In der Mode wird derzeit eine ungewöhnliche Freiheit gefeiert: die der weiblichen Silhouette. Stella McCartney polstert stark taillierte Kleider an der Hüfte aus. Vivienne Westwood packt üppige Überwürfe um die Frau herum, bei Dolce & Gabbana feiert die Corsage ihr Comeback. Sarah Burton, die Designerin bei Alexander McQueen , ließ bei den Schauen die Models wechselweise aussehen wie Baumkuchen, Lampenschirme oder Riesenküken. Bei Gucci traten die Models in weiten Capes und langen Samtröcken auf. Céline schneidert Mäntel, die wirken, als seien sie aus Kartons. Das könne schon ziemlich maskulin wirken, gab die Designerin Phoebe Philo zu, aber das sei nun mal die Art, wie sie Frauen anziehe: »Ich glaube, es ist befreiend für die Frauen, nicht mehr auf bestimmte Silhouetten festgelegt zu sein.« Die Frau bestimmt ihre eigene Silhouette – das ist erstaunlich, bedenkt man, wie sehr die Form des weiblichen Körpers immer von vielen Faktoren bestimmt wurde, nur nicht von den Frauen selbst.

Wer Mode verstehen will, muss sich anschauen, welches Bild sich eine Gesellschaft von der Frau macht, und das zeigt sich am deutlichsten in der weiblichen Silhouette. Die war nicht immer extrem schmal, sondern auch schon mal sehr ausladend.

Welche Form eine Frau in ihren Kleidern ausfüllt, entspricht nicht unbedingt der Art, wie Frauen sich kleiden mögen, nicht einmal der Idealvorstellung, die Männer von einer Frau haben. Vielmehr entstehen Silhouetten in einem Wechselspiel: aus einer Mischung von erotischen Signalen, gesellschaftlichen Konventionen und Machtverhältnissen. Ein bauschiger Rock weist zum einen auf das Geschlecht seiner Trägerin hin und verhüllt es gleichzeitig aufwendig. All dies drückt sich in der Kleidung aus, die Frauen tragen.

Und manchmal hatten sie sehr schwer daran zu tragen: Ende des 16. Jahrhunderts etwa legten die Frauen der gehobenen Gesellschaft kegelförmige Reifröcke an, eine Erfindung aus Spanien . Diese trug man zusammen mit einem Korsett, das mit Eisenstäben und Fischbein versehen war. Manchmal wurde es auch mit Bleiplatten gepanzert, um die Brust verschwinden zu lassen. Brüste entsprachen nicht dem strengen Ideal der spanischen Mode.

Als mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV . die französische Mode zur höfischen Weltmode wurde, nahm die Deformierung der Frau nur noch zu. Mithilfe von Einlagen wurde den Frauen ein künstlich aufgepolstertes Gesäß verpasst. Das Ganze nannte man »Pariser Steiß«, und es wurde in ganz Europa getragen.

Kurz bevor die Könige ihre Köpfe verloren, geriet die Überformung des weiblichen Körpers dann endgültig aus den Fugen. Um der schieren Machtdemonstration willen wuchsen die Röcke der Hofdamen ins Uferlose. Um 1740 herum konnten diese nur noch seitlich durch Türen gehen, später wurden die riesigen Stoffberge noch zusätzlich mit Polstern über den Hüften versehen. Nun waren die Kleider so schwer, dass die Schleppen getrennt geliefert und erst im Vorzimmer angeknöpft wurden, und sie waren so mächtig, dass im Winter kein Mantel darüber getragen werden konnte, also wurden die Roben mit einem Steppfutter versehen. Erst mit der Französischen Revolution kam die Idee auf, dass Mode den natürlichen Körper zeigen könnte. Allerdings übertrieb man auch dies gründlich, sodass die bürgerliche Dame gezwungen war, hautfarbene Trikots zu tragen, um in den transparenten Stoffen ihres Kleides nicht ziemlich nackt auszusehen.

Die Aufgabe von Kleidung war, Wohlstand und Reichtum zu repräsentieren. Und je mehr Raum der Rock einer höheren Dame verdrängte, desto wichtiger erschien das Haus, das sie repräsentierte. Die Frau selbst spielte keine Rolle. Dass Männer Individuen sein könnten, ahnte man zumindest. Aber Frauen als Individuen – das war nicht vorstellbar. In der Moderne ist Mode nicht mehr ausschließlich dafür da, den Status der gesellschaftlichen Elite sichtbar machen. Möglich wurde das durch die Industrialisierung der Textilproduktion. Ästhetisch gestaltete Kleidung wurde für die Masse erschwinglich. Es geht auch weiterhin darum, Wohlstand zu demonstrieren. Nur zeigt sich jetzt Luxus darin, dass man in der Lage ist, jedem Trend zu folgen. Das kurzlebige Kleid hat das prächtige abgelöst.

Auch deswegen wechselten im 20. Jahrhundert die Frauenbilder schneller als je zuvor: Die Designer entwarfen immer neue Silhouetten der Frau. Erst war sie androgyn, dann begeisterte nach dem Krieg Christian Dior mit einer Vielzahl von neuen Kleiderschnitten, der A-Linie, der H-Linie, der Y-Linie. Später markierten die hüftbetonten Formen der Kleider die Rückkehr der Trümmerfrauen an den Herd. In den sechziger Jahren schufen wiederum mädchenhafte Schnitte die sexuell nahbare Kindfrau. In den achtziger Jahren wurde die Powerfrau mit breiten Schultern geboren.