VolkswagenGolf ist nicht genug

Das neue Modell ist wichtig für Europa. Global muss VW mit anderen Autos punkten. von 

Schon die gewählte Location ist ein Statement, wie es auf Neudeutsch heißt. Die Neue Nationalgalerie Berlin musste her für die Weltpremiere des neuen VW Golf, der siebten Generation des Wolfsburger Bestsellers.

Der Golf ist Volkswagen. So wie es der Käfer in der Nachkriegszeit war, prägt der rational kantig gestaltete Kompaktwagen das Erscheinungsbild der Marke seit Mitte der siebziger Jahre.

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Damals war das Auto ein Rettungswagen gegen die noch starke Konkurrenz wie den Kadett/Astra von Opel oder den Escort/Focus von Ford. Er wurde zum Erfolgsmodell schlechthin, hat mit mittlerweile mehr als 29 Millionen gebauten Exemplaren den Käfer längst überrundet, muss weltweit nur noch dem Toyota Corolla oder der F-Serie von Ford den Vortritt lassen.

In Europa errang der Golf im ersten Halbjahr mit gut 278.000 Verkäufen erneut den Titel des meistverkauften Modells, der Rest in der Golf-Klasse hatte klar das Nachsehen. Noch dominanter ist der Golf in Deutschland, in den ersten sieben Monaten 2012 fanden hier 147.000 neue Exemplare einen Abnehmer, Opels Astra oder Fords Focus hatten keine Chance. Der Golf steht für ein typisch deutsches Auto, obwohl sein Blechkleid einst von einem italienischen Designer gestylt wurde.

Ist also die Zukunft gesichert, wenn der neue Golf gut ankommt?

Ein neues Kompaktmodell allein reicht längst nicht mehr aus, um den globalen Erfolg von Volkswagen zu garantieren – der Konzern muss generell zeigen, dass er für den härter werdenden Wettbewerb gerüstet ist und sich permanent auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Weltregionen einstellt. Zum einen nimmt die relative Bedeutung des Golf im Ursprungsland ab, 1995 entfielen noch mehr als die Hälfte der in Deutschland verkauften VW auf dieses Fahrzeug, 2011 nur noch ein gutes Viertel. Zum anderen treffen europäische Kompaktwagen wie der Golf mit ihrem Schrägheck nicht den Geschmack der Konsumenten in Wachstumsregionen wie China oder Indien; auch die Amerikaner lieben andere Formen. In diesen Ländern mag man Stufenhecklimousinen mit abgetrenntem Kofferraum oder kauft gleich ein modisches Geländemobil.

So wundert es denn auch nicht, dass schon im Jahr 2010 weltweit von VW mehr Passat/Santana verkauft wurden als Golf-Modelle und dass die Stufenheckvarianten des Golf namens Jetta/Bora fast ebenso erfolgreich waren wie das Original. Diese Anpassung an Landessitten mussten die Wolfsburger Strategen schmerzlich lernen (die erste Golf-Fabrik in den USA wurde Anfang der neunziger Jahre mangels Erfolg wieder geschlossen).

Die siebte Golf-Generation ist technisch fast komplett neu und dennoch dem Vorgänger wie aus dem Gesicht geschnitten. Das ist wichtig, um die Stammkundschaft nicht zu verprellen. Und Nummer sieben ist immer noch sehr bedeutsam für den mittlerweile drittgrößten Autokonzern der Welt. Seine Technologie, die neuerdings aus einer Art Baukasten mit in großer Zahl hergestellten Komponenten besteht, ist Basis für mehr als ein Dutzend Konzernmodelle: Der Familien-Touran, der Gelände-Tiguan, der Sport-Scirocco und die Golf-Hochdachvariante für ältere Leute gehören dazu wie der Audi A3, der Škoda Octavia oder der Seat Toledo.

Steckt Murks in einem wichtigen Golf-Teil, wäre die Ansteckungsgefahr für seine Geschwister groß. Konkurrent Toyota musste bitter erleben, wie tief in so einem Fall der Absturz sein kann.

Enttäuschend ist, dass VW seine Spritspartechnologie auch im siebten Anlauf nur der Ökovariante »blue motion« spendiert, irritierend auch, dass die zukunftsträchtigen Antriebe wie Gas-, Hybrid- oder Batterieantrieb erst 2013 folgen. Gerade die braucht VW auch in anderen Ländern und Modellen, schon weil die staatlichen Spritsparvorgaben – wie etwa in den USA – schärfer werden sollen.

Dass die Autokonjunktur nicht mehr so gut läuft, zeigen die zuletzt abstürzenden Börsenkurse. Neue Modelle sind da besonders wichtig. Will Volkswagen weiter zu den Gewinnern zählen, darf der Konzern sich keine Patzer leisten – weder beim Golf VII noch bei all seinen Verwandten.

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