Hanekes "Liebe"Wunschlos im Unglück

Mit seinem Meisterwerk "Liebe" beweist Michael Haneke, wie beklemmend unmittelbar Film sein kann. von 

Regisseur Michael Haneke mit den Schauspielern Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant bei den Dreharbeiten zu "Liebe"

Regisseur Michael Haneke mit den Schauspielern Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant bei den Dreharbeiten zu "Liebe"  |  © X Verleih

Ein Moment, der beklemmender wäre, ist im Kino kaum vorstellbar. Georges sitzt am Krankenbett seiner Frau. Die beiden alten Leute haben jetzt gar niemanden mehr. Alle, die stören könnten, sind aus ihrem Leben verabschiedet worden. Nun geht es um die letzten Dinge.

Man erkennt nicht, was in Anne vorgeht, was sie empfindet. Sie wirkt willenlos. Eben noch hat Georges sie besänftigt, nun liegt sie friedlich da. Ihr Blick ist hohl. Sie scheint kaum noch eine Faser in ihrem Körper bewegen zu wollen. Einen Augenblick lang herrscht tiefe Stille.

Anzeige

Mit einer überraschenden Bewegung greift Georges nach einem Kopfkissen und presst es mit aller Kraft, zu der er noch fähig ist, auf das Gesicht von Anne. Eine kleine Ewigkeit lang, bevor die große Ewigkeit für beide beginnt.

Michael Haneke hat mit Liebe ein schonungsloses Meisterwerk geschaffen, das mehr als zu Recht bei den Filmfestspielen von Cannes den Hauptpreis gewann und nun für das Rennen um einen Oscar nominiert wurde. Es ist ein Film, der benommen macht.

Im Grunde genommen erzählt Haneke eine einfache Geschichte. Anne und Georges sind ein altes Ehepaar, zwei Musikprofessoren im Ruhestand, die sich in den bewährten Gewohnheiten ihres gemeinsamen Pariser Lebens eingerichtet haben. Eines Tages nimmt ein chirurgischer Routineeingriff bei Anne ein schlimmes Ende. Es treten erste Lähmungserscheinungen auf, die immer mehr um sich greifen, bis sie eines Tages am hilflosen Endpunkt ihres Lebens angekommen ist.

Der Filmperfektionist Haneke zeigt dieses Verwelken karg und lapidar. Je mehr sich die Symptome seiner Frau verschlechtern, desto stärker wächst die Zuneigung und Fürsorglichkeit von Georges. Er übernimmt mit großer Selbstverständlichkeit seine Rolle. Mitleid, Neugierde, Verzweiflung und Aufbegehren haben keinen Platz in dieser engen Gefühlswelt. Der Schüler, den die Behinderung seiner verehrten Klavierlehrerin zu verlegener Betroffenheit zwingt, die Krankenschwester, die den verwirrten Launen ihrer Patientin nicht gewachsen ist, sogar die Tochter, die das Leiden ihrer Mutter zu fassungsloser Wut treibt, sie alle müssen weichen. Zurück bleibt allein Georges. Er ist es, dessen Ruhe die Erzählung zu ihrem Ende treibt.

Hanekes Film nimmt im zeitgenössischen Kino eine Ausnahmestellung ein. Wo heute Bilderrausch und Spektakelbesessenheit, Beflissenheit und schräge Heiterkeit in den Kinos miteinander konkurrieren, verzichtet er vollkommen auf jeden Effekt. Er vertraut nur auf die Intimität, die seine beiden Hauptdarsteller der Kamera schenken.

Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, zwei der ganz Großen des französischen Films, haben in Liebe wahrscheinlich den Höhepunkt ihrer Karrieren erreicht. Alle ihre Rollen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten in Filmen von Bernardo Bertolucci , Éric Rohmer oder Alain Resnais und vielen anderen gespielt haben, verblassen, verglichen mit dieser Tour de Force. Mit jeder Szene und mit jeder Einstellung beherrschen sie mehr und mehr die Leinwand. Ihre Schauspielkunst verleiht dem Film enorme suggestive Kraft, komprimiert ihn zu einer außergewöhnlichen, atemraubenden Anspannung. Wofür andere Darsteller in der Regel ein ganzes Arsenal an Gesten und Tricks zu Hilfe nehmen, das übertreffen Riva und Trintignant mit minimalistischer Präzision. Keinen Augenblick lang stellen sie Emotionen dar, sondern sie erlauben Einblicke in einen privaten Gefühlshaushalt, ohne dass je die Kamera zu einer voyeuristischen Beobachterin wird, die fremdes Leid ausbeutet. Michael Haneke muss seinen beiden Hauptdarstellern unendlich viel Vertrauen vermittelt haben, damit sie es wagten, sich ihm bis zur Selbstentblößung auszuliefern.

Das Kammerspiel findet fast ausschließlich in den Räumen einer gutbürgerlichen Pariser Wohnung statt. Zunächst gleicht sie einem Gefängnis, in das Anne und Georges von ihrem Schicksal geworfen worden sind. Doch schließlich verwandelt sie sich in einen Zufluchtsort, eine Bastion, die den Eheleuten Schutz vor den Zudringlichkeiten ihrer Umgebung bietet.

Haneke reduziert in Liebe alles auf diesen Prozess, in dem zwei Menschen zu ungeheurer Nähe finden. Erst als die Welt rundherum vollkommen ausgeschlossen ist, haben die beiden zueinander gefunden. Sie benötigen nun nichts mehr anderes außer sich selbst. Wunschloses Glück, das sich aus einem großen Unglück nährt. Am Ende des Film verbarrikadiert Georges die Wohnung, dichtet alle Fugen und Ritzen hermetisch ab. Die Welt hat aufgehört, zu sein.

Die Leistung, die Michael Haneke mit dieser Elegie gelungen ist, liegt auch in dem Nachweis, zu welcher magischen Unmittelbarkeit ein Film fähig sein kann, der sich selbst, seine Protagonisten und auch sein Publikum ernst nimmt und von ihm Empathie fordert. Wie jedes bedeutende Kunstwerk zwingt Liebe die Zuseher dazu, sich mit der Essenz der Erzählung auseinanderzusetzen. Diese Parabel auf die Vergänglichkeit verzichtet allerdings auf jede moralische Geste. Sie will nicht belehren, sie möchte keine Botschaft verkünden. Ihr einziges Anliegen ist es, Anteilnahme zu verlangen an einem Schicksal, das ebenso willkürlich wie gnadenlos zuschlägt.

Insofern ist Hanekes Film ein Manifest gegen modischen Zynismus und egoistische Gleichgültigkeit, aber auch gegen alle Weltverbesserei. So schreckensstarr Liebe letztlich erkaltet, so versöhnlich ist das Ende. Es heißt Barmherzigkeit.

In der nächsten Ausgabe der ZEIT wird Iris Radisch den Film im Feuilleton besprechen.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Michael Haneke | Alain Resnais | Bernardo Bertolucci | Kammerspiel | Kino | Liebe
    Service