DIE ZEIT: Herr Mayer-Schönberger, die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten, Bettina Wulff, wehrt sich dagegen, dass Google sie automatisch mit den Stichwörtern "Prostituierte" und "Escort" in Verbindung bringt , wenn man ihren Namen in die Suchmaschine eintippt. Darf Google das?

Viktor Mayer-Schönberger: Das autocomplete ist eine übliche Programmroutine bei Google.

ZEIT: Sind Sie der Meinung, dass Google die Stichwörter im Zusammenhang mit dem Namen Bettina Wulff löschen sollte?

Mayer-Schönberger: Bettina Wulff hat noch kein Urteil erstritten , dass und in welchem Ausmaß diese Verbindung von Wörtern aus medienrechtlicher Sicht ihr Persönlichkeitsrecht verletzt. Diese Frage muss sie gerichtlich klären, bevor beurteilt werden kann, ob sich Google falsch verhalten hat.

ZEIT: Wie neutral ist Google , unser wichtigster Wegweiser durchs Internet?

Mayer-Schönberger: Unter der schlichten weißen Oberfläche von Google steckt ein hochkomplexes Computerprogramm, das die Suchergebnisse ermittelt. Es basiert auf einem geheimen Bewertungsalgorithmus, und dieser ist eben nicht neutral, weil er zwangläufig die Wertvorstellungen der Programmiererinnen und Programmierer abbildet, die das Computerprogramm geschaffen haben. Es gilt Kransberg’s Law : "Technology is neither good nor bad, nor is it neutral." Bei Google geht es um Wertvorstellungen davon, wie Informationen sortiert werden, was relevant ist. Das bildet der Algorithmus ab. Und selbst wenn ein Algorithmus neutral sein könnte, ist er es im Falle von Google nicht , weil das Unternehmen einen Teil seiner Suchergebnisse manuell verändert.

ZEIT: Wie geschieht das?

Mayer-Schönberger: Das geschieht in vielen Ländern auf politischen Druck hin. Dann wird nicht das beste Suchergebnis angezeigt, sondern eines, das mit den nationalen Gesetzen konform geht. Etwa in Thailand: Beleidige den König nicht! Google macht das, anders als andere, wenigstens teilweise in einem Bericht transparent .

ZEIT: Werden auch in Deutschland Suchergebnisse gefiltert?

Mayer-Schönberger: Ja, das geschieht etwa bei Suchergebnissen zu Bereichen wie Kinderpornografie und Holocaustleugnung. Zudem reagiert Google, wenn der Suchmaschine mögliche Urheberrechtsverletzungen angezeigt werden.

ZEIT: Google nimmt dann einen Link manuell aus dem Index?

Mayer-Schönberger: Jein. Nehmen Sie die Urheberrechtsverletzungen: Da markiert Google fragwürdige Links, sodass sie nicht mehr in die Suchergebnisse einbezogen werden . Also, sie sind dann nicht physisch gelöscht, aber sie werden nicht mehr angezeigt. Google hat bekannt gegeben, dass es allein im Monat Mai dieses Jahres von Microsoft 550.000 sogenannte takedown requests bekommen hat. In einem einzigen Monat! Alles Urheberrechts- und Markenschutzfragen.

ZEIT: Ist das geprüft, oder ist das ungeprüft?

Mayer-Schönberger: Zunächst füllt man ein Google-Formular online aus. Microsoft bedient sich da offenbar einer indischen "Business-Process-Outsourcing-Firma", die mit einem Heer an Mitarbeitern manuell diese Formulare ausfüllt und dann elektronisch an Google sendet, und Google muss das prüfen. Der Suchmaschinenkonzern bedient sich seinerseits günstiger Arbeitskräfte, die prüfen, ob die Formulare ordentlich ausgefüllt wurden und die Löschanfragen den eigenen Standards entsprechen. Letztlich können wir davon ausgehen, dass in nur einem Monat Hunderttausende Indexeinträge aufgrund des Wunsches von Microsoft blockiert worden sind.

ZEIT: Da bleibt nicht viel von der Vorstellung eines neutralen Algorithmus übrig.

Mayer-Schönberger: Die Vorstellung, dass heute ein Algorithmus völlig automatisch und ohne menschliches Zutun die Suchergebnisse darstellt, ist absurd. Immer stärker muss sich Google daher die Frage gefallen lassen, warum es für das Urheberrecht und für politische Fragen solche Ausnahmeregeln zulässt, aber für den Schutz von Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre nicht.