Als der Himmel über Breda aufreißt und die Sonne endlich scheint, läuft ein vielstimmiges »Aaaah« über den Grote Markt. Wind- und Strickjacken werden ausgezogen, Locken neu arrangiert, Mähnen geschüttelt. Der Platz erglüht in allen Farben zwischen Gelborange und Tizianrot. Tausende Rothaarige, der Veranstalter sagt 5000, feiern in dem niederländischen Städtchen südöstlich von Rotterdam sich selbst und ihre Haarfarbe. Bloß ein bis zwei Prozent der Menschheit sind rothaarig – hier und heute, am Roodharigendag oder Readhead Day, sind sie klar in der Mehrheit.

Wenn eine Minderheit sich feiert, ob bei den Paralympics oder am Christopher Street Day, geschieht dies auch aus schmerzlichen Erfahrungen heraus. Der Zusammenhang zwischen rothaarigen Frauen, dem Teufel und der Hexenverbrennung mag nahezu vergessen sein – »Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen« –, aber die Rothaarigkeit eines Babys kann nach wie vor die elterliche Freude trüben. In Irland wechselte man noch vor 40 Jahren die Straßenseite, kam einem ein Redhead entgegen; solch eine Begegnung konnte die Milch der Kühe verderben. Vor drei Jahren provozierte eine satirische Folge der US-Serie South Park einen Facebook-Aufruf zu einem »Kick a Ginger«-Day, »Tritt einen Rothaarigen«-Tag, an dem es dann zu etlichen Gewalttaten kam.

Spätestens in der Schule erfahren rothaarige Kinder, was es heißt, nicht wie alle anderen zu sein. Daniele Cristiani ist mit seinem Bruder Giorgio aus Mailand angereist. Der 28-Jährige erinnert sich gut, wie er damals als carota beschimpft wurde. Er ist ein Spross dunkelhaariger Eltern, die sich seine Haarfarbe lange nicht erklären konnten. Bis sich Oma an einen uralten Onkel erinnerte, der rote Haare gehabt hatte.

Da die Genvariante für rotes Haar rezessiv vererbt wird, kann sich dieses Erbgut über viele Jahrzehnte verstecken. Das Rot erwacht erst, wenn sich zwei mit der gleichen Veranlagung paaren. Daniele ist heute Banker und hat seine Kindheit offenbar bewältigt. »Rot zu sein ist ein Traum!«, sagt er und lacht. »Es ist magisch, sehr speziell! Ich hoffe, mal eine rothaarige Freundin zu finden.«

Seine Chancen haben sich auf jeden Fall verbessert, seit er in diesem Mai in Mailand das erste italienische Rotschopftreffen »Rossitalia« organisierte. Hundert rothaarige Italienerinnen und Italiener kamen auf dem Mailänder Domplatz zusammen.

Das erste weltweite Rothaarigentreffen organisierte Bart Rouwenhorst, ein Berater der Energiewirtschaft und Maler, im Jahre 2005. Für ein Bild hatte er einmal rothaarige Modelle gesucht. Er erkannte das große Bedürfnis vieler Rothaariger nach Austausch (und seine eigene Leidenschaft für Frauen mit roten Haaren). Mittlerweile findet das Festival zum siebten Mal statt, mit Modenschau, Fotoshootings, Handlesen, Aurafotografie und wissenschaftlichen Vorträgen. Rothaarige reisen aus Israel, Costa Rica, Argentinien und Katar an. Selbst ein russisches Filmteam ist gekommen.

Alle cremen sich ein. Die Sonne lässt das rote Haar leuchten, aber sie verbrennt auch die Haut. Rothaarigen fehlen jene Pigmente, die nicht nur das Haar verdunkeln, sondern auch die Haut braun werden lassen und sie so vor ultravioletten Strahlen schützen.