Dr. Schmidt hat eine Nachricht erhalten. Es geht darin um die Honorarstreitereien zwischen Ärzten und Kassen. Verschickt hat sie der Berufsverband der Augenärzte, zu dem auch Dr. Schmidt gehört. In der E-Mail des Verbandes steht, dass das bisherige Ergebnis der Verhandlungen »lächerlich« sei, »geradezu ein Hohn«.

Ende August hat ein Gremium entschieden, dass die Honorare der Ärzte um 0,9 Prozent angehoben werden sollen . Vielen Ärzten ist das zu wenig: In den vergangenen Jahren seien die Betriebskosten gestiegen, und das Leben sei insgesamt teurer geworden. Sie fordern 11 Prozent mehr Honorar und rufen nun ihre Kollegen zum Streik . Auch Dr. Schmidt.

Aber der will nicht.

Die Augenarztpraxis von Dr. Schmidt liegt mitten in Hamburg, wo die Menschen in Rotklinkerbauten wohnen, wie sie für diesen Stadtteil typisch sind. Nebenan liegt ein Supermarkt, gegenüber ein Kindergarten. Der Boden ist mit robustem grauem Teppichboden ausgelegt, im Wartezimmer sitzen vor allem Rentner.

Dr. Schmidt heißt nicht wirklich so, aber wir sollen ihn so nennen, weil das ein Allerweltsname sei, auch für Ärzte. Dr. Schmidt fürchtet die Rache seiner Kollegen, wenn bekannt wird, dass er nicht streikt.

Seine Kollegen haben genaue Anweisungen für den Kampf verschickt: »Wie es in einem ›Arbeitskampf‹ nun mal üblich ist, werden diese Ankündigungen recht kurzfristig erfolgen müssen. Bitte schauen Sie täglich in Ihre Mails.« Akademiker organisieren eine Revolution. Geordnet soll es dabei zugehen: »Bitte führen Sie keine eigenmächtigen ›wilden Streiks‹ durch.« Zuerst sollen die Ärzte darüber abstimmen, ob sie ihre Praxen bei einem Streik schließen würden. Zu Redaktionsschluss lief diese Abstimmung noch.

Dr. Schmidt empfängt in weißem T-Shirt, grauer, schmaler Hose und den für Ärzte notorischen weißen Birkenstocks; ein großer, schlanker Mann mit halblangen grauen Haaren, die er, wenn er sich ärgert, nach hinten streicht. Dr. Schmidt wischt sich derzeit oft die Haare aus dem Gesicht.

Für ihn liegt das Problem ganz woanders: »Das System ist völlig intransparent. Ich stehe im Nebel!« Er versteht nicht, wie sein Honorar zustande kommt. Verteilt wird das Geld der Krankenkassen nämlich in 17 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), einer für jedes Bundesland und zwei für Nordrhein-Westfalen. Den Kassenärztlichen Vereinigungen steht weitgehend frei, wie sie das Geld der Krankenkassen aufteilen.

Diese Verteilung ist der große Nebel, den Augenarzt Dr. Schmidt nicht mehr durchblickt. Und er ist nicht allein – wenn man bei den Kassen und einzelnen Ärzteverbänden fragt, wie die Honorare verteilt werden, erhält man stets zur Antwort: »Ich verstehe das System auch nicht vollständig. Kaum jemand tut das.«