Doch das Außenministerium befürchtet Verwicklungen in den Polargebieten. Philberth, der im Atomministerium einen »fanatischen Eindruck« hinterlassen hat, erhält am 12. Februar 1960 von Minister Balke die endgültige Absage: »Die Einlagerung radioaktiver Abfälle in Polargebieten stellt eine unkontrollierbare Beseitigung dar.«

Drei Monate zuvor, im November 1959, ist Philberth mit seinen Plänen noch zur ersten Konferenz über die »Lagerung radioaktiver Abfälle« nach Monaco gereist; 320 Experten aus 32 Ländern füllen die Stuhlreihen. Auf dem Podium erklärt der Chef der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA), Sterling Cole, dass der Begriff »Atommüll« vollkommen in die Irre führe. Es gebe gar keinen Atommüll, sondern nur einen wertvollen Reststoff. Gegenwärtig habe man zwar noch keine Verwendung dafür, aber das werde sich bald ändern.

Dennoch kommt man auch in Monaco um das Wort Abfall nicht herum. Gasförmige Abfälle sollen schlicht über den Luftweg entsorgt werden – wobei die Besorgnis bestehe, so heißt es im Konferenzbericht der IAEA, dass »die räumliche Verbreitung der Radioaktivität für die Welt ein gewisses Risiko bedeuten könnte«. Die weit größere Menge der Flüssigabfälle könnte dann kontrolliert versickern oder in großflächiger Verteilung im offenen Meer verklappt werden. Doch Japan und die Sowjetunion erheben massive Einwände. Dass sich Radioaktivität im Plankton anreichert, ist bereits bekannt. Es gibt alarmierende Messergebnisse mit 500-facher Überschreitung der normalen Aktivität. Aber die USA weisen die Kritik zurück, und die IAEA erklärt viele Meeresgebiete schlankweg zu »biologischen Wüsten, in denen das Fischen unprofitabel ist und höhere Radioaktivitätswerte durchaus zugelassen werden können«.

Im November 1960 geht im unterfränkischen Kahl das erste kommerzielle deutsche Kernkraftwerk in Betrieb, im selben Jahr wird ein Forschungsprogramm zum »bodennahen Vergraben« der Abfälle angeregt. Den heiligen Vorsatz, vor dem Bau der ersten Meiler die Entsorgungsfrage zu klären, haben Bundesregierung und Genehmigungsbehörden schon über Bord geworfen. Dabei schreibt Paragraf 9a des ebenfalls 1960 verabschiedeten Atomgesetzes vor, dass jeder Betreiber dafür sorgen muss, dass »anfallende radioaktive Reststoffe [...] schadlos verwertet oder geordnet beseitigt werden«.

Was aber ist eine geordnete Beseitigung? Die Entsorgung im All? »Vermutlich sowjetischen Ursprungs«, glaubt Historiker Tiggemann, ist der seit den fünfziger Jahren diskutierte Vorschlag, den strahlenden Müll in den Weltraum zu schießen. In den siebziger Jahren beginnen auch US-Wissenschaftler, diesen »Entsorgungspfad« zu erforschen. Von sechs untersuchten »Standorten« im Weltraum erweist sich, wie eine Nasa-Studie 1981 zusammenfasst, der »0.85AU radius heliocentric orbit«, ein 127,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernter Platz in unserem Sonnensystem, als beste Option für eine orbitale Atommülldeponie. Doch die enormen Kosten, die Notwendigkeit fast täglicher Raketenstarts und die gravierenden Risiken durch Unfälle verweisen alle Weltraumausflüge ins Reich des Absurden.

Währenddessen konzentriert sich die Endlagersuche der Bundesdeutschen auf den Salzbergbau. Der Münchner Petrograf Georg Fischer hat schon 1956 Salzstöcke als Lagerstätten vorgeschlagen. Auch in den USA hält man ehemalige Salzkavernen für tauglich, 1958 wird ein Konzept für eine Pilotanlage vorgelegt. Die Bundesanstalt für Bodenforschung berichtet im Juli 1962 über Möglichkeiten der Endlagerung »im Untergrund«. Neben Salzbergwerken wird auch die Eisenerzgrube »Allerheiligen« im Bergwerk Konrad bei Salzgitter als Standort ins Visier genommen.

Aber auch die billige Entsorgung im Meer will man nun doch »erproben«. Im Mai 1967 wird im Hafen von Emden deutscher Atommüll auf das englische Frachtschiff Topaz geladen. Hafenarbeiter rebellieren, und das Gewerbeaufsichtsamt rügt mangelnden Arbeitsschutz – die Aktion im Atlantik ist nicht zu verhindern.

Sie bleibt die einzige deutsche Versenkungsaktion. 1983 stoppt die Londoner Dumping-Konvention die Ex-und-hopp-Entsorgung im Meer. Bis dahin kippen die westlichen Atomländer USA und Großbritannien, aber auch die Schweiz, die Niederlande, Belgien und andere 140.000 Tonnen Atommüll in den Ozean. Die Europäer bevorzugen eine Meereszone nordwestlich der spanischen Atlantikküste in 4.000 Meter Tiefe. Auch die anfangs heftig protestierende Sowjetunion entsorgt bald Tausende Tonnen Atommüll im Eismeer. Wenn die Fässer nicht untergehen, werden sie nach Wildost-Manier beschossen, bis Wasser eindringt und sie nach unten zieht.

Großphysiker von Weizsäcker sieht »überhaupt kein Problem«

In der Bundesrepublik kehrt man zum Salz zurück. Und auch die DDR richtet 1969 ein Salzstock-Endlager ein: für schwachaktive Abfälle in Morsleben in Sachsen-Anhalt. Es muss später auch mittelaktiven Abfall und – nach der Wende – »BRD-Müll« aufnehmen. Im Dezember 1971 beginnt die Einlagerung an dem Standort, der zuvor eine unterirdische Hühnerfarm beherbergte. Zu Nazizeiten haben hier Tausende KZ-Häftlinge für die Rüstungsproduktion geschuftet. 36.754 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle werden in Morsleben bis 1998 eingegraben. Doch das Bergwerk wackelt. Schon zu DDR-Zeiten hat man dem Lager mangelnde Stabilität bescheinigt. Nach Dauerprotesten von Anwohnern erklärt das Bundesamt für Strahlenschutz Morsleben im April 2001 endgültig zum Sicherheitsrisiko, sieben Monate später stürzt ein 5.000 Tonnen schwerer Salzklotz aus dem Deckgebirge ab. Das Lager mutiert zum milliardenschweren Sanierungsfall, es wird notdürftig stabilisiert, mit Spezialbeton verfüllt und stillgelegt. »Endlagermurks«, giften die Bürgerinitiativen.

Im Westen steht das ehemalige Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel zum Verkauf – ein Schnäppchen. Im März 1965 übernimmt die Bundesrepublik den riesigen Fuchsbau. Für manche Experten ist die Endlagerung immer noch ein Spaziergang. Der Großphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt 1969 frohgemut, die Entsorgung sei »überhaupt kein Problem. Ich habe mir in Karlsruhe sagen lassen, daß der gesamte Atommüll, der in der Bundesrepublik im Jahr 2000 vorhanden sein wird, in einen Kasten hineinginge, der ein Kubus von 20 Metern Seitenlänge ist. Wenn man das gut versiegelt in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, daß man das Problem gelöst hat.«

Das Bergwerk Asse wird zur »Forschungseinrichtung« erklärt, die »versuchsweise« schwachradioaktiven Müll aufnehmen soll. Zwischen April 1967 und Dezember 1978 gelangen 125.787 Atomfässer in die Asse, inklusive Giftmüll wie Arsen und verstrahlter Tierkadaver. Das Einlagern geschieht anfangs geordnet, dann immer chaotischer. In »freier Sturztechnik«, so der Fachbegriff, werden die radioaktiven Abfälle Abhänge hinuntergekippt, Salz drüber, basta. »Einpökeln«, sagen die Arbeiter und grinsen.