Brasilianische Aktivisten demonstrieren während des Rio+20-Gipfels im vergangenen Juni. © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Franklin D. Roosevelts New Deal nach der Weltwirtschaftskrise 1933 war ein Rendezvous mit dem Schicksal, ein Zusammentreffen von Programm und Geschichte. Der keynesianische Wohlfahrtsstaat prägte fortan die Nachkriegszeit. Wachstum wurde mit Fortschritt gleichgesetzt. Auch heute wünschen wir uns Wachstum, weil wir effizienter produzieren, eine höhere Arbeitslosigkeit vermeiden möchten und in einer alternden Gesellschaft leben. Das klingt schlüssig und ist doch strukturkonservativ. Der Traum von der immerwährenden Prosperität ist nämlich vorbei.

Immer deutlicher zeigen sich Grenzen des Wachstums – ökologische, soziale und ökonomische. Hierin liegt die eigentliche Ursache für die heutigen Krisen: Nicht Analysen, sondern Erwartungen bestimmen die Debatten. Auf dem zweiten Umweltgipfel in Rio wurde der dramatische Zustand der Erde beklagt, aber schon wenige Tage später beschäftigte sich der EU-Gipfel mit der Frage, wie wir zu altem Wachstum zurückkommen. Der Widerspruch wird einfach verdrängt.

Die Fokussierung auf die Euro-Krise verstellt den Blick auf die veränderte Realität. Tatsächlich haben wir es, wie bereits im Brundtland-Bericht von 1987 steht, mit einer »ungleichen, überbevölkerten, verschmutzten und störanfälligen Welt« zu tun, auf der es nicht so wie bisher weitergehen kann.

Im Namen des Wachstums brechen in der EU scheinbar unversöhnliche Konflikte auf – zwischen Deutschland, das mit einem Fiskalpakt eine knallharte, aber perspektivlose Sparpolitik durchsetzen will, und Frankreich, das einen auf Verschuldung reduzierten Keynesianismus befürwortet, um mit öffentlichen Programmen Wachstumsimpulse zu setzen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und eine tiefe Spaltung der Gesellschaft zu verhindern.

Zentrale Fragen werden seit Mitte der 1970er Jahre ausgeblendet. Damals endete der Nachkriegsboom, der unser Verständnis einer modernen Wirtschaft geprägt hat. Mit immer neuen Konzepten wurde versucht, zu höheren Wachstumsraten zurückzukehren. Am Anfang stand die Inflationierung der Weltwirtschaft, als die USA ihre globale Dollarstärke nutzten, um die hohen Kosten des Vietnamkrieges auf andere Volkswirtschaften abzuwälzen. Es folgten Ölpreiskrisen und Deflation. Die Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit wurde aufgekündigt, es kam im Namen des Wachstums zum Aufstieg der Geldpolitik.

Margaret Thatcher und Ronald Reagan setzten auf Deregulierung der Finanzmärkte. Das Kapital wurde von den sozialen Bindungen befreit, die in den Nachkriegsjahrzehnten seine Macht in Grenzen gehalten hatten. Damit begann nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine politische Transformation, die bis heute andauert. Weil sie auf Krisen reagierte, statt wirtschaftliche Entwicklung zu gestalten, geriet die Politik in Geiselhaft der Finanzmärkte, die von kurzfristigen Interessen der Gläubiger dominiert werden. Das Spannungsverhältnis zwischen Markt und Staat verschob sich zulasten der Demokratie.

Heute ist zwar viel von einem Kurs-, ja sogar Paradigmenwechsel die Rede. Doch die Fixierung auf Wachstum ist eine Auseinandersetzung zwischen der Ideologie von vorgestern, die bedingungslos an den freien Markt glaubt, und den Konzepten von gestern, die Keynes auf die Beseitigung der Nachfrageschwäche verkürzen, was Joan Robinson »Bastardkeynesianismus« nannte. Griechenland, Spanien und Portugal liefern krasse Beispiele, wie es die Krise verschärft, wenn die Ausgaben mitten in einer Rezession massiv zurückgefahren werden. Die Folgen sind ein dramatischer Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, eine rasante Verarmung bis in die Mittelschichten hinein und die Erosion gefestigter Demokratien.

Deshalb setzt François Hollande als Alternative zur Austeritätspolitik von Angela Merkel auf staatliche Wachstumsimpulse. Doch auch das »Sparparadoxon«, wonach höhere Schulden aus künftigen Einkommen zurückgezahlt werden, die durch das Wachstum erheblich gesteigert würden, funktioniert nicht mehr. Unterkonsumption oder Nachfrageschwäche reicht als Erklärung der gegenwärtigen Krise nicht aus, in den USA geben die Menschen seit Langem viel geliehenes Geld für höheren Konsum aus. Die private Sparquote liegt unter einem Prozent. Die Immobilienkrise entstand aus spekulativen Exzessen zur Stimulierung des Wachstums. Vor allem ignoriert die traditionelle Wachstumsstrategie die ökologischen Herausforderungen. Vor uns baut sich eine Naturschranke auf, die zur Überlebensfrage der Menschheit wird.

Wir wissen längst, dass wir umsteuern müssen. Schon vor 20 Jahren hat der Erdgipfel von Rio eine nachhaltige Entwicklung gefordert. Niemand scheint die Kraft zu haben, die Umverteilungs- und Gestaltungsfrage zu stellen, einen Entwicklungsplan für Nachhaltigkeit zu verfassen und eine europäische Kreditanstalt für Wiederaufbau einzurichten.

Unsere Zeit braucht erneut ein Rendezvous mit dem Schicksal. Nicht nur eine Energiewende, nicht nur eine drastische Reduktion der Treibhausgase, nicht nur eine ökologische Kreislaufwirtschaft, sondern auch eine Wende in Wirtschaft und Kultur. Wo bleibt dieser dritte Weg, der vor allem von den europäischen Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit ausgehen muss? Klare Regeln müssen die soziale und ökologische Externalisierung verhindern und einen an den Kriterien der Nachhaltigkeit orientierten Wettbewerb ermöglichen, der das heutige Regime der Kurzfristigkeit beendet. Wo bleiben die ökologische Finanzreform, die Austrocknung des zweiten Finanzkreislaufs, der nur den Gläubigern dient, und ein Ende des ökonomischen Einheitsdenkens, das nur betriebswirtschaftliche Kenngrößen auf die Gesellschaft überträgt? Wir benötigen ein Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität, das die Wachstumsfixierung und Wachstumszwänge nach und nach auflöst. Dafür bedarf es umfassender Lernprozesse, die schon in den Schulen beginnen müssen und die den zahllosen Initiativen Raum geben, die mehr Demokratie und eine sozialökologische Transformation wollen. Der DGB, die EKD und die Umwelt- und Naturschutzverbände haben eine Kooperation gestartet, um die Deutung von Wirtschaft und Gesellschaft nicht länger einer ökonomischen Scholastik zu überlassen, die die Wirklichkeit ihren ökonomischen Erwartungen unterordnet.