Jazzfestival-Leiter NoglikRaus aus der Selbstbezogenheit!

Bert Noglik leitet künftig das Jazzfest Berlin. Wir besuchten ihn in seiner Heimatstadt Leipzig. von Stefan Hentz

Ein Mann leiser Töne: Bert Noglik

Ein Mann leiser Töne: Bert Noglik  |  © Patrick Hinely

Leipzig im Spätsommer, ein Spaziergang durch die Fußgängerzone mit Bert Noglik. In Leipzig ist er geboren, kurz nach dem Krieg, 1948; in Leipzig ist er aufgewachsen. Hier hat er studiert und gearbeitet, von hier aus hat er sich die Welt des Jazz erschlossen, hat für eine Zeitschrift mit Sitz in Polen geschrieben und für das Jazzpodium in Westdeutschland. Auf ein Honorar musste er aus Rücksicht auf die strengen Regeln im Umgang mit Devisen verzichten. Aber mit seinen Artikeln und den beiden Büchern, die er im Westen veröffentlichte, machte er sich einen Namen als ein redlicher, profunder Kenner des Jazz und speziell seiner freieren Spielarten.

Später, im Herbst 1989, gehörte er zu den Demonstranten an der Nikolaikirche, und als die Grenze fiel, ist Noglik geblieben. Von 1992 bis 2007 leitete er die Leipziger Jazztage.

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Ein höflicher, fast schon zarter Mann mit Stehvermögen, ein Mann, dem alles Laute, Auftrumpfende unangenehm zu sein scheint. Leipzig ist seine Stadt, ihre Wandlungen sind ihm vertraut: die neuen Warenhäuser, die mehr Fassade sind als Gesicht, die Bürgerhäuser mit ihrem prunkvoll restaurierten Stuck, Auerbachs Keller, in dem schon Goethe zechte, der Opernplatz mit seinem Sammelsurium an Repräsentationsbauten aus verschiedenen Epochen, die Plätze und Baustellen. Mit liebevoller Distanz spricht er über die Stadt, schwärmt, als es um die Thomanerkirche geht, um Bach.

Auf drei Jahre ist Noglik neuer künstlerischer Leiter beim Jazzfest Berlin, dem wohl bekanntesten Jazzfestival Deutschlands. Nachdem George Gruntz 1994 Abschied genommen hatte, nach einem Vierteljahrhundert der Intendanz, wechselte immer wieder die Richtung. Zuletzt ließen der Bremer Rundfunkjournalist Peter Schulze und nach ihm der schwedische Posaunist Nils Landgren das Pendel weit ausschlagen. Schulze interessierte sich besonders für die Erneuerung des Jazz durch das Einsickern frischer Ideen von den Rändern her. Landgren verstand den Jazz als glamouröse Repertoiremusik: eine Prise klassische Moderne mit Charles Lloyd hier, ein bisschen Klaviervirtuosenmusik dort, und man konnte auch Nachwuchsmusiker aus der deutschen und nordeuropäischen Szene hören.

»Jeder künstlerische Leiter macht ein Festival aus dem Gefühl, das er für den Jazz entwickelt«, sagt Noglik, »und ich finde, dass da auch sehr unterschiedliche Sichtweisen nebeneinanderstehen können. Ein Programm kann nie nur auf den eigenen Geschmack bauen. Aber wenn es zu viele Komponenten beinhaltet, die mit dem eigenen Geschmack nicht kompatibel sind, dann wird es ein schlechtes Programm.«

Und so, wie sich in seiner Stadt Leipzig die Kontraste zu einem spezifischen Eindruck fügen, so entwickelt ein Festivalprogramm erst dann Reiz, wenn es divergierende Aspekte aufs große Ganze bezieht. »Es ist mir wichtig«, sagt Noglik, »dass Jazz im Kontext der Landschaft der anderen Künste und in seinen Korrespondenzen wahrgenommen wird.«

Ein hoher Anspruch. Als Festivalleiter verzichtet Noglik auf thematische Vorgaben und setzt Beziehungen. »Ich möchte junge Musiker präsentieren, aber auch die Musiker, die diese Musik geprägt haben.« Neben den Auftritten von Wayne Shorter und Archie Shepp, zwei Heroen der Jazzgeschichte, und einer Werkschau des Posaunisten Nils Wogram mit vier verschiedenen Bands versucht dies beispielhaft ein Projekt, in dem Rolf Kühn, Jahrgang 1929, und die fast 40 Jahre jüngere Julia Hülsmann an die Pianistin Jutta Hipp erinnern.

Jutta Hipp hatte in den frühen fünfziger Jahren den deutschen Jazz aufgemischt, ging dann nach New York und blieb dort auf der Strecke. Ihre Geschichte hat viele Facetten: eine deutsche Frau in einer afroamerikanisch geprägten Männerdomäne.

Noglik schlägt Brücken. Er überwindet den Graben zum Free Jazz und zur freien Improvisation. Er holt Günter Baby Sommer auf die Bühne, einen wichtigen Musiker der DDR, der sich aktuell mit Griechenland beschäftigt. Das Jazzfest plant die deutsche Erstaufführung seiner Songs for Kommeno zur Erinnerung an das Massaker, das die Wehrmacht im August 1943 an der Bevölkerung eines kleinen griechischen Dorfes verübte.

»Ich denke nicht mehr in Ost-West-Kategorien«, sagt Noglik. »Trotzdem bin ich sehr froh, dass Günter Baby Sommer spielt, weil ich denke, dass diese Musiker aus der Situation in der DDR heraus etwas Besonderes entwickelt haben, das es heute so nicht mehr gibt.«

Mal um Mal findet sich in Nogliks Programm dieser Bogen, der Altes und Neues miteinander verbindet und auch über die Grenzen des Jazz hinaus nach Anschlusspunkten sucht. Man könnte sagen, dass er mit seinem Programm das Berliner Jazzfest ein wenig aus der Selbstbezogenheit des Jazz herauslöst.

Um die Zukunft des Genres macht sich Bert Noglik keine Sorgen. Dafür, sagt er, seien »seine Tradition und seine Gegenwart zu stark«. Auch Deutschland habe eine sehr vitale Szene. Allerdings falle es im Wettstreit mit all den anderen musikalischen Angeboten schwerer, das Publikum für die Livemusik Jazz zu begeistern. »Um Livemusik goutieren zu können, braucht man Begegnungen mit dieser Musik. Da, glaube ich, gibt es zu wenig.«

Jazzfest Berlin, 1. bis 4. November 2012

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