KunstKönigin des Lichts

Was ist das Geheimnis ihrer Schönheit? Eine Berliner Ausstellung feiert den Fund der Nofretete vor 100 Jahren. von 

Ein wenig müde sieht sie ja manchmal schon aus, die Lider werden ihr schwer. Und wer wollte es ihr verübeln, wenn sie die Augen schlösse, für ein paar Jahre oder für ein paar Jahrzehnte. Sie hat schließlich dreieinhalb Jahrtausende hinter sich! Und noch nie, nicht für den kleinsten Augenblick die Contenance verloren. Sie schaut in die Welt, und die Welt schaut zurück – und vermag nicht zu fassen, was sie erblickt.

Die Nofretete, so stolz und kühl, schert sich nicht weiter um das, was den Menschen von heute umtreibt. Sie ist nicht gehetzt, sie hat keine Termine. Nichts ist ihr so egal wie die Zeit. Tod und Vergänglichkeit, das hat sie alles hinter sich. Für sie ist die Gegenwart ewig und die Ewigkeit Gegenwart. In ihrem Gesicht, so scheint’s, schnurrt die lange Menschheitsgeschichte zusammen zu einem stillen Lächeln.

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Und so darf, wer vor sie hintritt, noch einmal hoffen: darauf, dass vielleicht doch nicht alles gehen muss mit der Zeit. Dass etwas bleibt. Dass es so etwas gibt wie eine Schönheit, die alles überdauert.

Vermutlich ist kein Kunstwerk so bekannt wie die Nofretete. Sie hat sich tief eingeprägt ins kollektive Bildgedächtnis, und jedes Jahr kommen weit über eine Million Menschen, um sie in Berlin, in den Hallen des Neuen Museums, zu bestaunen. Fast niemand entgeht ihrem rätselhaften Bann.

Und jetzt, man staune, soll sie noch einmal anders, reicher, vollständiger gezeigt werden als bislang. Sie, die Herausgehobene, wird eingebettet. Andere Büsten rücken ihr nahe, dazu gibt es wunderbare Amphoren und Becher, bunte Scherben und raffiniertes Schmuckwerk. Über 600 altägyptische Wunderdinge, die davon erzählen, wie es zuging im Reich jener Frau, die schon zu Lebzeiten als »Herrin der Lieblichkeit« und »Königin der Anmut« gepriesen wurde.

Alle diese Schätze stammen aus Achet-Aton, einer prächtigen Stadt, die eigens von Nofretete und ihrem Mann, dem Pharao Echnaton, gegründet worden war – und die nach ihrer kurzen Regentschaft gleich wieder zerfiel. Erst vor hundert Jahren, als deutsche Archäologen den Wüstenschutt durchkämmten, allen voran Ludwig Borchardt, traten die Kostbarkeiten wieder zutage. Und am Nikolaustag 1912, bald nach der Mittagspause, stieß man im einstigen Haus des Künstlers Thutmosis auf jenen »bunten Kopf einer Prinzessin«, der alle staunen ließ. »Arbeit ganz hervorragend«, notierte Borchardt, dann fehlten ihm die Worte. »Beschreiben nützt nichts. Ansehen.«

Über 10.000 Objekte konnten die Deutschen damals bergen, und sie teilten den gewaltigen Fund, wie üblich, hälftig mit den Ägyptern. Warum diese aber die Nofretete ziehen ließen, ob aus »vornehm-wissenschaftlicher Weitherzigkeit«, wie jemand meinte, oder wegen einer »Vermogelung des Materials«, wie ein anderer sagte, ist kaum noch zu klären. Gerade das erbost die Ägypter umso mehr, sie wollen die Nofretete zurück. Die große Ausstellung, die nun den Fund der Büste feiert, wird den Streit wohl neu aufflammen lassen.

In ihr wird aber auch für alle sichtbar, dass der Nofretete nichts fremder sein könnte als ein Zwist ums Habenwollen, ums Besitzen und Festhalten. Denn sie steht für eine Macht, die sich nicht greifen, nicht besitzen lässt.

Die Nofretete ist nicht zufällig schön. Und nicht zufällig erscheint sie, die Herrscherin, als ideale Frau. Sie will so gesehen werden, kein höheres, entrücktes Wesen, sondern ein Mensch. Was natürlich nicht heißt, dass Nofretete wirklich so aussah: Der Künstler Thutmosis längte die Nase, rundete das Kinn und brachte überhaupt das ganze Gesicht in eine ganz und gar unnatürliche Symmetrie. Dennoch erscheint Nofretete bei aller Idealität so lebensvoll und wahrhaftig wie noch keine Herrscherin vor ihr. Und das keineswegs nur in dieser Büste.

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