Stellt man sich eine »Medienschule« vor, denkt man an millimeterflache Tablets, über deren blinkende Flächen die Schüler wischen. In den Fensterscheiben spiegeln sich die modernen Wandtafeln: interaktive Whiteboards. Tatsächlich sieht es so nur in den bestausgerüsteten Schulen Deutschlands aus, etwa in privaten Internaten, die gern mal 2500 Euro Schulgeld im Monat kosten.

Die deutsche Unterrichtsrealität ist eine andere. In vielen Schulen gibt es noch immer den guten, alten, mit nicht gerade taufrischen PCs ausgerüsteten Computerraum, der reihum von verschiedenen Klassen belegt wird. Nur an wenigen Bildungseinrichtungen stehen Computer für alle zur Verfügung. Daher forderte Anfang dieses Jahres die Enquetekommission »Internet und digitale Gesellschaft«, der Staat solle jedem Schüler ein eigenes Gerät finanzieren, um ihn fit zu machen für eine Zukunft, in der es ohne Technik nicht mehr gehe. Doch lernt es sich mit Computern tatsächlich besser? Und wie verändern die digitalen Medien den normalen Unterricht? Wer Antworten auf solche Fragen sucht, findet sie zum Beispiel am ESG, dem Evangelischen Stiftsgymnasium in Gütersloh.

Seit 1999 begreift sich das ESG als »Medienschule«. Ab der siebten Klasse bekommt dort jeder Schüler einen eigenen Laptop, der zwar nicht sonderlich trendy, aber dafür umso stabiler ist. 30 Euro bezahlt er für den Rechner im Monat; beim Abitur gehört das Gerät ihm. Ansonsten wirkt das Gütersloher Gymnasium recht traditionell. Vom Blitzen und Blinken der neuen Medienwelt ist wenig zu spüren. In dem alten Backsteinbau riecht es staubig. Von einem Whiteboard keine Spur, zumindest nicht im Klassenzimmer der Neunten, deren Deutschstunde gerade beginnt.

Stattdessen schiebt Irene Proempeler die alte grüne Tafel nach unten. Knarzend macht sie Platz für die Projektion des Beamers. Es dauert, bis ein Bild erscheint – was Proempeler aber nicht aus der Ruhe bringt. »Ihr wisst ja, mein Laptop ist schon älter«, kommentiert die 48-Jährige.

Die Schüler analysieren Aufnahmen aus einer Inszenierung von Bertolt Brechts Mutter Courage, die der Beamer blass an die speckige Wand wirft. Anhand der Bilder sollen sie Schlüsse auf den Inhalt des Dramas ziehen, das sie bisher noch nicht kennen. Das Aufgabenblatt dazu hat Proempeler auf dem Schulserver gespeichert. Tastenklackern, Stühlerücken – es dauert, bis jeder in der Klasse das Dokument geladen und Partner für die Gruppenarbeit gefunden hat. »Versuche selbst, eine Handlung für das Drama zu entwickeln«, lautet die Aufgabe. Das Gemurmel wird lauter. »Heißt das, wir sollen ein ganzes Stück schreiben?«, will ein Schüler wissen. Proempeler wandert durch die Reihen, blickt hier über die Schulter, beantwortet dort Fragen. In ihrer weißen Leinentunika wirkt sie nicht wie ein Technik-Crack. Aber sie hat die Klasse im Griff.

Die Computer allein brächten wenig, sagt Irene Proempeler. Man müsse vom didaktischen Konzept ausgehen und die neuen Medien darin sinnvoll einbetten. Die Schüler sollten lernen, Aufgaben erst einmal zu verstehen und dann selbstständig zu lösen, erklärt sie. Aber braucht dafür jeder Schüler einen Laptop? Nicht unbedingt, meint Proempeler – doch er erleichtere das Schreiben.

Tatsächlich können Computer helfen, Schreibhürden zu überwinden. Die Pädagogikprofessorin Barbara Kochan, die seit den 1970ern zu sprachlichem Lernen forscht, bezeichnet den Rechner als »idealen Unterstützer kreativer Schreibprozesse«. Ihre Studien zeigen, dass Kinder weniger gehemmt sind, wenn sie beim Formulieren eines Satzes nicht auch noch auf schöne Schwünge und eine fehlerfreie Orthografie achten müssen.