Porträts der PräsidentenGalerie der Gezeichneten

In einer Zeit, da die Republik ihre Staatsoberhäupter schneller wechselt denn je, malt der Hallenser Volker Henze die offiziellen Porträts der Bundespräsidenten. Die Geschichte eines unbekannten Künstlers, den plötzlich die Politik einholte. von Hans-Joachim Neubauer

Christian Wulff lehnt an einem Bistrotisch. Rosa-weiß ist seine Krawatte, blau ist sein Jackett, blau sind auch seine Augen. Volker Henze stellt die Espressokanne auf den Tisch, packt Christian Wulff mit beiden Händen – und stellt ihn neben einen Schrank. »Der ist noch nicht ganz so weit«, sagt Henze.

Ein heller Tag Ende Januar 2012. Der echte Christian Wulff, der Bundespräsident, ist noch im Amt, aber er wackelt schon. Bald wird Deutschland einen neuen Präsidenten bekommen. Schon wieder. Dabei ist Henze mit dem alten noch gar nicht fertig.

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Volker Henze malt. Bislang kennt kaum jemand seinen Namen. Das wird sich ändern, denn Henze hat die Bundespräsidenten gemalt, ganz offiziell. Nicht für irgendwen: Der Auftrag kam vom Bundespräsidenten persönlich. In einer Zeit, da Deutschland seine Oberhäupter schneller wechselt als je zuvor, werden alle Träger des höchsten Amtes seit Gründung der Republik von einem Künstler verewigt.

Das war eine Idee Horst Köhlers , er ließ dafür einen Wettbewerb ausschreiben. Von Köhlers Nachfolger Christian Wulff erhielt Henze schließlich den Auftrag. Unter Joachim Gauck nun beziehen die zehn einstigen Staatsoberhäupter ihr Domizil im Berliner Schloss Bellevue: Es ist die Galerie zwischen der Eingangshalle und dem nördlichen Treppenhaus. Hier tragen sich die Besucher des Präsidenten ins Gästebuch ein. Und hier finden sie ihren Platz, die neun älteren Herren und der eine etwas jüngere Herr. Beim Bürgerfest im Schloss werden all die Porträts erstmals öffentlich zu sehen sein, am 8. und 9. September. Bis dahin ist das Projekt geheim.

Immer schon lag ein Geheimnis über dem Amt. Der politischen Sphäre enthoben, den medialen Schlachten entrückt, bewegt sich der Präsident auf dem Feld des Symbolischen. Er bewahrt sein Amt, und das Amt schützt ihn. So war es lange, so ist es nicht mehr, Bellevue ist nicht länger ein Schutzraum. Seit Köhler aufgab, seit Wulff zum Rücktritt gedrängt wurde, ist das Präsidentenamt beinahe ein Amt wie jedes andere geworden. Präsidenten müssen sich beweisen, sie sind Getriebene wie andere Politiker auch. Jetzt werden sie gemalt; es ist, als suchte das Amt den Schutz in einer Tradition, in einer Galerie der einstigen Würdenträger.

Ein Auftrag vom Staatsoberhaupt – ist Volker Henze ein Staatsmaler? »Um Gottes willen!«, ruft der Mann im blauen Pulli. Er lacht und reibt sich den Viertagebart. An der Stirnwand seines Berliner Ateliers hängen Theodor Heuss , Heinrich Lübke , Gustav Heinemann , unter ihnen lehnen Roman Herzog, Horst Köhler und Johannes Rau . Links parkt Henzes Malwagen, ein fahrbarer Metalltisch mit Palette, Farbtuben, Lappen, Pinseln. Von rechts blicken Walter Scheel , Karl Carstens und Richard von Weizsäcker durchs Fenster hinüber gen Lichtenberg.

Ein Jahr lebt er mit Heuss und Lübke, Tag für Tag begrüßt er Scheel und Rau

»Es ging nie um Staatskunst«, sagt Henze, man hört an seinem Akzent, dass er aus Halle an der Saale stammt. Dort wurde er 1950 geboren, dort ging er zur Schule, dort hat er studiert, bevor es ihn nach Dresden und Berlin zog. Deutschlands Präsidentenmaler ist freier Künstler, auch bei diesem Auftrag legt er Wert darauf, das zu sein. Den Menschen hinter der öffentlichen Person will er zeigen, nicht das Amt. Das soll er auch. Henze versteht das so: Repräsentieren können die Bilder nur, wenn sie lebendig gemalt sind – und eben nicht im repräsentativen Gestus. Wie malt man Würde? »Weiß nicht«, sagt Henze und denkt nach, dann antwortet er: »Mit Zuneigung.«

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