Autor blendet das Bevölkerungswachstum in seiner 'Analyse' vollständig aus.

    Seine 'Analyse' greift schlichtweg daneben.

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    @Felefon schreibt: "Das Wort "Bevölkerungswachstum" taucht nur im Zitat des Brundlandreportes auf. Das Bevölkerungswachstum ist die wesentliche Ursache der genannten Umwelt- und Prosperitätsprobleme. Der Autor blendet das Bevölkerungswachstum in seiner 'Analyse' vollständig aus. Seine 'Analyse' greift schlichtweg daneben."

    Das ist die Ausrede derjenigen, die verdrängen. Und die dann auch, meist zu fortgeschrittener Stunde und nach einigen Gläsern Wein, mit ihrer Therapie gegen das Problem herausrücken: "Nicht helfen, nicht entwickeln, einfach verhungern lassen."

    Sehr tiefe Analyse, mein Herr oder meine Dame, man muss in die Tiefe gehen mit den Ursachen und Verursachern des Problems: 2 Meter tief.

    Dass wir im Westen kaum ein Bevölkerungswachstum haben und trotzdem geglaubt haben, unsere Wirtschaft müsse ständig wachsen und der Porsche sei der Sinn des Lebens, darauf kommen die Verdränger nicht, die nicht nur die wahren Ursachen verdrängen, sondern auch einige Milliarden von der Erde verdrängen wollen - Menschen die es schon gibt und Menschen, die noch kommen werden? (Und schieben Sie nun nicht dem Papst die Schuld in die Schuhe, der hat in Indien nicht viel zu sagen und in Afrika würden sie auf ihn auch nicht hören.)

    • 15thMD
    • 16. September 2012 19:49 Uhr

    Die CDU?

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    Grüne und CDU stehen sich sowieso näher als alle anderen Parteien. Ausserdem sollte Gutmensch hier mit Besitzstandswahrer, Weltverbesserer und Gewissensberuhiger ersetzt werden. Der letzte Begriff zeigt die Zielsetzung der Wahlabsicht der Mehrheit der grünen Parteigänger. Klassische, wirklich engagierte Grüne haben die Partei schon lange verlassen

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