Ein herrlicher Panoramablick über den Talkessel von Reutte hinweg bis weit in das Lechtal hinein ist der Lohn für eine Stunde Aufstieg über einen kleinen Steig auf das Koflerjoch. Robert Pfau sitzt auf einer Bank an der Mauer der Dürrenbergalm auf 1.400 Meter Seehöhe. Neben ihm steht Uwe Schleinkofer, in seinem Mund baumelt eine Pfeife. Schweiß rinnt ihnen über das Gesicht. Die beiden Arbeitsimmigranten blicken hinunter auf ihren Arbeitsplatz. Direkt zu Füßen des Berges liegt Breitenwang, eine Gemeinde mit 1.500 Einwohnern. Das Dorf ist Standort der Plansee-Gruppe, des weltweit führenden Herstellers von pulvermetallurgischen Komponenten. Sie finden ebenso in den Spitzen von modernen Wanderstöcken Verwendung wie in Röntgengeräten, panzerbrechender Munition oder bei der Produktion des Airbus A380.

Keine Autobahn führt in den verschlafenen Tiroler Bezirk Reutte, an der Grenze zu Vorarlberg und Bayern. Mit dem restlichen Österreich ist die Region nur durch kurvige Landstraßen und die Fernpassstrecke verbunden. In diesem Winkel abseits der Verkehrsströme hat sich die Plansee-Gruppe zu einem internationalen Branchenprimus emporgearbeitet. Wer anheuern möchte, muss hoch qualifiziert sein und kein Problem damit haben, fern urbaner Zentren zu leben. »Sport sollte schon ein Hobby sein«, sagt Robert Pfau und lacht. So wie viele andere Mitarbeiter der Firma verbringen die beiden Abteilungsleiter den Feierabend gerne auf einer Hütte. Manche strampeln mit dem Mountainbike den Berg hoch, andere wandern, und einige joggen gar. Unsportlich zu sein kann hier schnell zu Langeweile führen.

Außer zur alljährlichen Pressekonferenz werden nur selten Journalisten eingeladen. Bis heute ist der Multi nicht börsennotiert, sondern in Familienbesitz. Die Mitglieder der Eigentümerfamilie lachen nicht aus den Klatschspalten, und Berichte über ihr Privatleben gibt es erst recht nicht.

Abseits des Rampenlichts, fast im Verborgenen, beschäftigt man sich hier seit über 90 Jahren mit der pulvermetallurgischen Verarbeitung der beiden Werkstoffe Molybdän und Wolfram, die besondere Eigenschaften wie hohe Widerstandsfähigkeit oder gute Leitfähigkeit besitzen. Während andere Metalle im Gussverfahren verarbeitet werden, haben diese beiden einen zu hohen Schmelzpunkt. Sie müssen in einem komplizierten Prozess zunächst zu Pulver zerstampft und anschließend unter hohem Druck in die gewünschte Form gepresst werden.

»Unser Ziel ist es, mit all unseren Aktivitäten unter den Top 3 zu sein«, sagt Michael Schwarzkopf, Enkel des Gründers Paul Schwarzkopf und seit 1996 Vorstandsvorsitzender. Unternehmensteile, die diesen Anforderungen nicht genügen, werden verkauft; so wie der Automobilzulieferer PMG, über fünfzig Jahre Teil der Firma, der im vergangenen Jahr abgestoßen wurde.

Die Firma wuchs, bis der lokale Arbeitsmarkt ausgelaugt war

Die Wirtschaftskrise beutelte das Unternehmen im Jahr 2008 schwer, der Umsatz sank auf unter 900 Millionen Euro, Arbeitsplätze mussten abgebaut werden. Doch in diesem Jahr wurden wieder Rekordergebnisse verkündet: 2011 stieg der Umsatz auf 1,52 Milliarden Euro. In fünfzig Ländern auf der ganzen Welt hat das Unternehmen Niederlassungen. Ein Global Player mit über 6000 Mitarbeitern, ein Drittel davon in Breitenwang.

»Mehr sollten es hier nicht mehr werden«, sagt Schwarzkopf. »Vor ein paar Jahren haben wir den Arbeitsmarkt etwas überfordert.« Die Menschen im Ort stöhnten, und Unmut machte sich breit, wie Schwarzkopf erzählt: »In einem Restaurant hier im Ort meinte die Wirtin zu mir: ›Wenn du mir noch einen Koch wegnimmst, dann kriegst du nichts mehr zu essen.‹ Die Strukturen lassen nur eine gewisse Größe zu.«

Das weitläufige Firmengelände mit seinen Fabrikhallen und Bürogebäuden vermittelt nicht den Eindruck, ein Unternehmen von Weltrang sei hier ansässig. Das Areal erweckt eher die Atmosphäre eines Dorf, in dem jeder jeden kennt. Vor der Kantine warten Manager neben Arbeitern im Blaumann auf ihre Essenspartner, spielen auf Mobiltelefonen herum, grüßen Vorbeigehende und lassen sich derweil die Sonne ins Gesicht scheinen. In einem mehr zweckmäßigen als repräsentativen Nebengebäude sitzt der Personalchef in einem Büro, das weder durch seine Größe noch durch seine üppige Ausstattung auffällt.

Früher rekrutierte Detlef Bartsch Personal für einen Automobilzulieferer in der Nähe von Stuttgart. Vor zehn Jahren verschlug es ihn nach Breitenwang. Michael Schwarzkopf heftete ihm unlängst zu seinem Firmenjubiläum einen silbernen Anstecker ans Revers. Wobei das dem gebürtigen Aachener fast ein wenig peinlich war. »Zehn Jahre, das ist hier gar nichts, ich bin im Grunde ein Neuling«, sagt Bartsch mit fester Stimme und lacht. In seinem Alter hätten die meisten bereits ihr 40. oder 45. Jubiläum.

Der Job des 61-Jährigen besteht unter anderem darin, qualifiziertes Personal nach Breitenwang zu locken, Überzeugungsarbeit zu leisten. Keine leichte Aufgabe, wie er aus eigener Erfahrung weiß: Seine Frau, »eine überzeugte Stuttgarterin«, weigerte sich einst, ihrem Mann in die Provinz zu folgen. Seitdem führen die beiden eine Fernehe, und die Lehrerin pendelt an den Wochenenden nach Tirol. Die Erfahrung macht vorsichtig. Potenzielle Mitarbeiter werden spätestens beim zweiten Gespräch gebeten, den Partner mitzubringen: »Damit er sich von der Umgebung selbst ein Bild machen kann.«