Atommüll : Weg! Weg!! Weg!!!
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An einigen Salzstöcken gibt es unter dem Vorwand der Ölsuche Probebohrungen

Die offizielle Version: Es handele sich um Krankenhausabfälle und Forschungsmüll. Doch 70 Prozent der Abfälle kommen aus Reaktoren. Täglich dringen 12.000 Liter Wasser in das Bergwerk ein; es droht abzusaufen, die Südflanke ist einsturzgefährdet. Im Sommer 2008 kommt alles ans Tageslicht. Jahrzehntelang haben Energiewirtschaft, Politik und Wissenschaft die Öffentlichkeit belogen. Jetzt sollen alle 125.787 Fässer aus den nuklearen Grabkammern des absaufenden Lagers zurückgeholt werden – ein Wettlauf gegen die Zeit. Geschätzte Kosten: vier Milliarden Euro.

Bereits zuvor, noch in den siebziger Jahren, ist ein anderer Salzstock in den Fokus gerückt: Gorleben, ebenfalls in Niedersachsen, nahe der deutsch-deutschen Grenze. Das Bundesforschungsministerium hat einen gigantischen Plan. Das Endlager soll gekoppelt werden an die größte Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) der Welt, in der Plutonium aus Atommüll zurückgewonnen wird. Der Bombenstoff soll dann in schnellen Brütern als Brennstoff eingesetzt werden. Die Ideologie des nuklearen Brennstoffkreislaufs bestimmt den Diskurs, und in Gorleben soll das Herz der neuen Atomlandschaft schlagen: das »Nukleare Entsorgungszentrum«. Hier soll ein blühender Atompark wachsen mit Endlager, WAA, Zwischenlager und einer Konditionierungsanlage, um Atommüll zu verpacken. Aber warum ausgerechnet Gorleben?

Bund und Länder untersuchen in den siebziger Jahren, wie der Historiker Detlev Möller nachzeichnet, unzählige Standorte. Allein Niedersachsen nimmt in geheimer Mission 140 Salzstöcke ins Visier. Die Bevölkerungsdichte muss niedrig sein, es soll kein Milchvieh weiden, der Wind darf keine »radioaktiven Reststoffe« auf große Siedlungen zuwehen. Und die Infrastruktur muss stimmen. An einigen Salzstöcken gibt es unter dem Vorwand der Ölsuche Probebohrungen. Doch die Pläne sickern durch, Platzbesetzungen folgen. Der favorisierte Salzstock Lichtenmoor bei Nienburg an der Weser wird wegen der Proteste aufgegeben.

Helmut Schmidt befürchtet Ärger mit DDR und Nato

Am 22. Februar 1977 verkündet Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) schließlich, dass die Wahl auf Gorleben im, wie das damals hieß: »Zonenrandgebiet« des Landkreises Lüchow-Dannenberg gefallen sei. SPD-Kanzler Helmut Schmidt befürchtet Ärger mit DDR und Nato, akzeptiert aber die Entscheidung. Albrecht erwartet in der strukturschwachen Region keinen großen Widerstand. Außerdem, so erinnert sich der als Geologe beteiligte Wissenschaftler Gerd Lüttig, wollte die Landesregierung mit dem grenznahen Standort »die Ostzonalen richtig ärgern«. Lüttig hielt Albrecht vor, dass Gorleben nicht auf der Liste besonders geeigneter Salzstöcke stehe. Albrecht antwortete, andere Gründe sprächen für Gorleben.

Doch der Ministerpräsident täuscht sich. Mit dem Rückenwind einer bundesweiten Anti-Atom-Bewegung steigt die Region auf die Barrikaden. Gorleben wird zum neuen Brennpunkt. An keinem anderen Standort hat sich bis heute ein ähnlich hartnäckiger, durch nichts zu beeindruckender Widerstand gebildet. Er reicht tief ins bürgerliche Lager und erhält Zulauf aus der ganzen Republik: Gorleben ist überall! Als der legendäre Gorleben-Treck im Frühjahr 1979 mit 100.000 Demonstranten nach Hannover rollt und halb Niedersachsen kopfsteht, muss Albrecht zurückrudern. Er erklärt den Entsorgungspark im Mai 1979 für »politisch nicht durchsetzbar« und will jetzt »nur« noch ein Endlager bauen. Verheerende geologische Gutachten zum Salzstock können die Pläne nicht stoppen. Auf Druck der Regierung von Helmut Kohl (CDU) werden in den achtziger Jahren Gorleben-Expertisen manipuliert und beschönigt.

Für den »unverzichtbaren Entsorgungspfeiler« der WAA sucht die Atomindustrie unterdessen mit Hochdruck einen anderen Standort. Immer neue Dörfer und Nester hinterm Wald werden benannt: Dragahn in Niedersachsen, dann Kaisersesch (in Rheinland-Pfalz), Diemelstadt, Volkmarsen, Merenberg, Wangershausen (alle in Hessen). Überall »geht die Angst um« (Spiegel). Schließlich wirft sich CSU-Chef Franz Josef Strauß in die Bresche und signalisiert Bereitschaft für einen bayerischen Standort. 1985 beginnen die Bauarbeiten in Wackersdorf in der Oberpfalz. 1989, nach vier Jahren Bauzeit und zähem Widerstand der Bevölkerung, erkennt die Atomindustrie den Irrweg der Wiederaufarbeitung und flüchtet aus Wackersdorf. Die deutsche WAA ist gestorben und mit ihr das ideologische Hirngespinst vom »geschlossenen Brennstoffkreislauf«.

Geblieben ist die Suche nach einem Endlager. Aber wo und wie? In tiefen geologischen Formationen? Im Ausland? Oder eine oberflächennahe Billiglösung, weil ein sicheres Abschirmen der strahlenden Last für Zehntausende Jahre ohnehin unmöglich ist? Bisher wurden die Koordinaten dieses auf Jahrtausende angelegten Projekts in jeder Legislaturperiode neu justiert. Jetzt, nach vielen Jahren einseitiger Fixierung auf Gorleben, haben sich Bund und Länder auf den Neustart für eine transparente Standortsuche verständigt. Eine historische Chance. Nur zur Erinnerung: Angela Merkel ist 58 Jahre alt. Die Halbwertszeit von radioaktivem Neptunium liegt bei 2,1 Millionen Jahren.

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Verständigung zum Neustart?

Angeblich "haben sich Bund und Länder auf den Neustart für eine transparente Standortsuche verständigt."

Doch an der praktischen Umsetzung hapert es. Die maßgeblichen Politiker sind wohl überheblich der Meinung, sie könnten das Problem auf die Schnelle mit einem Gesetz lösen. Das muss wegen der fehlenden Sachkenntnis scheitern. Politiker sollten sich auf Politik beschränken.

Wie wäre es mit einer Entschließung wie 1979 (siehe http://www.bfs.de/de/bfs/...). Damals wurde sich auf Gorleben festgelegt, den heutigen Erkenntnisstand könnte man wie folgt formulieren:

"Die Regierungschefs von Bund und Ländern kommen überein, dass die Suche nach einem bestmöglichen Endlager für radioaktive Abfälle aus wissenschaftlichen Gründen und insbesondere zur Einhaltung des Strahlenschutzgrundsatzes der Minimierung in allen Bundesländern notwendig ist. Dem liegt zugrunde, dass für eine möglichst sichere Endlagerung die natürlichen geologischen Barrieren mit höchster Priorität herangezogen werden müssen. Eine nur an einem Standort geführte Argumentation zur Langzeitsicherheit kann wegen der enormen Unsicherheiten und des Nichtwissens bei den notwendigen Prognosezeiträumen von einer Million Jahren und mehr keine rationale Entscheidungsgrundlage sein."

Siehe auch
http://endlagerdialog.de/...