AtommüllWeg! Weg!! Weg!!!

Bloß weg mit dem Atommüll. Doch wohin? Eine kleine Geschichte der Entsorgungspolitik – ihrer Illusionen, Fantasien und Lügen von Manfred Kriener

Ein Arbeiter tief im ehemaligen Bergwerk Asse bei Remlingen, in dessen Schächte Atommüll liegt (Archivfoto).

Ein Arbeiter tief im ehemaligen Bergwerk Asse bei Remlingen, in dessen Schächte Atommüll liegt (Archivfoto).  |  © Nigel Treblin/Reuters

Und noch einmal alles auf Start: 52 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten deutschen Kernkraftwerks beginnt die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle wieder von vorn. Dabei befinden wir uns in bester Gesellschaft. Während weltweit 429 Reaktoren in 30 Ländern laufen, konnte keine Nation ein Lager in Betrieb nehmen, das die wichtigste Anforderung erfüllt: die Isolierung der Abfälle von der Biosphäre für Zehntausende Jahre. In immer neuen Zwischenlagern und Abklingbecken, in Bohrlöchern und Tanks wird der Müll aufbewahrt. Die »ungelöste Entsorgung« ist zum lexikalischen Begriff geworden, zu einem entscheidenden Einwand gegen die Nutzung der Atomenergie.

Die Beseitigung der strahlenden Abfälle gehörte von Beginn an zu den großen Herausforderungen, seit dem Physiker Enrico Fermi am 2. Dezember 1942 die erste kontrollierte atomare Kettenreaktion in einem Militärlabor in Chicago gelang. Auch die USA als größte zivile und militärische Atommacht besitzen kein funktionstüchtiges Endlager. In den vierziger Jahren praktizierten sie, wie später auch Großbritannien, das Entsorgungskonzept der »fünf V«: Verdünnen, Verteilen, Vergraben, Versickern und vor allem Versenken.

Anzeige

So wurde in den USA frühzeitig ein Teil der strahlenden Last mit Erde und Beton vermischt und westlich von San Francisco nahe den Farallon-Inseln in den Pazifik geworfen. Die Ärztin Rosalie Bertell nennt in ihrer 1985 erschienenen Dokumentation No Immediate Danger? die Zahl von 50.000 Fässern, die dort eine Seebestattung erhielten. Später, seit 1953, kippten die Schiffe ihre strahlende Ladung in die Bucht von Santa Cruz. Besonders brisante Frachten wurden vom Flugzeug aus ins Meer geworfen. George Earle IV., Pilot der US-Marine, berichtete von drei geheimen Missionen im Oktober 1947, als er ein halbes Dutzend Atommüllcontainer aus extrem niedriger Flughöhe ins Meer kippte.

Manfred Kriener

Der Autor ist Journalist und einer der beiden Chefredakteure des Umweltmagazins zeo₂.

Zunächst stammen die Abfälle noch aus militärisch genutzten Reaktoren. In der US-Atomwaffenschmiede Los Alamos werden, wie der Historiker Anselm Tiggemann schreibt, von 1943 an mittelaktive Abfälle in 150 Meter langen und neun Meter tiefen Gräben verbuddelt. In Hanford, dem noch heute massiv verseuchten Atomkomplex im Bundesstaat Washington, pumpen die Militärs verdünnte Flüssigabfälle direkt in die Erde. Hochradioaktive Stoffe werden in Wasserbecken zwischengelagert oder in riesigen unterirdischen Tanks entsorgt. Von 1943 bis 1998 werden auf diese Weise Abfälle mit einem Volumen von 240 Millionen Litern in 177 Großtanks gefüllt. Mehr als ein Drittel der Tanks beginnt im Laufe der Jahre zu lecken, bei einigen besteht akute Explosionsgefahr. Das Umbetten in doppelwandige Behälter entspannt die Lage ein wenig, aber durch die Risse sind bereits Millionen Liter strahlende Flüssigkeit ins Erdreich gesickert.

In der Bundesrepublik hebt die Diskussion in den fünfziger Jahren an, noch bevor 1957 in Garching bei München der erste Forschungsreaktor in Betrieb geht. Anfangs besteht Hoffnung, das Problem löse sich von selbst: Wenn man die Brennelemente aus den USA importiert, können die abgebrannten Überreste dorthin zurückgebracht werden, damit die Amerikaner den heißen Bombenstoff Plutonium aus dem Atommüll rausholen. Die Verschiffung der Abfälle in die USA ist nur einer von vielen Wunschträumen. In den Folgejahren bleibt die Lage unklar. Die »unschädliche Abführung radioaktiver Abfallstoffe« müsse jedenfalls gelöst werden, bevor der erste Reaktor in der dicht besiedelten Bundesrepublik gebaut werde, heißt es unmissverständlich in einem Vermerk des Wirtschaftsministeriums vom 15. Februar 1955.

Zwei Jahre später indes bläst Atomminister Siegfried Balke (CSU) nach einem USA-Besuch Entwarnung. In den Staaten würden »die »Abfallprodukte zunächst zehn oder zwölf Jahre in unterirdischen Tankanlagen gesammelt, sodass nichts an die Außenwelt kommt«, erklärt er. Nach fünf weiteren Jahren müsse man erst mal nachprüfen: »Ist dann überhaupt noch Aktivität da?« Dass der Müll nicht 10 oder 15, sondern 50.000 Jahre und länger strahlt, war dem Minister für Atomfragen offenbar fremd.

Für das Versenken im Meer kann sich das Ministerium Ende der fünfziger Jahre nicht so richtig begeistern, die Verantwortungslosigkeit ist zu offensichtlich. Dafür beginnt eine bizarr anmutende Diskussion über das »Einschmelzen« der Atomabfälle in Polargebieten. Vater dieser Idee ist der Münchner Physiker Bernhard Philberth. Sein patentierter Plan: Flugzeuge werfen die Abfälle wie Bomben über dem Südpol ab. Durch die frei werdende Wärme schmilzt das Eis, und der Atommüll gräbt sich von allein immer tiefer ein, bis er irgendwann mit abklingender Strahlung für die nächsten 30.000 Jahre gefahrlos stecken bleibt. Ein ranghoher Mitarbeiter im Atomministerium teilt dem Physiker am 26. November 1956 mit: »Ihre Arbeit ist so interessant, daß ich sie einem größeren Kreis [...] vorlegen möchte.«

Leserkommentare
  1. Angeblich "haben sich Bund und Länder auf den Neustart für eine transparente Standortsuche verständigt."

    Doch an der praktischen Umsetzung hapert es. Die maßgeblichen Politiker sind wohl überheblich der Meinung, sie könnten das Problem auf die Schnelle mit einem Gesetz lösen. Das muss wegen der fehlenden Sachkenntnis scheitern. Politiker sollten sich auf Politik beschränken.

    Wie wäre es mit einer Entschließung wie 1979 (siehe http://www.bfs.de/de/bfs/...). Damals wurde sich auf Gorleben festgelegt, den heutigen Erkenntnisstand könnte man wie folgt formulieren:

    "Die Regierungschefs von Bund und Ländern kommen überein, dass die Suche nach einem bestmöglichen Endlager für radioaktive Abfälle aus wissenschaftlichen Gründen und insbesondere zur Einhaltung des Strahlenschutzgrundsatzes der Minimierung in allen Bundesländern notwendig ist. Dem liegt zugrunde, dass für eine möglichst sichere Endlagerung die natürlichen geologischen Barrieren mit höchster Priorität herangezogen werden müssen. Eine nur an einem Standort geführte Argumentation zur Langzeitsicherheit kann wegen der enormen Unsicherheiten und des Nichtwissens bei den notwendigen Prognosezeiträumen von einer Million Jahren und mehr keine rationale Entscheidungsgrundlage sein."

    Siehe auch
    http://endlagerdialog.de/...

  2. Historisch fehlt hier der Plan zur deutschen Atombombe. Adenauer war nicht darüber betrübt, dass die USA die Abfälle nicht zurück haben wollte. Er hatte wohl den Plan, mit deutscher Beteiligung eine europäische Atombombe zu entwickeln. Siehe
    http://www.zeit.de/1996/3...

    Deshalb wurde offensichtlich die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe gebaut. Aus dieser stammen ein Großteil der Abfälle in der Asse http://endlagerdialog.de/... und etwa ein Drittel der für das Endlager Konrad vorgesehenen Abfälle http://endlagerdialog.de/...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eine sehr gut recherchierte Geschichte. Noch ein kleiner Hinweis: Immer wieder diente Italien als Ausgangspunkt für europäische Nuklearabfälle, die dann unter Mithilfe von Geheimdiensten und Mafiosi irgendwo "verschwanden". Nachzulesen ist das in dem spannenden Buch "Die Müllmafia".

    • zappp
    • 24. September 2012 14:33 Uhr

    Sich der Sorgen um den Müll entledigen, nicht des Mülls selbst. Das war seit Anbeginn der Zweck.

  3. 4. .....

    Der Artikel dokumentiert eine völlig gescheiterte Problemlösung. Dies liegt jedoch in der Natur der Sache, denn das Problem mit dem Atommüll war von Beginn an zum Scheitern verurteilt.
    Niemand kann solche Zeiträume überblicken, das hätte allen Verantwortlichen klar sein müssen.

    Es zeigt aber auch sehr schön auf, wie kurzsichtig Politiker handeln und sich um die Konsequenzen für die nachfolgenden Generationen herzlich wenig kümmern.

    Ich bin mir sehr, sehr sicher, dass die nachfolgenden Generationen für diese verantwortungslose Art der Politik genauso viel Verständnis haben werden, wie wir für die Inquisition übrig haben.

    2 Leserempfehlungen
  4. Gerade wegen solchen Meldungen muss man die Energiewende auch ernsthaft durchführen und nicht halbherzig.
    Wenn wir noch nicht einmal in der Lage sind, das einzulagern, was wir bislang verbraucht haben, stellt sich doch die Frage, wo der Atommüll hin soll, der noch kommen wird.
    Da bleibt nur ein Ausstieg aus der Atomenergie so schnell wie möglich und das nicht nur national sondern international (Japan lässt grüßen).

    • klunjes
    • 24. September 2012 14:55 Uhr

    Und wenn wir nicht genug von dem strahlenden Sondermüll selber haben, holen wir ihn halt von woanders her. Wie gestern Abend der Fall: die radioaktiv strahlenden Restmüll-Atomeier aus Sellafield wurden ordnungsgemäß dem AKW Grohnde ins Zwischenlagernest gelegt. Darauf einen...!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lemax11
    • 24. September 2012 15:04 Uhr

    Dies dürfte wohl unser eigener Müll sein, der von uns (Deutschen) in die dortige Wiederaufbearbeitungsanlage geschickt wurde.

    • Slater
    • 24. September 2012 14:59 Uhr

    würde man von diesem Thema aus aus irgendeinem Grund an die Piratenpartei denken, wäre der erste Vorwurf gleich wieder, dass diese keine 'Lösung' dazu haben, genauso wie z.B. zum Euro/ zu den Staatsschulden,

    es sind eben menschen-/ politikgemachte Mammutprobleme, zu denen auch all die anderen Parteien in 10-100 Jahren vielleicht sehr viel Text, Strategien, Aktione und Kosten beigetragen haben, aber auch noch nie eine Lösung,

    anfangen müsste es immer mit Ehrlichkeit, dass es keine Wohlfühllösung gibt, zumindest noch nicht bekannt und nicht gerade hochwahrscheinlich, und dass man ein echtes Langzeitproblem vor sich liegen hat,

    der zweite Schritt wäre Verstaatlichung aller Atom-Energieversorger, Einbehaltung derer 10 Mrd. Gewinn pro Jahr für die nächsten 30 Jahre, sowie hoffentlich schon vorhandener gewisser Rücklagen, so viel zu klein sie auch immer sein mögen

    • lemax11
    • 24. September 2012 15:04 Uhr

    Dies dürfte wohl unser eigener Müll sein, der von uns (Deutschen) in die dortige Wiederaufbearbeitungsanlage geschickt wurde.

    Antwort auf "Entsorgungsirrsin"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service