Nie zuvor hat ein Gastgeberland für das Gipfeltreffen der Pazifik-Anrainerstaaten so viel Geld ausgegeben. Knapp 20 Milliarden Euro steckte Russland in kilometerlange Brücken, einen neuen Flughafen und ein Konferenzzentrum mit künstlichem Wasserfall. Der Apec-Gipfel in Wladiwostock, zu dem die Vertreter von 21 Staaten anreisen, soll für ein modernes Russland werben, das sich dem Osten zuwendet.

Bislang ist Moskaus Position in Asien schwach. Zwar bemüht sich Russland schon seit Langem darum, in allen regionalen asiatischen Staatsorganisationen vertreten zu sein. Aber es fehlte ein Gesamtkonzept für seine asiatische Integration, und das Bild Russlands in Asien blieb beschränkt auf ein europäisch geprägtes Land, das nur Rohstoffe zu bieten hat. Dies soll sich ändern – vor allem aus ökonomischen, aber auch aus politischen Gründen.

Im Gegensatz zum europäisch-atlantischen Modell, das von einer Krise in die nächste rutscht, verheißt Asien eine boomende Zukunft mit zweistelligen Wachstumsraten. Russlands Führung will von Asiens Know-how und seiner innovativen Technologie profitieren. Die Osthälfte Russlands, also die Landesteile Sibirien und der Ferne Osten, sollen mithilfe asiatischer Investitionen gestärkt werden. Beide Regionen fühlen sich von Moskau vernachlässigt, es gibt erste sektiererische Autonomiebewegungen. Zudem will Russland gemeinsam mit anderen Pazifik-Anrainerstaaten Chinas Dominanz ausbalancieren. Eine abgestimmte Sicherheitspolitik und gemischte Investorengruppen aus verschiedenen Ländern sollen dabei helfen.

Russlands Drift nach Osten stößt noch auf Hindernisse. Bei den meisten der von Russland ausgerufenen Hauptthemen für das Gipfeltreffen hakt es: von der Liberalisierung des Handels bis zur Vergabe von Landwirtschaftsflächen im Fernen Osten an ausländische Pächter. Manche Kooperationen, die in Wladiwostok verkündet werden, sind seit Jahren geplant. Die gemeinsame Modernisierung der Transsibirischen Eisenbahn lässt Russlands Traum von einer Transportbrücke zwischen Asien und Europa noch lange nicht wahr werden. Hohe Frachtkosten und ein zu mächtiger Zoll stehen weiter im Weg.

Neu ist jedoch, dass Russland sich nicht in Asien engagiert, um dem US-amerikanischen Konkurrenten eins auszuwischen. Diesmal folgt es dem eigenen Interesse. Die früher oft spürbare Arroganz gegenüber den östlichen Nachbarn ist in Moskau der Erkenntnis gewichen, dass große Teile Asiens entwickelter sind als das eigene Land.

Für Europa hat das Folgen. Russlands ehrgeiziges Ziel ist es, sein asiatisches Handelsvolumen zu verdoppeln, das derzeit unter 25 Prozent liegt. Das ginge zulasten Europas und würde bei vielen in Russland Schadenfreude hervorrufen. Zwar zeigten sich schon früher Vertreter der Moskauer Elite genervt vom Westen, der sich in ihren Augen wie ein Oberlehrer gebärdete und auf Werten beharrte, die kaum zur pragmatisch bis zynischen Außenpolitik Russlands passen. Aber der Westen blieb das maßgebende Modell. Heute verliert er seinen Glanz.

Die westliche Empörung über die repressive Politik, mit der Präsident Wladimir Putin der Protestbewegung vor und nach den Wahlen begegnete, und die Kritik an dem harschen Urteil gegen die Frauen-Punkband Pussy Riot irritieren die russische Führung. Putins Losung von den äußeren Feinden, die Russland vor allem aus dem Westen bedrohen, findet nicht mehr nur Nachbeter, die dem Mächtigen gefallen wollen. Den antiwestlichen Reflex haben anscheinend viele mittlerweile verinnerlicht. Sie wenden sich lieber Asien zu, für dessen Autokratien Menschenrechte keine Rolle spielen. Das bedeutet noch keine Abkehr von Europa, aber eine wachsende Entfremdung.