DIE ZEIT : Herr Hacke, man stolpert im Ausland auf Speisekarten ja immer wieder mal über skurrile Dinge wie »beleckte Brötchen«. Aber wie lange muss man diese Fehler sammeln, bis ein ganzes Buch zusammenkommt?

Axel Hacke: Ach, das weiß ich gar nicht mehr. Es hat ganz harmlos angefangen, ähnlich wie beim Weißen Neger Wumbaba, bei dem es ja um falsch verstandene Liedtexte ging. Vor etlichen Jahren habe ich in meiner Kolumne im SZ-Magazin mal ein paar solcher Fehler zitiert. Dann schickten mir Leute Briefe mit weiteren Beispielen, die ich dann wieder in Texte eingebaut habe, und seitdem kriege ich regelmäßig diese Post. Die Leute wissen halt inzwischen, dass ich so was sammle.

ZEIT: Jagen Sie denn auf Reisen auch selbst nach neuem Material?

Hacke: Nein, meistens ist es Zufall. In der Bretagne zum Beispiel, in Cancale, dem Zentrum der französischen Austernzucht, blieb mein Sohn plötzlich vor einem Lokal stehen und sagte: Guck mal hier! Und das war eine der lustigsten Speisekarten überhaupt. Mir selber wär die gar nicht aufgefallen.

ZEIT: Aus Cancale stammt das Gericht »Schweines niedlich, das gebraten, von Kartoffeln im Samen von Senf erdrückt ist, saurer Sauce sanfter(süßer) Honig, grüne Zitrone und Ingwer«. Interessant. Man fragt sich bei so was ja immer: Warum haben die nicht einfach mal einen deutschsprachigen Gast gefragt? Haben Sie dieses Rätsel lösen können?

Hacke: Nein, ich versteh’s nicht. Selbst wenn man korrigiert, nützt das nicht viel. Wir haben ja eine Art zweiten Wohnsitz in einem italienischen Dorf. Es gibt dort ein Lokal, da waren wir vor vielen Jahren mal im Frühjahr, als der Wirt gerade seine Speisekarte zusammenstellte. Er fragte meinen Schwiegervater, ob der ihm die Karte nicht übersetzen kann. Mein Schwiegervater saß den ganzen Mittag da und hat diese Karte perfekt ins Deutsche übersetzt. Und als wir im Sommer wiederkamen, was hing vorm Lokal? Eine völlig falsche Speisekarte. Aber es ist nun wirklich nicht so, dass ich mich darüber aufrege. Im Gegenteil. Das ist doch alles sehr lustig.

ZEIT: Beim Lesen Ihres Buchs machen nicht nur die Fehler Spaß, sondern auch Ihr freundlicher Umgang mit diesen Unzulänglichkeiten.

Hacke: Der Mensch ist fehlerhaft. Ich finde es eben langweilig, lehrerhaft darauf zu beharren, dass alles richtig sein muss – das ist sehr einschränkend. Unser Reichtum liegt in den Fehlern, durch sie lernen wir unsere Sprache noch mal völlig neu kennen: ihre Möglichkeiten, wenn sie mal von den Fesseln der Grammatik befreit ist. Ihren Witz, ihren Klang! Diesen Sound des Sinnlosen. Die große Freude entsteht aus der Komik des überraschend Falschen.

ZEIT: Besonders faszinierend sind Gerichte wie »Muscheln zur Bluse des Matrosen«, »Zeichnet Ihnen das Werfen« oder das lakonische »Allein auf dem Grill mit Kartoffeln und Salat«. Was haben sich die Wirte dabei gedacht?

Hacke: Ich fürchte: nichts. Ich habe mir den Spaß gemacht, mal zu verfolgen, wie diese Fehler zustande kommen. Oft liegt es an den Übersetzungsprogrammen im Internet. Die haben eine ganz eigene Maschinenpoesie. Oberst von Huhn zum Beispiel, der Titel meines Buchs, stand ursprünglich als Supreme of Chicken auf der Karte – eine Suprême also, ein besonders guter Teil vom Huhn. Das Wort gibt es aber im Deutschen nur als Fremdwort. Der Computer sucht also und findet als Übersetzung für supreme »oberster«, Supreme Court zum Beispiel, der Oberste Gerichtshof. Und da denkt er: Das muss es sein! Supreme of Chicken ist Oberst von Huhn! Der Computer nimmt übrigens immer das Wort, das am wenigsten mit Essen zu tun hat.

ZEIT: Haben Sie einen Lieblingsfehler?

Hacke: Meine absolute Nummer eins ist das Gericht, das einer meiner Leser in Griechenland auf einer Karte gefunden hat: Onion Rings – eigentlich Zwiebelringe, aber übersetzt wurde es mit »Zwiebel ruft an«. Das ist zwar nicht richtig, aber es ist eben auch nicht ganz falsch. Onion ist nun mal die Zwiebel, to ring heißt anrufen. Am meisten mag ich diese Dinger, die man nachverfolgen kann. Wieso gibt es in Metz in Frankreich in der Nähe des Bahnhofs das Gericht »Sockel des Sünders«, eine Assiette du pêcheur? Assiette heißt Teller, aber das hat mit Essen zu tun, das mag der Computer nicht, deshalb nimmt er die zweite Bedeutung, »Sockel«. Und pêcheur ist zwar der Fischer, aber pécheur ist der Sünder.

ZEIT: Sie schreiben, dass man oft nur durch Bestellung herausfinden kann, worum es sich auf der Karte handelt. Aber mal ehrlich: Wenn Sie Hunger haben, bestellen Sie auf der zitierten spanischen Karte doch auch lieber die Nummer »76 Ravioli« anstelle der Nummer »77 Penis«?

Hacke: Ja, das würde ich wohl. Es gibt ja auch den »Schwanz des Anglers«. Oder »Das Ding vom Chef«, das fand ich schon auch sehr gut. Hat mir auch ein Leser geschickt, aber bestellt hat er’s nicht. Fast schade. Aber verständlich. Wer will schon das Ding vom Chef auf dem Teller?

ZEIT: Umgekehrt blamieren sich die Deutschen auch gerne, beim Italiener um die Ecke zum Beispiel. Die Mutter einer Bekannten bestellte mal einen Porno Grigio und einen Gemüseeinlauf.

Hacke: (lacht) Wahnsinnig gut! Hat sie’s bekommen? Klar, beim Italiener wollen die Leute zeigen, was sie können, das führt oft zu wunderbaren Situationen. Ein Freund von mir hat mal in München in einer italienischen Bar, um seiner Tochter zu imponieren, ganz laut due Paganini bestellt. Und wunderte sich dann, warum alle lachten.