Google versus Wulff"Neutrale Suchergebnisse sind eine Fiktion"

Google gegen Bettina Wulff: Warum der Suchmaschinenkonzern nicht alle gleich behandelt, erklärt der Internetforscher Viktor Mayer-Schönberger. von  und

Google-Managerin Marissa Mayer 2010 bei der Vorstellung von Google Instant, der sofortigen Suche bei Texteingabe

Google-Managerin Marissa Mayer 2010 bei der Vorstellung von Google Instant, der sofortigen Suche bei Texteingabe  |  © Justin Sullivan/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Mayer-Schönberger, die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten, Bettina Wulff, wehrt sich dagegen, dass Google sie automatisch mit den Stichwörtern »Prostituierte« und »Escort« in Verbindung bringt, wenn man ihren Namen in die Suchmaschine eintippt. Darf Google das?

Viktor Mayer-Schönberger: Das autocomplete ist eine übliche Programmroutine bei Google.

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ZEIT: Sind Sie der Meinung, dass Google die Stichwörter im Zusammenhang mit dem Namen Bettina Wulff löschen sollte?

Mayer-Schönberger: Bettina Wulff hat noch kein Urteil erstritten, dass und in welchem Ausmaß diese Verbindung von Wörtern aus medienrechtlicher Sicht ihr Persönlichkeitsrecht verletzt. Diese Frage muss sie gerichtlich klären, bevor beurteilt werden kann, ob sich Google falsch verhalten hat.

ZEIT: Wie neutral ist Google, unser wichtigster Wegweiser durchs Internet?

Viktor Mayer-Schönberger
Viktor Mayer-Schönberger

Mayer-Schönberger studierte Jura in Salzburg, Cambridge und Harvard. Während seines Studiums gründete er eine Firma für Datensicherheit und Antivirussoftware, blieb letztlich aber in der Wissenschaft, unter anderem an der John F. Kennedy School of Government in Harvard und als Director of the Information Policy Research Center an der National University in Singapur. Derzeit ist er am Oxford Internet Institute Professor für Internet Governance and Regulation. Er hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt Big Data – A Revolution That Will Transform How We Live, Work, and Think, das im Oktober auf Deutsch erschienen ist.

Mayer-Schönberger: Unter der schlichten weißen Oberfläche von Google steckt ein hochkomplexes Computerprogramm, das die Suchergebnisse ermittelt. Es basiert auf einem geheimen Bewertungsalgorithmus, und dieser ist eben nicht neutral, weil er zwangläufig die Wertvorstellungen der Programmiererinnen und Programmierer abbildet, die das Computerprogramm geschaffen haben. Es gilt Kransberg’s Law: »Technology is neither good nor bad, nor is it neutral.« Bei Google geht es um Wertvorstellungen davon, wie Informationen sortiert werden, was relevant ist. Das bildet der Algorithmus ab. Und selbst wenn ein Algorithmus neutral sein könnte, ist er es im Falle von Google nicht, weil das Unternehmen einen Teil seiner Suchergebnisse manuell verändert.

ZEIT: Wie geschieht das?

Mayer-Schönberger: Das geschieht in vielen Ländern auf politischen Druck hin. Dann wird nicht das beste Suchergebnis angezeigt, sondern eines, das mit den nationalen Gesetzen konform geht. Etwa in Thailand: Beleidige den König nicht! Google macht das, anders als andere, wenigstens teilweise in einem Bericht transparent.

ZEIT: Werden auch in Deutschland Suchergebnisse gefiltert?

Mayer-Schönberger: Ja, das geschieht etwa bei Suchergebnissen zu Bereichen wie Kinderpornografie und Holocaustleugnung. Zudem reagiert Google, wenn der Suchmaschine mögliche Urheberrechtsverletzungen angezeigt werden.

ZEIT: Google nimmt dann einen Link manuell aus dem Index?

Mayer-Schönberger: Jein. Nehmen Sie die Urheberrechtsverletzungen: Da markiert Google fragwürdige Links, sodass sie nicht mehr in die Suchergebnisse einbezogen werden. Also, sie sind dann nicht physisch gelöscht, aber sie werden nicht mehr angezeigt. Google hat bekannt gegeben, dass es allein im Monat Mai dieses Jahres von Microsoft 550.000 sogenannte takedown requests bekommen hat. In einem einzigen Monat! Alles Urheberrechts- und Markenschutzfragen.

ZEIT: Ist das geprüft, oder ist das ungeprüft?

Mayer-Schönberger: Zunächst füllt man ein Google-Formular online aus. Microsoft bedient sich da offenbar einer indischen »Business-Process-Outsourcing-Firma«, die mit einem Heer an Mitarbeitern manuell diese Formulare ausfüllt und dann elektronisch an Google sendet, und Google muss das prüfen. Der Suchmaschinenkonzern bedient sich seinerseits günstiger Arbeitskräfte, die prüfen, ob die Formulare ordentlich ausgefüllt wurden und die Löschanfragen den eigenen Standards entsprechen. Letztlich können wir davon ausgehen, dass in nur einem Monat Hunderttausende Indexeinträge aufgrund des Wunsches von Microsoft blockiert worden sind.

ZEIT: Da bleibt nicht viel von der Vorstellung eines neutralen Algorithmus übrig.

Mayer-Schönberger: Die Vorstellung, dass heute ein Algorithmus völlig automatisch und ohne menschliches Zutun die Suchergebnisse darstellt, ist absurd. Immer stärker muss sich Google daher die Frage gefallen lassen, warum es für das Urheberrecht und für politische Fragen solche Ausnahmeregeln zulässt, aber für den Schutz von Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre nicht.

Leserkommentare
    • hareck
    • 14. September 2012 8:40 Uhr

    Es gibt Dutzende anderer Suchmaschinen.

    Kampf dem Monopol!

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    • Ortrun
    • 14. September 2012 9:37 Uhr

    @1 Ja, es gibt viele Suchmaschinen. Aber leider keine, die auch nur annähernd an die Qualität von Google herankommt. Für leicht zu findende Informationen benutze ich auch alternative Suchmaschinen. Bei schwer zu findenden Informationen führt an Google aber kein Weg vorbei, es sei denn man gibt sich vorzeitig mit einem "gibt es wohl nicht" zufrieden.

    Letztlich geht es doch gar nicht darum, dass Google ALLES anzeigt, was es gibt - so viele Seiten will eh keiner durchsehen. Letztlich geht es um das Ranking, das Zuordnen von einem Relevanz-Faktor zu einer Information. Und das machen die verschiedenen Suchmaschinen unterschiedlich gut.

    p.s. @7 Und mit Glück hat das wenig zu tun, wenn ich die Information finde, nach der der Kollege schon drei Mal "gegoogelt" hat :-)

  1. Landsam wird es langweilig. Weshalb bekommt diese Frau, die nicht viel mehr vorzuweisen hat, als Ehefrau eines Expolitikers zu sein, soviel Aufmerksamkeit geschenkt? Ich kann es echt nicht mehr hören und lesen.

    Meine Meinung, google mag viel schlechtes tun, aber es hilft mir Kostenfrei das Internet zu durchforsten! Was hat mir Fr. W. gebracht? Das Land darf ihrem Gatten jedes Jahr 200.000 Euro überweißen für NICHTS! Und ihr Buch ist auch nicht kostenfrei.....Danke für nichts!

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    Mal abgesehen von der kreativen Rechtschreibung geht es bei den Artikeln zum Thema nicht darum, was ein Konzern und eine Privatperson für Sie persönlich getan haben, sondern um Wahrung von Persönlichkeitsrechten.
    Darum geht's; nicht um ihr Buch, nicht um ihren Gatten, nicht um den Ehrensold...

    • hareck
    • 14. September 2012 8:44 Uhr
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    • lufkin
    • 14. September 2012 8:51 Uhr

    Ecosia ist auch nur n Bing Aufsatz, also Microsoft.
    Die machen auch nichts anderes als Google.

    Ixquick.com

    • lufkin
    • 14. September 2012 8:48 Uhr

    Ich fidne die Fälle Mosley und Wulff nicht wirklich vergleichbar.
    Bei Mosley ging es um faktisch illegal aufgenommene Bilder, die illegalerweise verbreitet wurden und via Google gefunden wurden.
    Bei Wulff geht es erstmal nur um Gerüchte und was man mit den entsprechenden Suchbegriffen tatsächlich findet, sind zu über 90% nur Berichte über die Klagen gegen besagte Gerüchte.

    • lufkin
    • 14. September 2012 8:51 Uhr

    Ecosia ist auch nur n Bing Aufsatz, also Microsoft.
    Die machen auch nichts anderes als Google.

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    ja - Ecosia nutzt bing und yahoo ... aber es spendet geld für den regenwalderhalt, nutzt selbst bzgl. den eigenen servern ökostrom und wirkt mittels emissionshandel der umweltverschmutzung der server-farmen von bing/yahoo entgegen.

    • saja
    • 14. September 2012 8:53 Uhr

    "Aber heute glauben die meisten Leute gar nicht, dass es notwendig ist, sich auf die Suche nach einer »BBC«, also einer alternativen Suchmaschine zu machen?"

    Warum auch? Google funktioniert doch sehr gut (und besser als die meisten anderen Suchmaschinen) und liefert eigentlich für jeden Geschmack passende Seiten. Sollte ich jetzt merken, dass die gefundenen Seiten unabhängig von der Suchanfrage eine politische Agenda einseitig wiederspiegeln, werde ich mich natürlich nach einer anderen Seite umsehen (die Länderreglungen lassen sich durch Dienste wie Tor übrigens leicht umgehen). Wenn ich heutzutage nicht gerade nach Seiten von Holocaustleugnern suche, brauche ich nicht unbedingt eine andere Suchmaschine. Selbst wenn der Programmcode nie perfekt sein kann, wurde er trotzdem mit dem Ziel erstellt, dass Titel angezeigt werden sollen, die (unabhängig von der dort vertretenen Meinung) möglichst relevant für die Suchanfrage sind. Dass manuell aufgrund von Anfragen aus Politik und Wirtschaft nachkorrigiert wird, ist problematisch und sollte nicht leichtfertig weiter ausgeweitet werden (so nach dem Motto: google ist eh nicht völlig frei von Zensur, also können wir auch noch mehr Funktionen zensieren). Google hat zwar viele Probleme (unzureichender Schutz der Nutzerdaten, usw.), aber die Kernfunktion der google-Suche gehört für mich nicht dazu.

    • DrNI
    • 14. September 2012 8:57 Uhr

    Alternativen werden bereits erforscht: Suchmaschinen, die dezentral organisiert sind, bei denen eine Kontrolle nicht so leicht möglich ist, weil viele Rechner von vielen Eigentümern beteiligt sind. Ein Beispiel ist die Suchmaschine Yacy. Das Internet ist ursprünglich dezentral "strukturiert", zum Beispiel gibt es eben viele Mailserver, es gibt keine Zentrale. Aber das Netz hat hier zum Monopol gestrebt, anfangs mit ICQ als zentraler Chat-Dienst, dann mit Google als Informationszentrale und seit einiger Zeit mit Facebook als Kommunikationszentrale. Dieser Zentralisierung von Daten und damit auch Macht müsste generell entgegen gewirkt werden.

    Was Suchmaschinen angeht, so müssen diese natürlich sortieren. Es ist nämlich die wichtigste Funktion einer Suchmaschine überhaupt. das nach oben zu spülen, was vermeintlich dem Benutzer wichtig ist. Und Google ist verdammt gut darin. Ihren Ranking-Algorithmus müssen sie aber auch aus anderen Gründen geheimhalten: Er ist quasi das Kronjuwel der Maschine. Wäre der Algorithmus offengelegt, hätte die Konkurrenz leichtes Spiel - und auch Spammer, die ihre Ergebnisse pushen wollen. Auch eine "anständige" Suchmaschine würde um dieses Problem nicht herumkommen.

    Wie wichtig dieses Ranking ist, kann jeder von uns erleben, wenn es mal nicht in seinem Sinne funktioniert hat: Man wühlt sich durch hunderte von Treffern und findet nur mit Glück, was man wollte.

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    "Dieser Zentralisierung von Daten und damit auch Macht müsste generell entgegen gewirkt werden."

    Am besten von einer Organisation (Zentrale) aus, die die user zu "idealem" dezentralen Handeln erzieht.

    Doch wer zwingt eigentlich jemanden, immer das gängigste Tool (ICQ, Google) mitzubenutzen und dann über Zentralisierung/Macht zu jammern?

    • Ortrun
    • 14. September 2012 9:37 Uhr

    @1 Ja, es gibt viele Suchmaschinen. Aber leider keine, die auch nur annähernd an die Qualität von Google herankommt. Für leicht zu findende Informationen benutze ich auch alternative Suchmaschinen. Bei schwer zu findenden Informationen führt an Google aber kein Weg vorbei, es sei denn man gibt sich vorzeitig mit einem "gibt es wohl nicht" zufrieden.

    Letztlich geht es doch gar nicht darum, dass Google ALLES anzeigt, was es gibt - so viele Seiten will eh keiner durchsehen. Letztlich geht es um das Ranking, das Zuordnen von einem Relevanz-Faktor zu einer Information. Und das machen die verschiedenen Suchmaschinen unterschiedlich gut.

    p.s. @7 Und mit Glück hat das wenig zu tun, wenn ich die Information finde, nach der der Kollege schon drei Mal "gegoogelt" hat :-)

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