Bertelsmann-KonzernThomas Rabe sucht das Filet

Der Chef des Medienkonzerns Bertelsmann probiert einen erneuten Aufbruch ins digitale Zeitalter. von 

Sicher hat Bernd Buchholz in diesen Tagen einen Anruf bekommen. Ob er sich nicht freinehmen möchte, anstatt nach Gütersloh zu fahren, wo sich in der kommenden Woche rund 500 führende Manager des Medienkonzerns Bertelsmann treffen? Buchholz, der Party-Gänger, hat sich aus Sicht von Bertelsmann in einen Party-Crasher verwandelt, weil er ausgerechnet jetzt die Probleme des Konzerns offenlegt: Das Unternehmen erduldet den durchs Internet ausgelösten Medienwandel mehr, als dass es ihn gestaltet.

Bis zur vergangenen Woche gehörte Buchholz dem obersten Bertelsmann-Vorstand an, dann schmiss er hin. Trotzdem führt er bis auf Weiteres eine wichtige Tochtergesellschaft, das Verlagshaus Gruner+Jahr (stern, Brigitte, Geo, Capital), und wartet auf ein Abfindungsangebot in Höhe von mehreren Millionen Euro. An diesem Donnerstag soll der Aufsichtsrat des Verlags zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen.

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Dabei war alles so schön vorbereitet, eine Krönungsmesse für Bertelsmann-Chef Thomas Rabe nächsten Mittwoch im Gütersloher Stadttheater bis ins Detail geplant. Rabe hat den Job Anfang des Jahres übernommen und seither meist geschwiegen, lieber hat er darauf verwiesen, er wolle erst eine Strategie erarbeiten und sie seinen Getreuen vorstellen. Nun ist es so weit.

Das Vorspiel dazu findet am Dienstagabend bei Rabe zu Hause statt. Ein Empfang beim Chef, Rabe zum Anfassen, Händeschütteln, aber nun warten alle im Konzern neugierig darauf, ob Buchholz noch kommen soll, darf, wird.

Am nächsten Tag soll Rabe die Bühne im Stadttheater in Flammen setzen. Seine Strategie, so viel sickerte bereits durch, umfasst vier Punkte, allesamt auf Englisch und dem Anlass entsprechend gewaltig: Core, Growth, Transformation, Platforms. Auf Deutsch klingt das vernünftig bodenständig: Kerngeschäft stärken, neue Märkte wie Indien erschließen, mehr E-Books und andere digitale Güter verkaufen und im Konzern die wachstumsstarken Geschäfte fördern. Anhand von 16 Fallbeispielen will Rabe ins Detail gehen – während der derzeit einflussreichste Historiker der westlichen Hemisphäre, Niall Ferguson von der Universität Harvard, zwischendrin die Horizonte weiten soll.

Bedauerlicherweise hatte das Tagesprogramm auch dem gefallenen Engel Bernd Buchholz eine tragende Rolle zugewiesen. Er sollte die schnell wachsenden Geschäfte im Konzern präsentieren, ausgerechnet er, der nicht mehr eng mit Rabe zusammenarbeiten will, weil er dem Bertelsmann-Chef letztlich vorwirft, der gebe dem Verlagshaus Gruner+Jahr weder die nötigen Mittel noch den nötigen Freiraum, um zu wachsen.

Der Konzern hatte (nach Redaktionsschluss am Dienstag) noch eine Woche, um die Kollision auf offener Bühne zu verhindern.

Mit oder ohne Buchholz bleibt das zentrale Problem bestehen. Was wird aus dem Medienhaus? Wettbewerber investieren seit Jahren groß in digitale Geschäfte: Der Axel Springer Verlag kaufte Online-Portale für Autoanzeigen und Stellenanzeigen sowie eine Frauen-Community mit viel Raum für die Konsumgüter-Industrie, ein Portal für lokale Nachrichten und diverse Zwischenhändler für Anzeigen im Internet. Der Burda Verlag hat sich zum ersten Ansprechpartner in Deutschland für Start-ups aus dem kalifornischen Silicon Valley entwickelt, ist Dutzende Beteiligungen eingegangen und betreibt eine große Vermarktungsfirma für Online-Werbung.

Bertelsmann schritt ihnen allen einst voran, gehörte zu den digitalen Pionieren, doch das ist lange her. Heute fallen in der Branche die Worte »Bertelsmann« und »Internet« selten in einem Satz.

Stattdessen setzte der Konzern alles daran, den Einfluss der Familie Mohn auf 100 Prozent zu mehren, was hieß, einen Minderheitsgesellschafter teuer auszuzahlen und hinterher die dadurch angehäuften Schulden zu tilgen. Darüber vergingen Jahre, in denen der Familienkonzern an Boden verlor. Aus dem Musikgeschäft hat man sich zurückgezogen, Buchklubs geschlossen oder verkauft. Das Verlagsgeschäft stagniert, und das Fernsehgeschäft verläuft nur deshalb so stabil, weil der digitale Strukturwandel den europäischen Markt noch nicht erfasst hat. Sparprogramme bestimmten die jüngste Vergangenheit, kurzum: Bertelsmann fehlt eine unternehmerische Vision für die Medienmärkte.

Gruner+Jahr illustriert diese Misere auf besondere Weise. Schaut man in die Bilanz, dann wurden in den vergangenen zehn Jahren praktisch alle Gewinne aus Hamburg an die Eigentümer abgeführt. Die letzte große Investition liegt bald zehn Jahre zurück.

Verlagschef Buchholz hat sich diesem Alltag gefügt. Er hat geliefert, und zwar Rekordergebnisse, wie das auf Business-Deutsch heißt. Zugleich ließ er nach außen nicht erkennen, wo er denn im Kerngeschäft – oder nahe dran an stern, Geo, Capital – gerne viel Geld investiert hätte. Er digitalisierte ein bisschen, er erwarb ein paar Start-ups, und er ließ seine Journalisten in Ruhe, solange sie die finanziellen Vorgaben nicht verletzten. Woran Buchholz in dieser Zeit wirklich glaubte, worauf er hoffte, war ein Versprechen aus Gütersloh, dass er, wenn wieder Geld da sei und das rechte Übernahmeziel, ein ganz neues Geschäftsfeld erobern dürfe: Datenbanken und Informationsdienste. Aber daraus wurde nichts.

So oder so ähnlich lief es auch anderswo bei Bertelsmann.

Für die Öffentlichkeit waren und sind das keine guten Nachrichten. Das größte Unternehmen der hiesigen Kulturindustrie leidet an einer gewissen Schwindsucht. Es schöpft nicht aus dem Vollen, um die Buchkultur und das Fernsehprogramm zu pflegen und Journalismus zu betreiben und diese Geschäfte ins digitale Zeitalter zu transformieren. Dazu bedürfte es der Experimente. Wagnisse. Investitionen.

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