Deutsches BürgertumHelden und Hummerseelen

Die Tagebücher des Ferdinand Beneke erzählen die Geschichte des deutschen Bürgertums. von 

Es ist, als ob man ein Siegel löste und einen Raum beträte, ein Haus, das seit 200 Jahren niemand mehr betreten hat. Und doch scheint der, der hier lebte, gerade erst gegangen zu sein. Alles liegt noch so da, wie er es verlassen hat. Nichts haben die Editoren angerührt. Nichts geordnet, nichts zurechtgerückt. Es gibt keine »behutsamen Korrekturen« und Kürzungen, keine Eingriffe »zum besseren Verständnis«, auch keine gefällige Modernisierung, wie sie bei Übersetzungen aus einer fremden Sprache – man denke an die großen Journale des Herzogs von Saint-Simon, Samuel Pepys’ oder James Boswells – gang und gäbe ist.

Die Tagebücher des Hamburger Juristen Ferdinand Beneke sind ein ziemlich einmaliges Monument, ein einsamer Text-Monolith inmitten der Masse von Memoiren, Korrespondenzen und Journalen, die das 18. und 19. Jahrhundert auch in Deutschland hervorgebracht haben. 56 Jahre lang, von seinem 18. Lebensjahr an, hat Beneke jeden Tag notiert, was ihm begegnet ist. Von 1792 bis in sein Todesjahr 1848 reicht der Bogen oder, genauer, reichen die Bögen, denn nicht in Kladden, sondern auf große Bögen hat er geschrieben und diese dann in Mappen abgelegt. Von Revolution zu Revolution, von der Französischen bis zum Vorabend der deutschen 1848, verdichtet sich hier deutsche Geschichte in einem einzigen bürgerlichen Lebenslauf. Und es ist mehr als nur ein Tagebuch: Ursprünglich war es ein veritables Büro-Archiv, mit sämtlichen Korrespondenzen, mit Akten und Rechnungen. Vieles ist verloren gegangen, vor allem die Kopien und Konzepte der meisten eigenen Briefe. Dennoch blieb auch von diesen Materialien, den täglichen Notizen beigelegt, manches erhalten. Und von den Tagebüchern selbst: jede Zeile.

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In Hamburgs Staatsarchiv wird dieser Schatz aufbewahrt. 2001 hat sich ein Team von Editoren darangemacht, das gewaltige Manuskript vollständig zu transkribieren und in Druckform zu bringen. Zwanzig Bände sind geplant, nächste Woche erscheinen die ersten fast 3.000 Seiten: eine Kassette mit vier Bänden (1792 bis 1801) und einem Buch zur Einführung. Der Hamburger Historiker und Mitherausgeber Frank Hatje erklärt darin, was zum Verständnis des Journals unbedingt vorausgesetzt werden muss. Denn der Text selbst bleibt vorerst ohne detaillierte Erläuterung; später soll ein Stellenkommentar – wahrscheinlich online – nachgereicht werden. Der Gesamtumfang der Edition wird am Ende wohl an die 15.000 Buchseiten betragen, 2016 soll sie abgeschlossen sein.

Ein gewaltiges Unternehmen. Aber nicht aus antiquarischer Liebhaberei. Denn diese Tagebücher sind eine wahre Grube Messel für Historiker jedweden Interesses: sowohl für solche, die zur deutschen und europäischen Geschichte ganz allgemein forschen, als auch für Hansespezialisten, für Sozialhistoriker genauso wie für Wirtschafts- und Rechtshistoriker, für Kirchen- und Literaturhistoriker und nicht zuletzt für Genderforscher, die mehr über die Genese der bürgerlichen Familie erfahren wollen. Diese Bände haben allen etwas zu bieten. In Fülle.

Beneke locken Frankreich und die USA

Die Beneke-Tagebücher – das ist die Geschichte des deutschen Bürgertums auf dem Weg in die Moderne, die Geschichte seines Kosmopolitismus, seines Nationalismus, seiner Toleranz und Bildung, seiner Frömmelei und Ignoranz, seines Pioniergeistes und seiner ängstlichen Innerlichkeit. Hier lassen sich die Kreuz- und Querzüge des Zeitgeistes in allen Schattierungen nachlesen und die Entstehung und Ausformung des modernen bürgerlichen Selbstbewusstseins in allen Widersprüchen studieren. Gerade weil aus diesen Seiten kein Dichter spricht oder Philosoph, kein historisch geschulter Beobachter oder politischer Protagonist, sondern ein ganz gewöhnlicher Zeitgenosse.

Schon für den jungen Mann Beneke, den wir in den ersten vier Bänden kennenlernen, für den Studenten in Halle und Göttingen, den Referendar in preußischen Diensten und den Advokaten in Hamburg schließlich, ist das Journal Tages-Chronik und Selbstgesprächsprotokoll, Kontorbuch, Merkheft und Adressverzeichnis in einem. Wir verfolgen den inneren Monolog eines Bürgers auf der Suche nach einer Heimat, gemäß der Maxime des Weltreisenden und Republikaners Georg Forster: »Nur freie Menschen haben ein Vaterland.«

Leserkommentare
    • Sarein
    • 18. September 2012 23:11 Uhr

    der einem, vor allem geschichtsinteressierten Menschen, selbst schon dazu verleitet ein eigenes Tagebuch zu führen. Ich werde der Veröffentlichung der ersten Bände mit Freuden entgegen Blicken und diese eingehender betrachten, sollten diese gemäß des Artikel geschrieben sein, so werde ich sie auch erwerben.
    Da diese einen einmaligen Blick auf die europäische Geschichte wirft.

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