Die Zeit scheint reif, um mit einem hartnäckigen Vorurteil aufzuräumen: Philosophie und Gefühl – das gehe nicht zusammen. Es geht zusammen, und wie! Philosophische Werke zum Thema sprießen aus dem Boden, unzählige Tagungen und Aufsätze widmen sich nicht nur dem Gefühlsphänomen an sich, sondern auch einzelnen Gefühlen wie Scham, Schuld, Neid, Furcht, Hass, Liebe oder Empörung. Der Mensch, das vernünftige Tier, nun als emotionales Tier? Haben wir es nach Kopernikus, Darwin und Freud mit einer weiteren, nun philosophisch inspirierten Kränkung unseres Menschenbildes zu tun? Gefühle sind auch in der Philosophie in Mode – was ist da geschehen?

Es wäre falsch, zu behaupten, die Philosophie habe sich in ihrer Tradition nie mit Gefühlen beschäftigt. Platon und Aristoteles, Spinoza und Hume, selbst Kant und Hegel – alle diese Autoren haben den Gefühlen in ihren Werken durchaus Platz eingeräumt. Weniger falsch ist die Annahme, Gefühle seien stets nur als Vernunftwidriges und zu Beherrschendes in den Blick gekommen. »Der Weise ist ohne Affekte«, so der Stoiker Chrysippos, denn Affekte seien eine »Krankheit der Seele«. Man solle ihnen einen niederen Rang einräumen im Gebäude unserer Seele, an dessen Spitze für immer die stolze Vernunft steht. Selbst dort, wo die Rolle des Gefühls wie bei Hume deutlich aufgewertet und in einer berühmten Formulierung die Vernunft gar als »Sklavin der Gefühle« bezeichnet wird, bleibt es bei einer Gegenüberstellung von Gefühl und Vernunft, die nur deswegen nicht länger auf eine scharfe Bekämpfung der Gefühle durch die Vernunft hinausläuft, weil Erstere in Humes Augen für Gründe und Argumente letztlich unzugänglich bleiben. Besser, ihnen zu dienen, als sie beeinflussen zu wollen: Das ist ein neuer, realistischer Blick, der gleichwohl an die alte Opposition zwischen Vernunft und Gefühl anschließt.

Doch diese Opposition zerbröckelt inzwischen. Die zeitgenössische Philosophie hat die Gefühle in das Reich der Vernunft eingemeindet und sie damit philosophisch hoffähig gemacht. Die Rationalität des Gefühls lautet der Titel eines 1987 zunächst auf Englisch erschienenen Buchs von Ronald de Sousa, und der Titel ist bei allen Unterschieden einzelner Ansätze Programm bis heute. Es ist vor allem das Versagen der Vernunft selbst, das zur Aufwertung des Gefühls führte. Nehmen wir Handlungen unter Entscheidungsdruck: Neigt die Vernunft nicht oft dazu, tausend kleine Erwägungen anzustellen, ohne immer die Relevanz jeder einzelnen Erwägung einschätzen zu können? Gefühlte Wertungen bieten hier einen Ausweg, sie gewichten die einzelnen Optionen und ermöglichen so eine schnellere Entscheidung. Die ungeheure Popularität der Rede von »emotionaler Intelligenz« hat hier ihre Quellen, auch wenn sie mittlerweile im gnadenlosen Mahlstrom der Management-Ratgeber als effizienzsteigernde Persönlichkeitseigenschaft stark banalisiert und instrumentalisiert worden ist. Rationalität des Gefühls sollte zunächst nur heißen: Anders als Schmerzen oder Freuden, die wir einfach empfinden, weisen Gefühle über sich hinaus, verweisen auf eine Welt, auf Dinge oder Personen, die sie in ihr Licht tauchen und so als liebenswert oder hassenswert, furchterregend oder empörend erscheinen lassen, sodass wir fragen können, ob es sich tatsächlich verhält wie vom Gefühl »behauptet«. Es gibt falsche Gefühle, aber keinen falschen Schmerz.

Das sperrige Zauberwort, das die Philosophie hier gefunden hat, heißt kognitiver Gehalt. Bin ich nicht erst dann zornig auf jemanden, wenn er ein Unrecht begangen hat und wenn ich überzeugt bin, dass er ein Unrecht begangen hat? Kann ich ohne diese Überzeugung überhaupt zornig sein? Der Zorn erschließt mir den anderen als einen, der Unrecht begangen hat – und das scheint eindeutig eine Wertung zu sein. Wenn diese Annahmen stimmen, dann enthalten Gefühle Überzeugungen und Wertungen, und das heißt eben auch: Sie können ähnlich korrekt oder inkorrekt, angemessen oder unangemessen sein wie unsere sonstigen Überzeugungen und Wertungen auch. Wir reden ja so, wenn wir etwa einen Freund ermahnen, er möge seine Eifersucht bändigen, sie sei ganz unbegründet. Damit aber treten die Gefühle endlich in den philosophischen Hauptdiskurs des Abendlandes ein, sie werden plötzlich selbst vernünftig oder unvernünftig und sind nicht länger nur der böse, für Gründe und Argumente unzugängliche Gegenspieler der Vernunft.

Freilich bleibt auf diese Weise undeutlich, was denn Gefühle über in ihnen enthaltene Wertungen oder Überzeugungen hinaus zu Gefühlen macht, und es scheint auch, dass die Leistung der Gefühle weiterhin an den Leistungen der Vernunft gemessen wird. Eine zusätzliche Wendung gewinnt die Diskussion erst dann, wenn Gefühlen zugetraut wird, zu erfassen, was die Vernunft nie erfassen könnte. In Mark Twains Huckleberry Finns Abenteuer etwa befreit der Protagonist Huckleberry seinen Freund Jim aus der Sklaverei, kommt aber noch während ihrer Flucht zu dem Schluss, dass die Befreiung Jims falsch sei, bricht sie doch mit allen Regeln und Normen der von Sklaverei geprägten Zeit. Huck hat ein schlechtes Gewissen, weil er Jim befreit! Einzig sein Mitgefühl trägt seine Hilfe, obwohl es seinem Urteil radikal widerspricht.