Die Bücher klingen gut, sie heißen Mit sich selbst befreundet sein und Glück – Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. Aber Buchtitel sind jetzt nicht das Wichtige an diesem Vormittag im Süden Berlins, an dem die Sonne sich noch schwertut, hinter den Wolken hervorzutreten: Was ist von Wilhelm Schmid, dem deutschen Philosophen und Autor von Ratgeberbüchern, zum Großthema Gefühle zu erfahren, wenn man sich mit ihm auf einen Spaziergang um den Berliner Wannsee begibt?

Schmid, 59 Jahre alt, geboren in Bayerisch-Schwaben, er lebt als freier Philosoph in Berlin. Sein Fachgebiet heißt Lebenskunstphilosophie, ehrenwerte Fragen von Epikur bis Foucault. Seit 1998 haut er in schöner Geschwindigkeit Bücher heraus, die oft nur 100 Seiten und Geschenkgröße haben und sich sehr gut verkaufen. Schmid ist nicht umsonst Suhrkamp-Autor, er schreibt eine wissenschaftlich fundierte, kristallklare, präzise, immer gefällig zu lesende Fachliteratur. Ob seine Bücher helfen, das ist, natürlich, eine ganz andere Frage.

Vor der S-Bahn-Station Wannsee treffen wir einen mittelgroßen, wie ein Geschäftsmann gekleideten Herrn. Hohe Stirn, weiche Gesichtszüge, freundliche, braune Augen. Der Philosoph trägt einen Pappordner unter dem Arm – das Manuskript nicht des nächsten, sondern schon des übernächsten Buches, das im kommenden April erscheint. Ist das ein guter Tag zum Spazierengehen? »Wunderbar. Die Sonne knallt nicht zu sehr.« Und: Ist das ein guter Tag, um sich über Gefühle zu unterhalten? Er stellt sich ein wenig breiter hin, um nun ein paar Sätze von Gewicht zu formulieren: »Jeder Tag ist gut für Gefühle. Wir leben ja nun glücklicherweise nicht mehr in Zeiten, in denen Gefühle verschwiegen werden müssen.«

Kann er bitte noch einmal die für den heutigen Vormittag geplante Route skizzieren, die wir gemeinsam abgehen wollen? Er spricht leise, mit einem süddeutsch eingefärbten R, eine wunderbare Vorlesestimme: »Wir gehen zum Bus 114 in Richtung Heckeshorn. Steigen dort aus, laufen an der Havel entlang, die dort nur noch zum Teil Wannsee heißt. Bis hoch zur Pfaueninsel.« Frage nach seinem aktuellen Buch – es hat schon wieder so einen Hittitel: Unglücklichsein – Eine Ermutigung. Auf 99 Seiten setzt sich Schmid kritisch mit der Glücksdebatte auseinander, zu der er mit seinem Bestseller Glück beigetragen hatte, er argumentiert gegen die »Pflicht zum Glück« und den Glücksstress und unternimmt, so der Klappentext, eine Ehrenrettung des Unglücklichseins. Kommt er selbst vom Unglücklichsein?

Der Philosoph stößt einen hellen Lachkiekser aus, den er auf diesem Spaziergang noch öfter von sich geben wird: »Ja. Das Unglücklichsein ist das vertraute Gefühl. Seit tiefster Kindheit, meine ganze Jugend, das halbe Leben lang. Es ist ein diffuses Unglück: nicht einverstanden sein mit der Welt.« Eines seiner ersten Bücher, im Privatdruck erschienen, trage den Titel Nachtgedanken: »Wenn ich das heute zur Hand nehme, erschrecke ich. Was für eine schwarze Welt.« Und wie ist das heute? Kann er dem Begriff der Melancholie etwas Positives abgewinnen? »Aber natürlich!« Ihn, den professionellen Denker, der in seinen Büchern gerne mit den großen Worten hantiert – Glück, Liebe, Melancholie–, kann man mit großen Fragen schwer erschrecken: »Ich musste erst Aristoteles lesen, um zu erfahren, dass Melancholiker dankbar sein dürfen für ihren Zustand. Sie denken tiefgründiger über das Leben nach; und haben deshalb auch mehr davon. Unter den kreativen Menschen sind sehr viele Melancholiker zu finden.«

Erste Pause nach nicht einmal zehn Minuten Spaziergang: Der Blick geht über ein Steingeländer und Lokale, die Bolles Bootshaus und Seehaase heißen, hinaus auf das Strandbad Wannsee. Ist er hier bereit, auch über sein privates Leben, die eigenen Gefühle zu sprechen? »Ein Buch, an dem ich arbeite«, sagt Schmid, »muss erst mal mir selbst Fragen beantworten.« Im Vorwort von Liebe heißt es: »Mein Problem war, dass irgendwie immer alles schiefging.« Aus dem privaten Scheitern sei die Notwendigkeit entstanden, Philosophie zu studieren: »Sie ist die Liebe zur Weisheit, ihr traute ich zu, ein Phänomen wie die Liebe gründlich anzugehen.« Mit dem Blick auf den Wannsee erklärt Schmid: »Wer über Liebe schreibt, muss über Privates Auskunft geben, keine Frage.« Also, auf ins Private: Wie ist er überhaupt dazu gekommen, so etwas wie Gefühlsberatung zu machen? Welche Erfahrung, welche Erkenntnis legitimieren ihn, diesen Experten der Liebe, dazu, auf dem sensiblen Terrain der Gefühle Ratschläge zu geben?

Erzählung aus dem Allerprivatesten: »Meine erste Idee von Liebe ist gescheitert, idiotisch gescheitert. Meine erste Frau und ich, wir standen beim Scheidungsrichter, und wir haben uns in den Armen gelegen und geweint. Wir mussten uns eingestehen: Wir lieben uns, aber wir können nicht zusammen sein.« Der junge Ehemann, er sei sich damals sicher gewesen, was Liebe ist: immer Harmonie, große Gefühle, immer zusammen sein, sich immer verstehen. »Wir waren zwei heillose Romantiker, die nicht verstanden haben, warum sie nicht zusammen sein können. Heute würde ich sagen: Klar, zu viel Romantik.« Ach, echt? So einfach ist das?