ÄgyptenFenster zum Nil

Im ägyptischen Hotel Old Cataract verewigte sich das British Empire. Sogar Winston Churchill und Agatha Christie waren hier. Wirklich? Eine Nachforschung in den frisch renovierten Hallen. von 

Drei Jahre Renovierung für 100 Millionen Dollar: Vielleicht war das Hotel Old Cataract nie so schön wie heute.

Drei Jahre Renovierung für 100 Millionen Dollar: Vielleicht war das Hotel Old Cataract nie so schön wie heute.  |  CC BY-SA 2.0: David Hold/Flickr

Sich vorzustellen, man hätte diesen Moment verpasst! Hätte verschlafen, wie sich das Wunder entfaltet, hier oben am 1. Katarakt des Nils, am Rande der Wüste, über 800 Kilometer von der Mündung in Alexandrien entfernt, in Assuan, wo der Fluss durch Felsbrocken, Inseln mäandert, vorbei an Tempelruinen und diesem uralten Hotel Old Cataract. Zu denken, man wäre einfach abgefahren, ohne diesen Augenblick erlebt zu haben!

Morgens um halb sechs – ist der Augenblick vorbei. Morgens um fünf – wird es höchste Zeit, aus dem Bett zu klettern. Auf den Balkon! Man braucht einen Schal, so eisig ist der Nachhall der Nacht.

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Der Himmel ist ein Tuch ohne Farbe. Dann kommt das Grau, erst matt, dann aufhellend zu einem Leuchten, das die Dünen am anderen Ufer des Flusses überhaucht, während der Nil noch für einige Momente still bleibt, dunkel und hart wie Eis.

Ein Fluss wie ein See. Gegenüber spiegeln sich Felsen im schwarzen Wasser, dort, wo der Strom mit hellem Saum an die Insel Elephantine grenzt, in deren Buchten des Nachts die flachen Feluken nisten, ihre Masten wie Schwanzfedern schräg gestellt. Ein Schock weißer Vögel fegt mit Wusch um die Felsen herum.

Das Licht fällt jetzt auf die Würfelhäuser des nubischen Dorfes, ein Sonnenstrahl berührt die Säulen des Tempels für Chnum, den widderköpfigen Gott, der auf Elephantine verehrt wurde. Es ist Viertel nach fünf, und die Oberfläche des Wasser ist noch immer eine vollkommen regungslose Fläche. Aber jetzt, jetzt beginnt sie zu zittern. Kleine Wellen beben wie Lippen, auf denen sich eine Gefühlsaufwallung staut, da ist plötzlich ein Kräuseln, Strudeln, Fluten, nun dauert es nur noch Minuten, dann wird sich das Wasser des Nils wie eh und je an den roséfarbenen Felsgebirgen vorbeihieven, auf denen das Hotel Old Cataract vor über hundert Jahren in Position gegangen ist.

Ein Hund bellt. Ein Schrei, Allahu Akbar! Gott ist größer als alles!, und ja, glorreicher als hier kann kein Tag beginnen. Man sagt, dass François Mitterrand, der französische Präsident, in diesem Hotel vor seinem Tod 1996 so viele Tage wie möglich von seiner dahinschwindenden Lebenszeit verbrachte. »Wenn man morgens die Fenster des Hotels Old Cataract öffnet, hat man das Gefühl, mit dem Universum zu verschmelzen«, sagte Mitterrand. Wir gönnen uns noch eine kleine Stunde Schlaf, und da flattert schon ein Lolo-alala vom Fluss herauf, wo Frauen ihre Zungensegel jubilieren lassen, man eilt zum Frühstück, auf die große Terrasse, bevor alles in der Sonne liegt.

»Nicht den Lift rauswerfen!« Signiert: Philippe de Rothschild

Vielleicht war das Hotel Old Cataract nie so schön wie heute. 100 Millionen Dollar hat sich die französische Hotelkette Sofitel die Renovierung des Hauses kosten lassen, drei Jahre dauerten die Arbeiten. Wie ein träger Luxusliner liegt das Old Cataract auf seinen Felsen 20 Meter hoch über dem Nil, ein wohlproportioniertes Gebäude in frischem Rostrot. Drei Stockwerke, durch weiße Lisenen getrennt, kleine Balkone, Terrassen, beschattet mit flachen Dächern, erbaut gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag von Thomas Cook and Son, dem Pionier des globalen Tourismus, 1899 war es fertig.

Drum herum stehen die Kronen der Palmen wie explodierende Feuerwerkskörper. Vier Restaurants, im Garten, auf der Terrasse, unten am Wasser. Eines ist überwölbt von einer Kuppel, die der Architekt Henri Favarger frech bei den Kairoer Moscheen abgekupfert hat und die sich 22 Meter hoch, gestützt von maurischen Bögen, über den Tischen wölbt. Hier hat der ägyptische Herrscher Abbas II. im Jahre 1902 zur Eröffnung des alten Assuan-Damms eine Gala gegeben, mit Pomp und dem britischen Generalkonsul Lord Cromer sowie dem Duke of Connaught, einem der vielen Söhne von Queen Victoria, mit dessen Gemahlin und anderen juwelengeschmückten Beautys, weshalb das Restaurant heute noch »das 1902« heißt. Wer hat hier nicht seitdem diniert, die Königin von Jordanien und Prinzessin Diana, der Herzensbrecher Omar Sharif, Dominique Strauss-Kahn mit Anne Sinclair, natürlich der kleine Sarkozy, 2003, mit Cécilia noch, vor Carla.

Karte Ägypten
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Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Heute gibt es, im Garten versteckt zwischen Felsen und Blumen, intime Ecken für private Dinners. Es gibt, auf der flussabgewandten Seite des Hauses, eine Gartenlandschaft im islamischen Stil, mit Wasserkanälen und Springbrunnen, und, auf der dem Nil zugewandten Seite, einen Pool, dessen Oberfläche mit dem Wüstenhorizont verschwimmt. Das Old Cataract soll ein weiteres Juwel sein in jener Kette aus »legendären Hotels«, die Sofitel um den Globus spannt, von The Grand Amsterdam über das Metropole in Hanoi bis zum Santa Clara im kolumbianischen Cartagena. Große Historie soll sich mit modernstem Luxus vermählen. Ein Wagnis, nicht allen Gästen geheuer.

»Surtout, ne changez pas l’ascenseur!«, schrie schon lange vor diesem Abenteuer ein Gast brieflich auf: »Nicht den Lift rauswerfen! Er ist ein Wunderwerk in diesem Hotel Old Cataract, das selber ein Wunder ist!« Signiert: Philippe de Rothschild. Drei drohende Worte – »à très bientôt!«

Der Lift ist ein Holzkasten, versteckt im Treppenhaus, er dürfte bei der Renovierung eines der kleineren Probleme gewesen sein. Ein größeres befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum alten Cataract, es steht im Garten und hat die Ausmaße einer Nil-Talsperre: ein russischer Plattenbau, in den fünfziger Jahren acht Stockwerke hoch hingeknallt für Arbeiter am Bau des zweiten Staudamms. Was tun?

Antwort: größer machen!

Die Talsperre wurde auf der Flussseite mit tiefen Terrassen behängt, auf die lang gestreckte Suiten münden. Aus 144 Zimmern wurden 62 Zimmerfluchten. Sie heißen, mit lockendem Blick in Richtung Dubai und Katar, »Aga Khan« oder »Orient«, in ihnen können sich ganze Sippen ausbreiten, über hundert Quadratmeter und mehr, elegante Sofalandschaften und Betten, die wie Luxusflöße über den Marmorböden schwimmen, Sicht auf den Fluss. Die Talsperre heißt jetzt »Nil.«

Leserkommentare
  1. Hat mich ins Verträumen gebracht:In meinem Leben noch einmal nach Ägypten zu fliegen?!Noch einmal den Nil aufwärts,eine "Hochzeitstag-Nacht" im Cataract, das wäre doch was!
    Es gibt so Träume...

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