Pantomime Samy Molcho"Ich bin nie gegen den Strom geschwommen"

Der Pantomime Samy Molcho züchtete als Soldat der israelischen Armee Brieftauben. Abends konnte er tanzen gehen. von Herlinde Koelbl

Der Pantomime Samy Molcho

Der Pantomime Samy Molcho  |  © Herlinde Koelbl

ZEITmagazin: Herr Molcho, Sie waren ein weltweit bewunderter Pantomime. Stimmt es, dass Sie eigentlich Sänger werden wollten?

Samy Molcho: Als ich jung war, gab es viele berühmte Chansonniers, die ich bewundert habe. Mein Gesangslehrer hat mir aber gesagt, ich solle besser den Mund halten. Ich habe auf ihn gehört und wurde ein guter Pantomime. Spielen war für mich die Erweiterung meines eigenen Ichs.

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ZEITmagazin: Auf allen Kontinenten haben Sie Erfolge gefeiert, aber warum haben Sie die Bühne verlassen?

Molcho: Das hatte mehrere Gründe. Die Theater waren voll, ich hätte weiter spielen können. Im Unterschied zu einer alten Stradivari wird mein Körper aber nicht besser mit den Jahren, ganz einfach. Mein Kollege Marcel Marceau war zuletzt nur noch das Denkmal seiner selbst auf der Bühne, das war traurig. So eine Tournee dauert drei bis vier Monate, und ich wollte heiraten, eine Familie gründen. Sechs Jahre lang konnte meine Frau Haya keine Kinder bekommen, das war für uns beide nicht einfach, aber wir hatten uns pur, eine wunderbare Zeit. Als dann unsere vier Söhne kamen, wollte ich sie natürlich aufwachsen sehen. Also habe ich am Max Reinhardt Seminar in Wien eine Professur angenommen, damit ich oft mit meiner Familie zusammensein konnte. Ich habe aufgehört zu trainieren und nur eine, wirklich endgültige Abschiedstournee gemacht. Man muss eben wissen, wann man loslässt.

Samy Molcho

76, ist in Tel Aviv geboren und aufgewachsen. Er war zunächst Tänzer, in den sechziger Jahren wurde er als Pantomime international bekannt. 1977 wurde er Professor am Max Reinhardt Seminar in Wien, wo er seitdem lebt. Als Pantomime gab er 1987 seine Abschiedstournee. Bis heute hält Molcho Seminare über Körpersprache ab. Seine Bücher zu dem Thema sind Standardwerke

ZEITmagazin: Sie haben für die Familie auf die Bühne verzichtet?

Molcho: Das Problem mit einer Entscheidung ist nicht, wofür ich mich entscheide, sondern wogegen. Selbstverständlich hat mir das gefehlt, Theater ist wie eine Sucht. Entweder ärgerst du dich, dass die auf der Bühne so schlecht sind – oder so gut. Ein Alkoholiker darf auch keinen Tropfen Alkohol mehr trinken. Deshalb konnte ich lange nicht ins Theater gehen. Das hat mich geschmerzt, es war eine Trennung. Wenn ich heute Fotos von mir damals sehe, ist das, als ob ich eine andere Person sehe. Meinen Kindern habe ich das erste Mal Kritiken von mir gezeigt, als sie schon erwachsen waren. Warum sollte ich sie damit belasten? Es war ein Teil meines Lebens, eine Phase war zu Ende.

ZEITmagazin: Mit zehn Jahren haben Sie angefangen zu tanzen, 1946 in Tel Aviv. Ihr Vater war davon nicht begeistert.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Molcho: Er wollte, dass ich einen Beruf lerne, um eine Familie ernähren zu können, Kunst war für ihn kein Beruf. Ich habe nicht dagegen revoltiert, sondern meine Zeit so organisiert, dass ich auch tanzen gehen konnte. Auf der Bühne hatte ich ein Pseudonym. Ich bin aber nie gegen den Strom geschwommen, ich wollte nie provozieren, auch nicht in der Armee. Im Militärdienst als Funker bei der Nachrichteneinheit war ich sehr unglücklich, habe auf den Tischen getanzt, bin öfter aus der Kaserne weggerannt und wurde bestraft. Aber ich konnte nicht still sitzen, wenn Martha Graham, die berühmte Choreografin aus Amerika, einen Kursus in der Stadt gab. Eine Offizierin hat mich deshalb auf einen Außenposten versetzt: Ich sollte Brieftauben züchten und diese trainieren. Mit den Tauben wurden geheime Nachrichten übermittelt, die nicht über Funk gehen sollten. Ich war mit den Tieren in einem Zelt weit außerhalb der Kaserne untergebracht. Für meine Seele war das die Rettung. Meine Kameraden haben nicht verstanden, dass ich bei Wind und Wetter draußen sein wollte. Aber in dem Schlafsaal war es schrecklich. Ich war keine Gruppenperson, immer ein Solist. Ich habe die Natur geliebt, kannte jede Taube, wusste, welche Kerne sie am liebsten fraß. So konnte ich abends tanzen gehen, und tagsüber hatte ich meine Tauben wie ein Papageno, das war lustig.

ZEITmagazin: Ihre Frau Haya, die ebenfalls aus Tel Aviv stammt, ist 18 Jahre jünger als Sie. Als Restaurantbesitzerin und Kochbuchautorin ist sie in Österreich in den letzten Jahren sehr bekannt geworden. Kommen Sie mit ihrem Ruhm klar?

Herlinde Koelbl

gehört neben dem Psychologen und Coach Louis Lewitan, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews bekannt

Molcho: Es stimmt, hier in Österreich kriegt Haya mehr Presse als ich, sie ist eine Top-Köchin. Momentan hat sie drei Restaurants, die so heißen wie unsere Söhne. Demnächst verkauft sie sogar im Supermarkt Hummus und andere leckere Sachen. Ich muss mit ihr jetzt über Kochen und Essen reden, über Sachen, die mich nie im Leben interessiert haben. Aber wenn ich sehe, wie ihre innere Flamme lodert, dann sage ich: Ja, mach es. Tag und Nacht ist sie unterwegs, sie geht darin auf, nur für mich ist sie plötzlich nicht da. Ich komme nicht zu kurz, aber ich komme sehr kurz, das gebe ich zu. Damit muss ich leben, ich war nie der einzige Mann in ihrem Leben. Zumindest zu Hause war ich nur einer von fünf Männern.

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    • Schlagworte Theater | Alkohol | Bühne | Denkmal | Familie | Solist
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