Rainald Goetz: "Johann Holtrop"Tickt so die Wirtschaft?

Endlich das große Gesellschaftspanorama unserer Zeit? Der viel umraunte Roman von Rainald Goetz »Johann Holtrop« (Suhrkamp Verlag) handelt vom Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff – und ist zugleich eine hasserfüllte Abrechnung mit unserer Gesellschaft. Kann das gut gehen? Die Literaturkritikerin Iris Radisch und der Wirtschaftsredakteur Rüdiger Jungbluth haben das Werk inspiziert. von 

Dieser Roman beschäftigt sich mit der deutschen Wirtschaftselite, und so muss die Frage erlaubt sein, wie viel der Autor von der deutschen Wirtschaft versteht oder ob er nur literarische Fantasien über sie in Umlauf bringt. Gleich auf der ersten Seite steht zweimal das Wort »Gier« und einmal das Wort »größenwahnsinnig«. Man ist im Zweifel, ob der Autor wirklich tieferen Einblick hatte in die Welt, über die er schreibt.

Müsste er sonst nicht wissen, dass kein Unternehmer für einen Firmennamen (Arrow PC) das Kürzel PC verwenden würde, wenn er dabei nicht Personalcomputer meinte, sondern »Produkte und Consulting«? Dass es für Büroreinigungspersonal mitnichten einen Anspruch auf »arbeitsschutzrechtlich vorgeschriebene Zigarettenpausen alle zwanzig Minuten zwischendurch« gibt und dass niemand, wirklich niemand in diesem Land »als Scheinselbstständiger beim Finanzamt registriert« ist.

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Man kann derlei natürlich als gewollte Verfremdungen lesen, als frühe Distanzierung des Autors von seinem Sujet, geht es ihm doch um die Menschen in der Wirtschaft, nicht um die Wirtschaft. Vielleicht schreibt Goetz ja auch deshalb »Schuldansprüche«, wo »Forderungen« das richtige Wort wäre. Aber warum, wenn nicht aus schlichter Unkenntnis, bedient er sich der Bilanzsumme, wenn er die Größe des von seinem Helden Johann Holtrop geleiteten Medienkonzerns beschreiben will, und nicht, wie der Kundige es täte, die Erlöse, den Umsatz?

Die Halbgenauigkeiten reißen nicht ab: Zwar ist die im Roman kurz erörterte Annahme plausibel, dass eine Unternehmerfamilie ihre Firma an einen Fonds verkaufen könnte. Aber wenn Rainald Goetz davon erzählt, dass die Familie Assperg ihren Anteil, wenn es ihr einfiele, auch »an einen saudischen oder taiwanesischen Hedgefonds« veräußern könnte, offenbart er, dass er von derlei Dingen keine Ahnung hat. Hedgefonds sitzen typischerweise in New York, London oder in Steueroasen. Die Ölstaaten des Nahen Ostens haben dagegen riesige Staatsfonds, in denen sie einen Teil ihres Reichtums verwalten, und auch der Taiwan National Stabilisation Fund ist kein (spekulativ ausgerichteter) Hedgefonds, sondern ein (langfristig investierender) Staatsfonds. Andererseits: Es ist ja kein Finanzkrimi, den Rainald Goetz da geschrieben hat, kein Wirtschaftsthriller, sondern ein Roman. Der Leser sollte nicht erwarten, dass die technischen Details der Realität entsprechen, zumal Goetz seine Ferne zum Metier ganz wunderbar zu kaschieren vermag: Wo er sich nicht so genau auskennt, erfindet er kurzerhand die nötigen Begriffe. »Nebenabzugsfähig« ist ein Wort, das es im Steuerrecht nicht gibt, aber es klingt so stimmig, als gäbe es darüber drei Urteile des Bundesfinanzhofs. Es sind viele korrekt klingende, und dabei ganz und gar sinnlose Worte, die sich der Autor hat einfallen lassen: »Rücksatzvortrag«, »Besitzfestgelder«, »Verlustprämiendividende« oder »Schnellumschuldungszertifikate«. Man möchte gleich weitere dazuerfinden: »Abschreibungsdispo«, »Bonifikationsderivat« oder »Finalverbindlichkeits-Swaps«.

Spätestens auf Seite 26 wird klar, dass man einen nur wenig verschlüsselten Schlüsselroman liest. Es ist der deutsche Groß- und Skandalmanager Thomas Middelhoff, den Rainald Goetz in der Figur des Johann Holtrop zum Protagonisten seines Romans macht. Und wer in den vergangenen Jahren die zahlreichen Geschichten zum Großskandalkomplex Arcandor/Karstadt/Oppenheim/Esch gelesen hat, der kennt die ganze Story, die Rainald Goetz erzählt: den Absturz des gefeierten, charismatischen Topmanagers und Dealmakers, das Zwischenspiel als Wagniskapitalgeber in London, die schwer erklärliche Verbindung zu einem vierschrötigen Vermögensverwalter (die Josef-Esch-Figur im Roman trägt den Namen Mack). Dann die Bekanntschaft mit einer Rat suchenden Unternehmerin (Gabriele Heintzen in der Rolle der Madeleine Schickedanz), der Einstieg bei einem anderen traditionsreichen Konzern, erst als Aufsichtsratschef, dann als Vorstandschef, am Ende dann die Megapleite, Ermittlungen, Klagen, Prozesse.

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