FamilienpolitikZurück in die Vergangenheit

Das geplante Betreuungsgeld widerspricht einer modernen Familienpolitik. Eine Warnung führender Wissenschaftler an die Politik.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland sehr lange einen familienpolitischen Sonderweg gegangen. Dabei wurden die Erwerbswünsche von Müttern insbesondere mit jungen Kindern wenig berücksichtigt, die Möglichkeiten einer frühen Förderung von Kindern außerhalb der Familie waren begrenzt, das Armutsrisiko von Familien war relativ hoch, und Väter wurden kaum ermutigt, sich an der Erziehungsarbeit zu beteiligen.

Heute ist der bedarfsgerechte Ausbau der Kindertagesbetreuung ein politisches Ziel, auf das man sich gesellschaftlich verständigt hat. Mit der Einführung des Elterngeldes wird die wirtschaftliche Stabilität von Familien in den ersten Lebensmonaten gesichert und werden Väter zur Beteiligung an der Erziehungsarbeit motiviert. Mit beiden Maßnahmen soll Eltern die mit großer Mehrheit angestrebte Möglichkeit gegeben werden, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.

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Wir beschäftigen uns als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven mit der Familienpolitik und ihren Auswirkungen. Wir bewerten die beiden bisher von der Bundesregierung eingeleiteten Programme positiv. Wir sind aber gegen die jetzt geplante Einführung einer neuen Leistung, die als »Betreuungsgeld« bezeichnet wird. Das Betreuungsgeld würde die bisherige, an internationalen Erfahrungen orientierte Strategie der Bundesregierung konterkarieren und Deutschland wieder auf den familienpolitischen Sonderweg zurückführen. Mit einem Betreuungsgeld würden für Frauen im niedrigen Einkommensbereich Anreize gesetzt, nach dem Elterngeldbezug nicht in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Gerade für diese Frauen wäre aber eine kontinuierliche Erwerbsbiografie besonders wichtig. Ihre langfristige Einkommens- und Alterssicherung hängen wesentlich davon ab.

In Skandinavien haben ähnliche Leistungen wie das Betreuungsgeld dazu geführt, dass neben der Erwerbsbeteiligung von Müttern auch die Nutzung frühkindlicher Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zurückgegangen ist. Besonders in einkommensschwachen Familien wurde die Neigung bestärkt, kleinere Kinder ausschließlich in der Familie zu betreuen. Für Deutschland liegt es nahe, dass ähnliche Effekte eintreten könnten. Damit würde die Kindertagesbetreuung primär von einkommensstärkeren Familien genutzt werden. Von einer guten pädagogischen Qualität einer Kindertagesbetreuung könnten Kinder, deren Eltern Anreize für eine Nichtnutzung haben, nicht profitieren.

Eine an den Lebenswünschen der großen Mehrheit der Bevölkerung und den Erkenntnissen der Wissenschaft orientierte Familienpolitik sollte auf das geplante Betreuungsgeld verzichten. Gerade vor dem Hintergrund des absehbar unzureichenden Ausbaus der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren wäre es sinnvoller, die für das Betreuungsgeld eingeplanten finanziellen Mittel vorrangig in diesen Bereich zu investieren. Überdies wird mehr Geld für einen quantitativen und qualitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung benötigt.

Käme das Betreuungsgeld, dann wäre das ein großer Rückschritt auf dem Wege, Familien- und Kinderpolitik in Deutschland auf die heutigen veränderten Lebensbedingungen zuzuschneiden und mit einer zukunftsfähigen Gleichstellungs- und Arbeitsmarktpolitik zu verbinden. Wir appellieren an die Bundeskanzlerin und die gesamte Bundesregierung, ihre erst vor wenigen Jahren eingeleitete moderne Familienpolitik nicht durch das Betreuungsgeld zu desavouieren.

Die Unterzeichner sind Ökonomen, Erziehungswissenschaftler, Psychologen, Soziologen, Rechtswissenschaftler und Mediziner. Viele von ihnen sitzen oder saßen in Beratungsgremien der Bundesregierung, vornehmlich zur Familienpolitik.

Prof. Jutta Allmendinger (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), Prof. Sabine Andresen (Universität Frankfurt), Prof. Hans Bertram (Humboldt-Universität, Berlin), Prof. Hans-Werner Bierhoff (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Martin Diewald (Universität Bielefeld), Prof. Sigrun-Heide Filipp (Universität Trier), Prof. Wassilios Fthenakis (Freie Universität Bozen/Universität Bremen), Prof. Karin Gottschall (Universität Bremen), Prof. Karsten Hank (Universität Köln), Prof. Johannes Huinink (Universität Bremen), Prof. Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft, Köln), Prof. Klaus Hurrelmann (Hertie School of Governance, Berlin), Prof. Berthold Koletzko (Universität München), Dr. Michaela Kreyenfeld (Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock), Prof. Birgit Leyendecker (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Uta Meier-Gräwe (Justus-Liebig-Universität Gießen), Prof. Notburga Ott (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Hans-Uwe Otto (Universität Bielefeld), Prof. Helmut Rainer (ifo Institut und Ludwig-Maximilians-Universität München), Prof. Kirsten Scheiwe (Universität Hildesheim), Prof. Reinhold Schnabel (Universität Duisburg-Essen), Prof. Axel Schölmerich (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Wolfgang Schöer (Universität Hildesheim), Prof. Katharina Spieß (DIW Berlin und Freie Universität Berlin), Prof. Klaus Peter Strohmeier (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Heike Trappe (Universität Rostock), Prof. Martin Werding (Ruhr-Universität Bochum)

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Leserkommentare
  1. Anfangs war ich gegen das Betreuungsgeld aber wenn ich dran denke wie sehr ich meine Mutter, die Vollzeit arbeiten musste, trotz Krippe, vermisst habe und sie mir an meiner Seite gewünscht habe, wie sie abends erschöpft von der Arbeit kam und keine Kraft mehr hatte sich mit mir zu befassen, fange ich doch stark an zu zweifeln.
    Der Grund warum man die Frau weg von der Familie hin zur Arbeit bewegen möchte, ist nicht etwa die Sorge um unsere Kinder, sondern die Sorge um den Verzicht auf weitere billige steuerzahlende Arbeitskräfte.
    Die Mutter die ihre Kinder selbst erziehen möchte, soll als faul und assozial abgestempelt und die die ihre Kinder in fremde Obhut gibt und sich für nen Hungerlohn und eine Rente die einer Sozialhilfe gleicht krummbuckelt, dafür hochgelobt werden.
    Ähh...gut fürs Familienleben?? Oder gut für die Wirtschaftsbosse?

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    Wie viele Kinder vermissen ihren Vater, der übermäßig viel Zeit der Erwerbsarbeit opfern muss, damit das Geld reicht, weil die Mutter nicht erwerbstätig ist?
    Wie viele Kinder erleben ihren Vater kaum als Bezugsperson, weil sie kaum Zeit mit ihm verbringen konnten, weil er "so lange arbeiten muss", damit das Geld reicht, weil die Mutter "nicht arbeiten geht"?
    Nur weil das Problem abwesender Väter Tradition hat, hat es kein Bestandsrecht.

  2. Wie viele Kinder vermissen ihren Vater, der übermäßig viel Zeit der Erwerbsarbeit opfern muss, damit das Geld reicht, weil die Mutter nicht erwerbstätig ist?
    Wie viele Kinder erleben ihren Vater kaum als Bezugsperson, weil sie kaum Zeit mit ihm verbringen konnten, weil er "so lange arbeiten muss", damit das Geld reicht, weil die Mutter "nicht arbeiten geht"?
    Nur weil das Problem abwesender Väter Tradition hat, hat es kein Bestandsrecht.

    Antwort auf "Gesundes Familienleben"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mütter spielen in den ersten drei lebensjahren eben doch eine größere rolle als väter.
    und keine krippe kann eine mütterliche betreuung nachstellen.

  3. Zu Ihrer Aussage: "Es gibt keine Beweise dafür, dass frühkindliche Betreuung in Krippen (Alter der Kinder 0 – 3 Jahre) tatsächlich zu mehr Bildung führt."
    möchte ich als Argument und Einstiegslektüre den folgenden Link zu einer wissenschaftlichen Studie empfehlen:
    http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_23966_23968...

    Antwort auf "Unreflektiert, naiv I"
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    Kenne ich - aber fragwürdig

    Wenn Sie sich auf dieser Seite den letzten Download ansehen würden, sehen Sie diese Studie vielleicht auch etwas kritischer.

    http://www.johannes-resch.de/Veroeffentlichungen-Auswahl-/1,000000540058...

    Diesen Download meine ich:
    Werden Krippenkinder schlauer? - Die "Bertelsmann-Studie"

    Haben Sie weitere Beweise für die angebliche Bildung durch Krippenbetreuung? Ich kenne keine!

  4. Kenne ich - aber fragwürdig

    Wenn Sie sich auf dieser Seite den letzten Download ansehen würden, sehen Sie diese Studie vielleicht auch etwas kritischer.

    http://www.johannes-resch.de/Veroeffentlichungen-Auswahl-/1,000000540058...

    Diesen Download meine ich:
    Werden Krippenkinder schlauer? - Die "Bertelsmann-Studie"

    Haben Sie weitere Beweise für die angebliche Bildung durch Krippenbetreuung? Ich kenne keine!

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    Das Argument des Kommentators von http://www.johannes-resch.de/Veroeffentlichungen-Auswahl-/1,000000540058...
    (Verzerrung der Daten durch Ost-West-Unterschiede) wurde eingerechnet:
    "Für die Isolation des Einflusses des Krippenbesuchs auf die Einstufung in der Sekundarstufe I
    wurden weitere Einflüsse wie die Bildung der Eltern, Einkommen und Anzahl Geschwister sowie
    Geschlecht, Geburtsjahrgang und Herkunft (Migration, Ost/West) gleichzeitig gemessen. Damit
    sollte sicher gestellt werden, dass der ermittelte Effekt des Krippenbesuchs nur auf diesen und
    nicht auf die anderen Effekte zurückzuführen ist."

    Darüber hinaus habe ich noch die nächste Lese-Empfehlung:

    http://www.child-encyclopedia.com/Pages/PDF/Ahnert-LambANGxp2.pdf

  5. Das Argument des Kommentators von http://www.johannes-resch.de/Veroeffentlichungen-Auswahl-/1,000000540058...
    (Verzerrung der Daten durch Ost-West-Unterschiede) wurde eingerechnet:
    "Für die Isolation des Einflusses des Krippenbesuchs auf die Einstufung in der Sekundarstufe I
    wurden weitere Einflüsse wie die Bildung der Eltern, Einkommen und Anzahl Geschwister sowie
    Geschlecht, Geburtsjahrgang und Herkunft (Migration, Ost/West) gleichzeitig gemessen. Damit
    sollte sicher gestellt werden, dass der ermittelte Effekt des Krippenbesuchs nur auf diesen und
    nicht auf die anderen Effekte zurückzuführen ist."

    Darüber hinaus habe ich noch die nächste Lese-Empfehlung:

    http://www.child-encyclopedia.com/Pages/PDF/Ahnert-LambANGxp2.pdf

  6. Ich war vor kurzem in einem Kindergarten für Kleinstkinder
    so ca. 2 Jahre. Es fand dort eine Verkaufsveranstaltung
    für Tupperware statt.

    Wie ich reinkam wurde gerade ein Ringelreien gespielt.
    Man drehte sich im Kreis, an den Händen fassend,
    Die Betreuerin sang dazu.

    Auffallend war, die kleinen konnten garnichts damit
    anfangen.

    Auch dass viele Spielzeug wurde nur durch die Gegend geschmissen.

    Viel schrien,weinten.

    Ne , meine kämen vor dem 3. Lebensjahr nicht in eine Krippe, mit oder ohne Betreungsgeld.

  7. mütter spielen in den ersten drei lebensjahren eben doch eine größere rolle als väter.
    und keine krippe kann eine mütterliche betreuung nachstellen.

    Antwort auf "Wo ist der Vater?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Haben Sie einen wissenschaftlichen Beleg für Ihre Behauptung?
    Oder ist vielleicht die Mutter nur wichtiger, wenn sie mehr Zeit mit dem Kind verbringt als der Vater?

    • hadebe
    • 26. September 2012 12:45 Uhr

    Frage: Wer der Unterzeichner hat 2 oder mehr Kinder?
    Das würde mich interessieren. - Ich selber habe nur eins.
    Wer Kinder großgezogen hat weiss um was es geht, alle anderen theoretisieren nur groß rum.

    Wenn wir glauben, dass wir unseren durch den demographischen Wandel beginnenden Arbeitskräftemangel ausgerechnet durch eine Vollerwerbsbiographie der Frauen lösen können, kann offensichtlich nicht über den Tellerrand der nächsten 50 Jahre blicken.
    Jedem "Förderer" sollte klar sein, dass es keinen wichtigeren Aspekt im Leben von Frauen geben darf als das Kinder bekommen - und zusammen mit den Vätern - diese auch großzuziehen.
    -Also gehört jede Förderung auf ihre Zielgenauigkeit abgeklopft.
    Ein Betreuungsgeld ist zielgenauer als ein Ehegattensplitting - es sei denn, dieses gibt es erst ab der Geburt/Adoption von zwei Kindern.

    Und wenn die Familien (Eltern und Kinder) paritätisch entscheiden dürften, wer mit ihren Rentenbeiträgen versorgt wird und wer nicht, dann wären wir der Generationengerechtigkeit ein ganzes Stück näher.

    Auf jeden Fall ist es für eine Frau besser, nach ihrer professionellen Ausbildung Kinder zu bekommen und groß zu ziehen, denn in ca 15 Jahren braucht sie sich nicht mehr durch Praktikantenstellen durchzuwarten, sondern wird mit Handkuß genommen.
    Hadebe

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  • Schlagworte Betreuungsgeld | Kinderbetreuung
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