BeschneidungEtwas ist zerbrochen

Deutschlands Juden sind fassungslos – im Streit um die Beschneidung halten Mediziner, Psychologen, Juristen und Talkshows über ihren Glauben Gericht. von 

Etwas ist in diesem Sommer geschehen, das Dieter Graumann sprachlos macht. Streit um die Vergangenheit, um Schuld, Verantwortung, Schlussstrich, das alles kennt der Zentralratsvorsitzende der Juden. Aber nie, niemals gab es nach dem Zweiten Weltkrieg solche Angriffe auf den Glauben der Juden, ihre religiöse Praxis wie jetzt im Streit um die Beschneidung.

Graumann ist der erste Vorsitzende des Zentralrats der Juden, der nicht selbst Überlebender des Holocaust ist. Er will, wie sein Mentor und Amtsvorgänger Ignatz Bubis, die Juden in Deutschland nicht als Trauergemeinde sehen, die sich vor allem mahnend und warnend zu Wort meldet. Die Shoah bleibt präsent, soll aber keine Ersatzreligion sein.

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Graumann war am Frankfurter Flughafen auf dem Weg nach Berlin, als ihn ein Journalist anrief. Hat er schon gehört, ein Landgericht in Köln erklärt Beschneidungen für Körperverletzung und stellt sie unter Strafe? »Das kann nicht sein, nicht in Deutschland«, hat er dem Reporter gesagt und in Berlin dann erst einmal eine Stunde recherchiert. Aber es stimmte: Würde sich die Rechtsauffassung des Kölner Urteils vom Juni durchsetzen, könnten Juden und Muslime in Deutschland keine Beschneidungen ihrer minderjährigen Söhne mehr vornehmen. Der Islam ermöglicht den Muslimen zwar einen Aufschub der Beschneidung bis zur Religionsmündigkeit (14 Jahre). Von den Juden aber verlangt die Thora eine Brit Mila am 8.Tag nach der Geburt. Sie beschließt den Bund des Kindes mit Gott. Wird sie kriminalisiert, gibt es für viele Gemeindemitglieder nur eine Konsequenz, nämlich auszuwandern. Graumanns Amtsvorgängerin Charlotte Knobloch hat es jetzt ausgesprochen: »Wollt ihr uns Juden noch?«

Aus der Politik kam sofort Rückendeckung. In Windeseile beschloss eine Mehrheit der Bundestagsabgeordneten am 19.Juli, mitten in einer Notsitzung zur Euro-Rettung, »eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne zusätzliche Schmerzen« sei »grundsätzlich zulässig«. Und Graumann ist sicher, dass ein Gesetz in dieser Richtung kommen wird. Die »Berliner Lösung« des Justizsenators Thomas Heilmann war eher eine gut gemeinte Verschlimmbesserung: Beschneidungen darf es nur geben, wenn die Eltern ihre Religiosität nachweisen und wenn sie von einem Arzt durchgeführt wird – der Mohel, der jüdische Beschneider, scheidet aus.

Was Graumann und viele andere aus seiner Gemeinde beunruhigt, ängstigt und ärgert, ist der Ton, der Juden neuerdings aus Talkshows, Leserbriefspalten, Online-Foren und Artikeln entgegenschallt. Es ist nämlich nicht der übliche antisemitische Bodensatz. Für den hat der Zentralrat immer neue Ordner mit der Aufschrift »Nette Leute« angelegt. Nein, im Zusammenhang mit der Beschneidung ist ein ganz neuer Tonfall in die Debatte gekommen. Juden werden in Deutschland verurteilt, belehrt, aufgeklärt im Namen der Menschenrechte, mit dem modernen Vokabular der sexuellen Befreiung, der Psychologie, Medizin oder der Männerselbstbestimmung. Ein Jurist im Ethikrat hat die Beschneidung »Folter« genannt. Wer gegen Genitalverstümmelung von Mädchen sei, könne vor der Beschneidung von Jungen nicht die Augen verschließen. Gutmeinende bieten eine Regelung an, wie sie der für Abtreibung entspricht: »illegal, aber straffrei«.

Für den Bund mit Gott eine Abtreibungsregelung? »Da begegnet uns ein Eiferertum, das ich nicht für möglich gehalten hätte«, sagt Dieter Graumann.

Der Berliner Rabbiner Izchak Ehrenberg versuchte in der Talkshow Anne Will, seine Gesprächspartner davon zu überzeugen, dass die Beschneidung für Juden ein Geschenk sei, ein Akt der Liebe, eine heilige Pflicht – sein Gegenüber, die Psychologin Angelika Kallwass, wusste es besser: »Ein genitales Trauma« trügen die Jungen davon, das ihre sexuelle Identität auf immer gezeichnet habe. Ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung irreversibel geschädigt, kann das sein? Nun, wer sich nicht traumatisiert wähnt, der sei nur besonders schwer betroffen und darum unfähig, die eigenen Gefühle noch wahrzunehmen.

Leserkommentare
    • Katze75
    • 20. September 2012 13:37 Uhr

    Der T-shirt-Spruch: "Glaubst Du noch oder denkst Du schon" ist alt, der wurde nicht erst anlässlich der Beschneidungsdebatte erfunden und gedruckt, wie der Autor dieses Artikels hier suggeriert. Für nicht religiös Indoktrinierte und diejenigen, bei denen Versuche religiöser Indoktrination fehlgeschlagen sind, weil sie ihren Verstand benutzt haben, war das schon immer Motto und bezieht sich ganz bestimmt nich nur auf das Judentum.

    4 Leserempfehlungen
  1. Jacob weint
    Die Zuschauer im Ethikrat sahen, wie der winzige Jacob ohne Windeln auf dem Rücken liegt. Er schreit. Ein Mann hält seinen Körper mit beiden Händen fest, die Daumen am Bauch des Babys, die Finger an seinen Schenkeln. Er spreizt die Beine. Ein weiterer Mann greift mit einer Hand Jacobs Penis, während er mit der anderen eine gelbe Flüssigkeit darauf schüttet. Mit einem Tuch verreibt er sie auf dem Geschlechtsteil des Kindes. Jacob schreit aus Leibeskräften. Nur wenn ihm die Luft ausgeht, ist er kurz still. Dann schreit er weiter. „So wird das Kind gehalten“, kommentierte Latasch die Bilder über das Mikrofon. Jacob schreit. Zwischen Eichel und Vorhaut schiebt der Mann im Video ein Stück Metall. „Das ist die Klemme, die drüber geschoben wird“, kommentierte Latasch. Dann schneidet ein Mann mit einem Messer die Vorhaut ab. „Für die, die nicht geguckt haben: Der Eingriff hat circa zwölf Sekunden gedauert.“ Das Video endet mit Jacobs Schreien.

    http://www.youtube.com/wa...

    Ausserdem scheint Herr Graumann sich nicht andere Ansichten zu kennen z.b Michael Wolffsohn
    http://www.welt.de/print/...

    oder an die Reformisten im Judentum. Er ist stur wie nur die Alten Orthodoxen es sein koennen. Warum?

    http://www.thejewishweek....

    6 Leserempfehlungen
    • piwo78
    • 26. September 2012 0:53 Uhr

    In einer aufgeklärten Gesellschaft sollten medizinischer Kenntnisse (über Risiken) und die individuelle Selbstbestimmung über religiösen Tradition (Dogmen) stehen. Dass in dem Fall der Vorhautbeschneidung dies zu sehr komplizierten politischen Situation führt, insbesondere in Deutschland ist klar. Allerdings geht es hierbei ja nicht um ein Maßnahme gegen das Judentum, da ja alle Religionen oder Traditionen betroffen sind.
    Die UN überlegt heute den Wechsel des Glaubens als Recht explizit festzuschreiben. Auch aus dieser Perspektive ist eine unwiederruflicher medizinischer Eingriff bei Säuglingen zweifelhaft.

    Eine Leserempfehlung
    • Dazydee
    • 26. September 2012 10:00 Uhr

    Die Grundrechte und dass Deutsche es mit ihnen ganz genau nehmen, ist doch Folge des Traumas der Unvorstellbarkeiten des 3. Reiches.

    Das nun die jüdische Religion mit diesen Grundrechten in Konflikt kommt, mag manche derer Anhänger empören. Es sollte aber nicht als Angriff auf den Glauben gesehen werden, sondern als Beispiel des Schutzes, den jeder in Deutschland genießt.

    In der Torah stehen viele Gebote, die im heutigen Deutschland nicht mehr angewandt werden (und in Isreal auch nicht). Ich hoffe, dass die deutschen Änhänger der jüdischen Religion irgendwann zu dem Schluss kommen, das die Nichtanwendung oder zeitliche Verschiebung eines weiteren Gebotes ein kleiner Preis für Schutz sind, den dieser Staat allen seinen (jüdischen) Bürgern gewährt.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich finde an dieser ganzen Diskussion nur eines unwürdig,
    es wird einfach wieder gegen eine Mehrheit entschieden,
    und Artikel aufgeweicht, gegeneinander abgewogen, wo
    landen wir wenn dieser Vorgang Schule macht? Befindlichenkeiten entscheiden dann welcher Artikel gegen
    welchen abgewogen wird? Und wie kann Religion über dem Wohl des Kindes stehen? - finde ich vollkommen absurd. Und dann auch noch die Begründung: Eine Sonderregelung muss möglich sein - warum? aufgrund einer Schuld von Wenigen, die schon lange nicht mehr unter uns weilen? Wir sind hier nicht bei einer Triage - durch eine richtige Entscheidung stirbt niemand - nur einige ewig gestrige Ultras fühlen sich gedemütigt.

    • at1980
    • 26. September 2012 23:07 Uhr

    es ist sicher nicht richtig, dass alle Beschnittenen traumatisiert sind.

    aber wenn meine Eltern mich hätte beschneiden lassen (sogar bei einer Phimose gibt es vorhauterhaltende Operationsmethoden, Triple Inzision),
    würde ich sie verklage. GARANTIERT.

    • umzu
    • 27. September 2012 7:16 Uhr

    Wird unter anderem so interpretiert, das niemand zur Teilnahme an Riten gezwungen werden darf. Die Beschneidung dient nicht dem Wohl des Kindes sondern der Beruhigung des Gewissens der Eltern. Mir scheint ein Vergleich mit der Taufe gerechtfertigt, bei der den Eltern eingeredet wird, das ungetaufte Kinder nicgt zu Gott gehören und nicht auf einen christlichen Friedhof. Das müsste bei den juden ähnlich sein, wie sonst ist der von vielen Juden beklagte gesellschaftliche Druck zu erklären, der siedorch einer Beschneidung zustimmen lassen

    Insofern verstößt die Körperverletzung der Jungen gegen den Artikel 2 und gegen den Artikel 4 und zudem gegen das Diskriminierungsverbot. Und wenn wie in anderen Foren berichtet wurde, das bei Blutern eine Ausnahme gemacht wird... heißt das es gibt keine jüdischen Bluter? Werden die auch aus der Gemeinde ausgesondert? Oder ist es vielleicht doch nicht so relevant, beschnitten zu sein.

    Die wenigsten haben etwas gegen jüdisches Leben, aber über Riten, die gegen unsere Gesetze verstossen darf man schon reden und das dürfen die Rabbis schon ertragen. Und scheint ja so zu sei, dass man auch unbeschnitten Jude sein kann.

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