Helmut Schmidt: Als ich das erste Mal nach Peking kam, empfing mich der Kaiser von China – übrigens war das damals Mao Zedong.

Lee Kuan Yew: (lacht)

Schmidt: Mao war ein brutaler Bursche.

Lee: Er war ein großer Guerillakämpfer, der China befreite. Aber er zerstörte China auch mit der Kulturrevolution. 18 Millionen Menschen starben an Hunger, weil sie alle Messer, Gabeln und Löffel einschmelzen sollten. Der Mann war verrückt. Er dachte, nachdem er China befreit hatte, könne er die Welt einfach so verändern.

Schmidt: Er dachte: Wir brauchen das industrielle Proletariat nicht; wir nehmen das ländliche Proletariat.

Lee: Ja.

Schmidt: Aber in den Dörfern sind die Menschen gewöhnlich nicht revolutionär.

Lee: Da bin ich mir nicht so sicher. Ich denke, dass die Menschen jetzt, da es iPhones, Internet und landesweites Fernsehen gibt, sehr unzufrieden sind, weil sie die wohlhabenden Städte an der Küste sehen und die armseligen Häuser, die sie selber haben.

Schmidt: Wann sind Sie eigentlich Konfuzianer geworden?

Lee: Das habe ich mich selbst schon gefragt, ich glaube, ich wurde als Konfuzianer erzogen. Von der Familie, den Werten her. Es gibt eine chinesische Redewendung, die lautet so: Wenn du dich um dich selbst kümmerst, dann kümmerst du dich um deine Familie; bist du dem Kaiser treu, dann wird das Land erfolgreich sein. Das heißt, zunächst muss man sich um sich selbst kümmern und ein Gentleman sein. Das ist ein Grundbedürfnis. Jedes Individuum sollte versuchen, ein Gentleman zu sein.

Schmidt: Ich wurde als Christ erzogen, und am Ende glaube ich an nichts.

Lee: Nun, die Europäer sind anders als die Amerikaner. Amerikaner sind immer noch gläubig ...

Schmidt: Schrecklich! Auf eine sehr naive Art!

Lee: ...und denken, dass Evolution und Darwinismus Unsinn sind, dass die Welt von Gott geschaffen wurde. Ich glaube, die Europäer sind geistig weit entwickelt, als Folge zweier Weltkriege. Sie waren Zeugen sinnloser Fehden und Feindschaften, Hoffnungen und ehrgeiziger Pläne, die zu nichts als Tragödien geführt haben. Napoleon versuchte, Europa zu vereinen, und später auch Hitler.

DIE ZEIT: Gerade vor diesem Hintergrund: Ist die Europäische Union, die wir heute haben, trotz all ihrer Fehler, nicht eine ungeheure Leistung und eine Inspiration für andere Weltregionen?

Lee: Nein, ich sehe in der Europäischen Union keine Inspiration für die Welt. Ich betrachte sie als ein Unterfangen, das aufgrund von zu schneller Expansion falsch konzipiert wurde und vermutlich fehlschlagen wird.

ZEIT: Also kann Asien von der Integration Europas nichts lernen?

Lee: Wir können Integration ganz sicher nicht auf die gleiche Weise erreichen. Was wir gewinnen können, ist wachsende Einsicht in die gemeinsamen Interessen, dazu Freihandelszonen, und dann können wir nach und nach darauf aufbauen. Das Problem in Asien ist die Vormachtstellung Chinas.