So lange es kein Riesenrad gibt, muss das Brandenburger Tor genügen. © Adam Berry/Getty Images

Der Flughafen ist ja kein Einzelfall. Seit fast zehn Jahren versuchen die Berliner Politiker auch vergeblich, ein Riesenrad zu eröffnen. Auslöser dieses Wunsches war die Tatsache, dass es in London ein extrem großes Riesenrad gibt, das London Eye, welches in nur zwei Jahren errichtet wurde, schöne Gewinne abwirft und fast schon ein Wahrzeichen geworden ist.

Da sagten sich die Berliner: Das toppen wir noch. Wir bauen jetzt das größte Riesenrad der Welt.

Ein Investor wollte das größte Riesenrad der Welt neben dem Kreuzberger Technikmuseum aufstellen. Diese Idee gefiel weder den Museumsleuten noch den Bezirkspolitikern. Die erwarteten drei Millionen Besucher pro Jahr würden zu Staus und Parkplatzproblemen führen, hieß es. Also wurde erst mal ein paar Jahre lang ausgiebig über das Parkplatzproblem diskutiert.

2005 hieß es, ein britischer Millionär wolle dem Technikmuseum 5,5 Millionen Euro schenken, für einen Erweiterungsbau. Die einzige Bedingung des anonymen Spenders sei, dass kein Riesenrad gebaut werde. Der Mäzen schien einen rätselhaften Hass auf Riesenräder in sich zu tragen. Daraufhin wurde das Projekt tatsächlich abgesagt. Interessanterweise hat man von dem Millionär und seinem Geschenk seitdem nichts mehr gehört. Für das Gerücht, dass es sich bei dem vermeintlichen Geschenk um eine Intrige oder einen Trick gehandelt haben könnte, von den Londonern womöglich oder von militanten Parkplatzgegnern, gibt es naturgemäß keine Beweise.

Nun sollte das Riesenrad also neben dem Bahnhof Zoo entstehen. Inzwischen gab es einen neuen Investor. Der neue Investor gründete einen Fonds, nannte ihn »Global View« und versprach jährliche Renditen von zehn Prozent. Berlin verlegte, um für den Investor freie Bahn zu schaffen, den Wirtschaftshof des Zoos, das kostete 17 Millionen Euro. Am 3. Dezember 2007 vollzog der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit persönlich den ersten Spatenstich. Ich war nicht dabei, aber er soll bester Laune gewesen sein. Ähnlich wie der neue Berliner Flughafen hatte das größte Riesenrad der Welt auch schon einen klingenden Namen, Great Berlin Wheel, und einen Termin für die Eröffnung, den 30. Oktober 2011. Auch das Great Berlin Wheel sollte, wie der Flughafen Schönefeld, eine »Abflughalle« bekommen, mit Geschäften und Gastronomie.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen drei Manager der Projektgesellschaft Great Berlin Wheel. Etwa 10.000 Kleinanleger, die insgesamt 208 Millionen Euro ihrer Ersparnisse in das Berliner Riesenrad gesteckt haben, müssen auf 40 Prozent dieser Summe verzichten. Ein Teil des Geldes scheint in Richtung Karibik geflossen zu sein. Eine beachtliche Tranche von 57 Millionen haben sich, laut Spiegel, die Banken als »Gebühren« abgeschnitten, von den restlichen Millionen lässt sich einstweilen nur sagen, dass sie verschwunden sind.

Auf der Baustelle wurde nie gearbeitet, statt einer Abflughalle wächst dort seit Jahren die Berlin-typische Mischung aus Weidelgras, Mäusegerste und Brennnesseln. Irgendwie scheint dieser Investor wohl doch nicht ganz seriös gewesen zu sein.

Wer die Geschichte des Berliner Riesenrades kennt, eines, verglichen mit einem Flughafen, relativ unkomplizierten Bauvorhabens, der konnte über die inzwischen viermalige Verschiebung der Berliner Flughafen-Eröffnung unmöglich erstaunt sein. Über das Riesenrad-Debakel wird nicht so oft berichtet, weil es in Berlin ja immer andere, noch deprimierendere Debakel gibt. Eine S-Bahn, die häufig nicht fährt. Eine Hertha, die immer wieder absteigt – Berlin ist die einzige Hauptstadt in der EU, die keinen Club in der ersten Fußball-Liga besitzt. Das Schulsystem ist nach insgesamt 17 mehr oder weniger erfolglosen Schulreformen der letzten 20 Jahre in einem derartig fragilen Zustand, dass selbst Eltern, die so etwas politisch ablehnen, ihre Kinder zähneknirschend auf eine Privatschule schicken.

Auch die Bürgersteige funktionieren nicht mehr. Im Juli gab der Bundesgerichtshof einer Rentnerin recht, die im Bezirk Pankow, umhergehenderweise, mit ihrem Fuß in einem tiefen Loch hängen geblieben war und sich beim Sturz verletzt hatte. Das Bezirksamt hatte ihr ein Schmerzensgeld mit der Begründung verweigert, dass fast alle Gehwege in Pankow marode seien, dies sei allgemein bekannt. Auf Löcher im Boden hätten Berliner Fußgänger sich gefälligst einzustellen. Als im Winter 2010 die Berliner Fußwege wieder einmal vereist waren und wieder einmal nicht geräumt wurden, sodass ältere Personen tagelang ihre Wohnung nicht verlassen konnten, kommentierte dies der Regierende Bürgermeister mit dem inzwischen legendären Satz: »Wir sind hier nicht in Haiti.«

Was den Zustand der Infrastruktur betrifft, vielleicht schon. Als ein Wirtschaftsmagazin vor ein paar Wochen die deutschen Großstädter nach der Qualität und Effizienz ihrer Stadtverwaltung befragen ließ, landete Berlin auf dem letzten Platz.

Das Bestehende verwahrlost, und das Neue scheitert. In manchen Ecken, ein bisschen entfernt vom glitzernden Zentrum, erinnert Berlin schon fast wieder an die untergegangene DDR: in den kaputten Schulen mit ihren kaputten Toiletten, auf den Bürgersteigen von Pankow, auf dem Brachland am Bahnhof Zoo.

Auch anderswo gibt es Probleme mit Großprojekten, das stimmt schon, sie werden nicht termingerecht fertig, die Kosten explodieren, so etwas ist beinahe der Normalfall und keine Berliner Spezialität. Und man muss als mildernden Umstand ja auch die Armut Berlins erwähnen. Berlin steht seit Jahren unter heftigem Sparzwang. Andererseits, bei welcher deutschen Stadt ist das nicht so?

Und was, zum Teufel, hat die Armut Berlins mit dem Riesenrad zu tun? Um das Riesenrad hatten sich mehrere private Investoren beworben, das Geld war da, auch für den Flughafen war Geld da, vergeigt haben sie es trotzdem. In Zusammenarbeit mit Brandenburg, stimmt. Man muss immer gerecht sein.

Wenn man nach den Ursachen des Berliner Sonderwegs sucht, fällt einem natürlich die Spaltung der Stadt ein und das Biotop West-Berlin, das jahrzehntelang für Filz, Kungeleien und Skandälchen aller Art berühmt war, der Steglitzer Kreisel, die Garski-Affäre, die Antes-Affäre, die Bankgesellschaft, da hat man wochenlang zu lesen. Zuletzt, 2011, musste der Justizsenator Michael Braun, CDU, nach nur zwölf Tagen Amtszeit – deutscher Rekord! – wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit dem Verkauf von Schrottimmobilien zurücktreten.