In der evangelischen Petrikirche zu St. Petersburg erzählt man sich die Geschichte eines seltsamen Besuchers. Er schaute weder links noch rechts, sprach kein Wort, ging schnurstracks auf das Gästebuch einer kleinen Ausstellung im Seitenflügel zu, kritzelte ein paar Worte hinein und verschwand genauso grußlos und düster blickend, wie er gekommen war. Ein zufällig anwesender Mann aus dem Kirchenvorstand konnte seine Neugier nicht zähmen und sah in das Buch. Dort standen nur zwei kurze Sätze: »Ich bin hier geschwommen. Vergebt mir.«

Schwimmen in einer Kirche: Drei Jahrzehnte lang ging das tatsächlich. Zu Sowjetzeiten wurden die meisten Kirchen zweckentfremdet oder abgerissen – die Staatsdoktrin war atheistisch. Von 1962 bis Ende 1992 hieß der Hausherr von St. Petri Baltische Schifffahrtsgesellschaft. Es gab ein 25-Meter-Becken mit Nichtschwimmerbereich, zwei Sprungtürme, einen Saal für Turner und Gewichtheber und eine Sauna. Auf der ehemaligen Orgelempore prangte in großen Lettern die Losung »Ruhm der KPdSU«. Auf dass das schwimmende Volk es ja nicht vergesse: Die Religion ist tot, die höchste Instanz auf Erden, das ist die kommunistische Partei.

Heute ist St. Petri wieder eine Kirche. Sie liegt in Sprintdistanz zum Prachtboulevard der Stadt, dem Newski Prospekt. Von außen stimmt das Bild: Eine wuchtige Basilika, beim Bau vor knapp 180 Jahren wurde geklotzt – St. Petri hatte zeitweise rund 18.000 Mitglieder und ist immer noch die größte lutherische Kirche Russlands.

Doch im Inneren sind die Spuren der Vergangenheit unübersehbar: Der Fußboden liegt etwa vier Meter höher als ursprünglich – über das Schwimmbecken wurde eine Decke aus Stahlbetonplatten gelegt. Der schmucklose weiße Anstrich aus Schwimmhallenzeiten ist geblieben, genauso wie die Tribünen mit Eisengeländern an den Seiten, auf denen die Zuschauer früher bei Wettbewerben jubelten. St. Petri ist eine Kirche mit Turnhallenatmosphäre. Einige Mitarbeiterinnen des Gemeindebüros behaupten gar, sie könnten in einer Ecke des Gebäudes immer noch den schweißig-holzigen Geruch der ehemaligen Sauna erschnuppern. Dort, wo heute der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, Kasachstan und Mittelasien sein Büro hat.

Wenn Besucher sich vom Kirchenvorstand Iwan Preis in die Katakomben der Kirche führen lassen, stehen sie unversehens im ehemaligen Schwimmbecken. Die hellblauen Fliesen sind an einigen Stellen abgeplatzt, es riecht nach nassem Beton. Ein paar Halogenlampen werfen kalte Lichtstrahlen in die Dunkelheit. Nicht nur, weil hier unten die Ventilation fehlt, wächst der Drang, schnell wieder nach oben zu klettern. Es ist das unheimliche Gefühl, das sich breitmacht, wenn etwas Unvorstellbares vorstellbar wird. Ein Schwimmbecken in einer Kirche. »Das ist ein Denkmal für etwas«, sagt Iwan Preis, »das nicht sein darf.«

Dem Engel an der Fassade wurde das Kreuz aus den Händen gerissen

Der Frevel begann mit der Oktoberrevolution von 1917. Die Gebäude der Kirche und all ihre Immobilien wurden verstaatlicht. Als die wenigen Gemeindemitglieder, die nach Jahren der Verfolgung noch ausgeharrt hatten, an Heiligabend 1937 zur Kirche kamen, fanden sie das Tor verschlossen. Die Pastoren Paul und Bruno Reichert, Vater und Sohn, waren schon verhaftet, Stalins Schergen erschossen sie später auf einem Feld vor den Toren der Stadt.

Die Verfremdung der Kirche nahm nicht allzu viel Zeit in Anspruch. Dem weithin sichtbaren sandsteinernen Engel an der Frontfassade wurde das Kreuz aus den Händen gerissen. Ein Altarbild und das Abendmahlgeschirr landeten im Russischen Museum; dort lagern die Kunstwerke noch heute. Die Orgel, an der schon Peter Tschaikowski geübt hatte, wurde demontiert, einige Orgelpfeifen fand man später in Moskau und im ukrainischen Donezk wieder.

Zunächst hatte die Leningrader Stadtverwaltung geplant, in der Immobilie ein Panoramagemälde einzubauen, Thema: Nordpol. Im Jahr 1939 beschloss man allerdings, erst einmal Bühnendekoration darin zu lagern. Während des Zweiten Weltkrieges diente St. Petri als Studio für Kinowochenschauen und später als Lager für Gemüse. In den 1950er Jahren schließlich fasste die Regierung den Entschluss, der Leningrader Bevölkerung das Schwimmen im Stadtzentrum zu ermöglichen. Der Boden der Kirche wurde aufgerissen, ein riesiges Loch gebuddelt; Bauarbeiter rammten das Stahlbetonbecken mitten in den Bauch von St. Petri.

Einige Schäden aus der Vergangenheit konnte die Gemeinde beheben, nachdem sie das Haus 1993 zurückerhalten hatte. Der restaurierte Engel hält jetzt ein Holzkreuz in den Händen. Hinter dem Altar hängt eine kleinere Kopie der ursprünglichen Kreuzigungsszene – das Original hätte wegen der geringeren Raumhöhe sowieso nicht mehr hineingepasst. 350 Mitglieder zählt die Gemeinde heute.

Kurz wurde auch daran gedacht, das Schwimmbecken wieder aus der Kirche zu entfernen. Statiker untersuchten das Gebäude – und schüttelten dann den Kopf. Ihr Fazit: Würde man das Becken ausbauen, bräche das Gotteshaus höchstwahrscheinlich zusammen.

Das Schwimmbad aus kommunistischer Zeit ist inzwischen ein Teil des Fundaments, auf dem die Petrikirche steht.