Bettina WulffEine Frau setzt sich ab

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff, seine Frau Bettina und sein früherer Vertrauter Olaf Glaeseker sind durch einen rasanten Aufstieg und einen brutalen Abstieg miteinander verbunden. Jetzt fürchten sich die Männer vor Staatsanwälten, und Bettina Wulff stellt sich auf ein eigenständiges Leben ein. von 

Bettina Wulff

Bettina Wulff  |  © Sean Gallup/Getty Images

In einem Haus in der niedersächsischen Kleinstadt Steinhude, 42 Kilometer entfernt von Bettina und Christian Wulffs Eigenheim in Großburgwedel, sitzt ein traumatisierter Mann und hofft. Jahrelang bestand sein Leben aus Terminen, die er für den Ministerpräsidenten Wulff organisierte, danach für den Bundespräsidenten Wulff. Jetzt besteht sein Leben aus Warten. Olaf Glaeseker, der früher Wulffs Sprecher war, sein Strippenzieher und Freund, wartet auf eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft, ob er wegen Bestechlichkeit angeklagt wird.

Anfang Juni erhielt der 51-jährige Glaeseker von seinem alten Weggefährten Christian Wulff eine Kurznachricht aufs Handy, eine Einladung zu dessen 53. Geburtstag, einfach so, nach all den Monaten, in denen die beiden keinen Kontakt mehr hatten. Glaeseker meinte, so könne das nicht laufen. Die beiden trafen sich in seinem Haus und redeten, aber viel zu sagen hatten sie sich nicht. Olaf Glaeseker fuhr dann trotzdem zu Christians Party nach Großburgwedel, zum Grillfest, vielleicht aus Neugier, vielleicht, weil er nicht von Wulff lassen kann. Rund 50 Gäste waren da, der CDU-Mann Peter Hintze mit seiner Frau, der FDP-Minister Philipp Rösler mit seiner Frau, ansonsten Bekannte, Nachbarn, auch der Trauzeuge des Paares Wulff, Egon Geerkens. Der Unternehmer Carsten Maschmeyer blieb fern, genauso wie seine Frau Veronica Ferres. Keiner der reichen Gönner war da. Bettina Wulff lächelte viel, und Christian Wulff hielt eine Rede. »Ich liebe meine Frau abgöttisch«, sagte er. Wäre dieser dramatische Satz nicht gewesen, der viele Besucher aufhorchen ließ, hätte man fast denken können, der deutsche Bundespräsident gebe mit seiner charmanten Gattin ein privates Fest.

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Zehn Tage nach der Party sagte Wulff bei der Staatsanwaltschaft aus, 160 Minuten lang. Ihm wird vorgeworfen, unzulässige Vorteile angenommen zu haben. Glaeseker, erklärte Wulff, sei zwar sein Vertrauter gewesen, in politischer Hinsicht, im Büro, nicht aber im Privatleben. Vor allem beim Thema Urlaub sei der Olaf eigenwillig gewesen. Er, Wulff, habe nie gewusst, wo sein Sprecher sich in den Ferien herumgetrieben habe. Auch davon, dass der mit Wulffs Exfrau und der Tochter zusammen in den Urlaub gefahren sei, habe er, Wulff, zunächst nichts gewusst. Er habe auch nicht gewusst, dass Glaeseker Sponsoren für den inzwischen berüchtigten Nord-Süd-Dialog angeworben habe, und wenn, dann habe Glaeseker es ohne Wulffs Einverständnis getan. Es war der Versuch, einen möglichst breiten Graben zwischen sich und Glaeseker zu schaufeln, Verantwortlichkeiten zu verschieben, um sich selbst zu retten.

Im Buch kommt das Wort »ich« sehr viel öfter vor als das Wort »wir«

Drei Menschen, die einen fulminanten Aufstieg erlebt haben und dann gemeinsam einen brutalen Abstieg, kämpfen jetzt um ihre Zukunft und um ihr Leben – jeder auf andere Art, jeder für sich allein. Alle drei wollen den Skandal loswerden, durch den sie aneinandergekettet sind. Die Frage ist, wie viel mehr sie außer dem Skandal noch verbindet. Da ist der abgemagerte Christian Wulff, der alle Kraft zusammennehmen muss, um ein Lächeln hinzubekommen, dann, wenn er neben seiner strahlenden Frau auf Empfängen gastiert. Er, der immer die Hauptperson war, wirkt wie ihr Anhang. Da ist Olaf Glaeseker mit dem breiten kahlen Schädel, der den vielen Angeboten hinterhertrauert, die er im Laufe seiner Jahre bei Wulff abgelehnt hat, und hofft, dass es wieder welche geben wird, wenn das alles vorbei ist, wenn er nicht mehr in der hässlichen Gegenwart gefangen ist, die für ihn daraus besteht, die eigenen Ermittlungsakten zu lesen und sich auf Befragungen durch Staatsanwälte vorzubereiten. Und da ist die 38-jährige Bettina Wulff, Christian Wulffs zweite Frau, deren Buch Jenseits des Protokolls jetzt auf dem Markt ist. Darin kommt das Wort »ich« sehr viel öfter vor als das Wort »wir«. Das Buch ist auch eine Abrechnung mit ihrem Mann.

Drei Menschen versuchen, sich zu retten, vor den beiden anderen, vor sich selbst – wo wird das Ganze enden?

Wer Christian Wulff und Olaf Glaeseker von früher kennt, aus sorgloseren Zeiten, findet es nicht nur erstaunlich, sondern unverfroren, wie Wulff seine Flucht inszeniert. Die Sat.1-Unterhaltungschefin Edda Kraft will für Glaeseker aussagen; auch Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring, über Jahre einer von Wulffs loyalsten Mitstreitern, findet dessen Einlassungen bei der Staatsanwaltschaft, er habe von Glaesekers Aktivitäten nichts gewusst, »wenig wahrscheinlich«.

Die Politik war Christian Wulffs Leben. Er war einer, der es gegen Widerstände nach oben geschafft hat, so hat er sich auch selbst gern gesehen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Christian Wulff ist ein Beispiel dafür, wie einer in der Politik und durch die Politik fast alles gewonnen und am Ende fast alles verloren hat, auch sich selbst. Politische Apparate haben ihm geholfen, Sprecher haben für ihn gesprochen, der öffentliche Druck hat ihm zugesetzt, aber er hat ihn auch zusammengehalten. Jetzt ist er auf sich selbst zurückgeworfen. Was bleibt von ihm?

Das Cover des Buches, das seine Frau gemeinsam mit einer Journalistin geschrieben hat, zeigt Bettina Wulff mit selbstbewusstem, seitwärts gerichtetem Blick, das Tattoo auf dem Oberarm, das so viele Fantasien auf sich gezogen hat, wird plakativ enthüllt. Die Gerüchte ist eines der Kapitel im Buch überschrieben, in dem Bettina Wulff offensiv die Behauptungen aufgreift, die sie seit dem Amtsantritt ihres Mannes begleitet hatten. Als »Viktoria« soll sie demnach als Edelprostituierte in einem Berliner oder Osnabrücker Bordell gearbeitet haben. Im politischen Berlin, in den Zeitungsredaktionen, in den Parteien, im Bundestag, kannte jeder diese Gerüchte. Darüber geschrieben hat lange Zeit niemand. Weil man es nicht genau wusste. Weil es immer noch eine weitgehend geachtete Übereinkunft gibt, dass Privates privat bleibt. Eine Ausnahme machte die Berliner Zeitung im Dezember 2011. Der Moderator Günther Jauch breitete das Gerücht dann, die Zeitung zitierend, in seiner Talkshow vor einem Millionenpublikum aus.

Bettina Wulff hat deshalb jetzt eine Klage gegen Jauch eingereicht, der die Unterlassungserklärung akzeptiert hat. Er wird das Gerücht nicht mehr aufgreifen. Außerdem klagte die 38-Jährige gegen Google. Wer bei der Suchmaschine »Bettina Wulff« eingibt, dem werden automatisch Begriffe wie »Prostituierte« oder »Escort« als Ergänzung angeboten. Ihr sei nicht egal, was Menschen über sie dächten, schreibt Wulff in ihrem Buch. Schon gar nicht, wenn ihr achtjähriger Sohn im Internet auf solche Geschichten stoße.

Bettina Wulff weist die Klischees zurück, die über sie im Umlauf sind, und erzeugt ein neues. Die Rolle, die sie plötzlich dementiert – die der glücklichen First Lady –, füllte sie seinerzeit mit so viel Glaubhaftigkeit aus, dass sich heute die Frage stellt, wie echt das neue Bild ist, das sie von sich in ihrem Buch zeichnet.

Das Drama um Olaf Glaeseker und Christian und Bettina Wulff erhält durch das Buch einen weiteren Akt: Bettina Wulff grenzt sich sehr deutlich auch von ihrem Mann ab. Man muss gar nicht zwischen den Zeilen lesen, Bettina Wulff schreibt es immer wieder: Sie will nicht mit ihrem Mann »über einen Kamm geschoren« und »in einen Topf geworfen werden«. An einer Stelle verweist sie darauf, dass die Freunde ihres Mannes auch schon dessen Freunde gewesen seien, bevor sie ihn kennengelernt habe. Seine Freunde, seine Affären, sein Problem. Bettina Wulff kämpft, für sich selbst.

Die Frage, wer mit wem wie gut befreundet war, spielt in der Serie von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen um Urlaubsreisen, Bestechungsvorwürfe und Hotelrechnungen eine große Rolle. In Hannover wird auch gegen den Partyveranstalter Manfred Schmidt wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Glaeseker soll den Nord-Süd-Dialog »gefällig gefördert« haben, eine Veranstaltung im Auftrag der niedersächsischen und baden-württembergischen Landesregierung, bei der Schmidt mehrere Hunderttausend Euro verdiente. Damals wurde der Nord-Süd-Dialog eingefädelt, um Kontakte zwischen Politik und Wirtschaft zu fördern. Darum beneideten andere Bundesländer Wulff und den baden-württembergischen Regierungschef Günther Oettinger sehr. Heute geht es um die Frage, wer profitierte und ob Olaf Glaeseker auf eigene Faust handelte oder im Auftrag seines Chefs Wulff, wenn er Sponsoren anwarb.

Manfred Schmidt ist mit Olaf Glaeseker und dessen Frau befreundet, Christian Wulff und Schmidt sind auch Freunde. Wulff glaubt, er habe noch immer ein ordentliches Verhältnis zu Olaf Glaeseker, aber das sieht der wohl etwas anders. Manfred Schmidt gilt privat als schwieriger Mensch, einer, der außer zu seinem Adoptivkind zu kaum jemandem eine enge Beziehung hat, die engste vielleicht noch zum Ehepaar Glaeseker. Ausgerechnet Schmidt hatte die Party, das »Liken« und die Massenfreundschaft zu seinem Geschäftsmodell gemacht, lange bevor es Facebook gab. Wo Schmidt war, war das Geld. Schmidt kannte Olaf Glaeseker und Christian Wulff schon, bevor die beiden sich kennenlernten. Die Methode Schmidt herrschte bald rund um Glaeseker und Wulff: Wo die Party endete und wo die Politik begann, wo die Freundschaft und die handfesten Interessen verschwammen, war schwer zu erkennen.

Um das alles zu begreifen, muss man in die frühen neunziger Jahre zurückgehen, als sich das Verhältnis zwischen Wulff und Glaeseker entwickelte. Glaeseker war damals landespolitischer Redakteur bei der Nordwest-Zeitung in Oldenburg und beobachtete den Aufstieg des CDU-Nachwuchspolitikers Wulff, der sich in Hannover am Sozialdemokraten Gerhard Schröder abarbeitete. Als Wulff 1993 zum Spitzenkandidaten seiner Partei wurde, hielt ihn der damalige Ehrenvorsitzende Wilfried Hasselmann für unfähig und informierte seine Parteifreunde darüber in einem Brief. Der Redakteur Glaeseker bekam das Schreiben in die Hände und berichtete in der Zeitung. Wulff war so erbost, dass er sich bei Glaesekers Vorgesetztem beschwerte. Nach dem Wutausbruch herrschte zunächst Funkstille zwischen den beiden, Wulff war beleidigt.

Im Jahr 1999, als Glaeseker in Bonn Korrespondent für verschiedene Zeitungen war und Wulff Oppositionsführer in Hannover, unterbreitete Wulff ihm überraschend ein Angebot: In Hannover stünden zwei freie Schreibtische, einen könne Glaeseker haben. Glaeseker schlug ein. Der Umzug des Parlaments nach Berlin stand an, und Glaeseker wollte nicht in die Hauptstadt. Von nun an war es Glaeseker, der Wulffs Aufstieg moderieren musste.

Wulff nannte Glaeseker seinen »siamesischen Zwilling«. Wulff erklärte, wenn Olaf mal nicht in seiner Nähe sei, müsse man sich um ihn, Wulff, Sorgen machen. Bei Fußballspielen malte Wulff seinem Sprecher die Deutschland-Fahne ins Gesicht. Glaeseker gelang es dank seiner guten Beziehungen zu ehemaligen Kollegen in den Redaktionen, Wulff eine Imagekorrektur zu verpassen.

Wenn heute in der Öffentlichkeit das Thema Ehrensold aufkommt, dann fegt über das Schloss Bellevue, den Dienstsitz des Bundespräsidenten, ein Shitstorm in Form von Mails und Briefen hinweg: Bürger regen sich über »diesen unsäglichen Christian Wulff« auf. Damals, als Wulff noch Ministerpräsident war, jubelten die Omis in Kaffeehäusern wie zu Kaisers Zeiten, wenn der Regierungschef aus Hannover vorbeikam. In Umfragen zur Beliebtheit von Politikern rangierte Wulff weit oben, er wurde als Kanzlerkandidat gehandelt. Einmal ging Wulff vor einer Wahlkampfveranstaltung als einziger der anwesenden CDU-Politiker in die Maske. »Herr Ministerpräsident, was soll ich denn machen?«, fragte die Visagistin. Anstatt zu antworten, sagte Wulff: »Sie reden mit dem beliebtesten Politiker Deutschlands.«

Christian Wulff und Olaf Glaeseker verschmolzen miteinander

»Für Glaeseker war Wulff der absolute Lebensinhalt«, sagt einer, der auch jahrelang Sprecher eines Ministerpräsidenten war und weiß, wie das läuft. Am Ende kommt es in diesen Jobs so weit, dass man über den anderen nicht mehr »er« sagt, sondern nur noch »wir«. Man fühlt sich angegriffen, wenn der Chef angegriffen wird. Man wird gelobt, wenn dem Chef etwas gelingt.

Christian Wulff und Olaf Glaeseker verschmolzen miteinander, so sehr, dass die Öffentlichkeit irgendwann gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer was wollte und wer wen beeinflusste. Heute versucht Wulff die Verbindung zu seinem Alter Ego zu kappen: Glaeseker sei sein Sprecher gewesen, nicht er Glaesekers, mit dieser Begründung verweigert Wulff sich Nachfragen zu seinem früheren Intimus.

Die Zeit der Harmonie war die Zeit, in der der Nord-Süd-Dialog florierte, drei Events zwischen 2007 und 2009, glamouröse Veranstaltungen, bei denen Stars wie Faye Dunaway eingeflogen wurden. Glaeseker war stolz auf die Veranstaltungen, weil er demonstrieren durfte, dass man in Niedersachsen so etwas auf die Beine stellen konnte, er, der Mann hinter Wulff. Als das Popsternchen Lena 2010 den Grand Prix gewann, setzte Glaeseker schon vor der Siegerehrung alle Hebel in Bewegung und rief den Lufthansa-Chef an, damit eine Maschine außerplanmäßig in Hannover landen und Wulff die strahlende Siegerin empfangen konnte. »Der Olaf ist in die Lena verliebt«, zog Wulff seinen Sprecher vor Ministern auf. Später bedankte er sich bei Glaeseker für den Coup.

In den Aufstiegsjahren zerbrach Wulffs erste Ehe. Seine Frau Christiane hatte wenig Lust zu repräsentieren, sie führte lieber ihr eigenes Leben. Glaeseker und seine Frau Vera spielten häufig die Vermittler zwischen den Eheleuten, auch, als sich das Paar trennte. So kam es zu den gemeinsamen Urlauben von Wulffs Exfrau Christiane, der gemeinsamen Tochter Annalena und Olaf Glaeseker beim Partyveranstalter Schmidt, von denen Wulff nichts gewusst haben will.

Als Christian Wulff sich 2006 bei einer Reise in die damalige Pressereferentin der Firma Continental, Bettina Körner, verliebte, wurde es kompliziert. Anfangs sei sie nicht sehr angetan gewesen, schreibt Bettina Wulff in ihrem Buch, doch dann habe Christian Wulffs lockere Art sie überrascht und überzeugt. Der Kontakt ging von Wulff aus, per SMS, ein Medium wie für Wulff gemacht, leise, dezent. Beim ersten Treffen habe zufällig ein Gast am Nebentisch gesessen, der die Bild- Zeitung verständigt habe. Bettina Wulff schildert es als Beginn einer romantischen Affäre, die sich in einen Albtraum verwandelte. Sie, die der Öffentlichkeit als First Lady par excellence erschien, will unter dem Amt vor allem gelitten haben.

Für Glaeseker war die Neue zunächst eine Herausforderung: Trennung von Frau und Kindern, Scheidung – das versprach miese Schlagzeilen für einen konservativen Politiker, der seine Beliebtheit seinem Heile-Welt-Image verdankte. Glaeseker löste die Aufgabe mithilfe der Bild- Zeitung, in der Christian Wulff sowohl die Trennung von seiner Frau als auch die Schwangerschaft seiner neuen Liebe bekannt gab. Vor das Bild der verlassenen Ehefrau schob sich das neue Bild des strahlenden Paars.

Es war aber nicht der alte Verbündete Glaeseker, der im Frühsommer 2010 als Erster von einer aufregenden Neuigkeit erfuhr, sondern Bettina Wulff: Angela Merkel trug Christian Wulff am 1. Juni 2010 das Amt des Bundespräsidenten an. Und Olaf Glaeseker, der eigentlich nie nach Berlin gewollt hatte, ging mit. Bettina Wulff tat es auch. Sie habe, schreibt sie, keine wirkliche Wahl gehabt. Christian Wulff war der Mann im Vordergrund, der Hoffnungsträger; sein Leben, seine Bedürfnisse gaben den Takt an.

Olaf Glaeseker, den Bettina Wulff den »früheren Sprecher meines Mannes« nennt, hatte das Gefühl, dass er verzichten musste. Mit dem Wechsel nach Berlin gab er seinen Titel als Staatssekretär auf, einen eigenen Dienstwagen, er bekam auch nicht mehr Geld. Vor allem aber verlor er an Einfluss. Immer wieder fand sich Glaeseker, der vom Ruf des Allwissenden lebte, in der Situation wieder, nicht gut informiert zu sein. Dass Wulff seine Flitterwochen bei dem Aufsichtsratschef des Versicherungsunternehmens Talanx verbrachte, will Glaeseker erst im Nachhinein erfahren haben – genau wie von dem Urlaub, den Wulff gleich nach seinem Amtsantritt zusammen mit seiner Frau bei dem umstrittenen Unternehmer Carsten Maschmeyer auf Mallorca verbrachte. Wulff habe ihm dies verschwiegen, aus Sorge, er werde ein Veto einlegen und die Reise verhindern. Dann wäre Wulff in eine unangenehme Lage zwischen Sprecher und Ehefrau geraten.

In den Medien, auch denen, die sich jetzt so über die bösen Gerüchte empören, ist Bettina Wulff häufig als eine dargestellt worden, die es auf Promis abgesehen habe, die ihren Mann in den ganzen Glamour hineingetrieben habe. Das Muster ist so alt wie simpel: Dahinter steckt doch bestimmt »sie«. Das blonde Gift. Detailliert beschreibt Bettina Wulff in ihrem Buch die Genese ihrer Partnerschaften. »Ich gehe beim Verlieben nicht nach dem Schema vor ›Reich und berühmt‹! Und wenn ich das sage, tue ich dies im Hinblick auf meine bisherigen Beziehungen.« Bisherige Beziehungen, eine seltsam entrückte Formulierung.

Vielleicht war es genau umgekehrt, vielleicht war Bettina Wulff für ihren Mann das Upgrade seines Lebens.

Mit Andeutungen habe sie versucht, ihrem Mann ihr Unbehagen an ihrer Situation mitzuteilen, schreibt Bettina Wulff, doch der sei zu sehr mit sich beschäftigt und physisch und psychisch nicht in der Lage gewesen, »sich über allem auch noch mit mir auseinanderzusetzen«. Dass er dies heute bereue, mache ihn nahbar und menschlich. »Aber es zeigt vor allem auch die massive Fremdbestimmung bei ihm.« Jahrzehntelang habe er alles Persönliche, alle Gefühle und Bedürfnisse hintangestellt.

Man kann Christian Wulffs Geschichte der politischen Affären auch lesen als die Geschichte eines Mannes, der Ersatzwünsche suchte, weil er zu den eigenen Wünschen keinen Bezug mehr fand. Weil er sich selbst nicht mehr fand. Der erst seinen alten Angstgegner Gerhard Schröder imitierte bis zur Karikatur und dann seiner Frau Bettina imponieren wollte, der Frau, die der Zugang zu einem schöneren Leben sein sollte und die jetzt alles ist, was ihm bleibt. Falls sie bleibt.

Begonnen hat alles – das hat man inzwischen fast vergessen – mit der schlichten Frage, wie Christian Wulff sein Haus in Großburgwedel finanziert und warum er noch als Ministerpräsident im niedersächsischen Parlament nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte, als er nach seiner Beziehung zum Ehemann seiner Kreditgeberin gefragt wurde. Wulff wollte die Berichterstattung verhindern oder verzögern und rief am 12. Dezember 2011 Kai Diekmann an, den Chefredakteur von Bild, um sich zu beschweren. Er landete aber auf der Mailbox.

Man kannte sich gut. Die Wulffs waren zu Besuch in der Potsdamer Villa des Ehepaars Diekmann/Kessler gewesen, die beiden im Gegenzug zum Brunch im Schloss Bellevue, wo der Bild- Chef die First Lady beim Frühstück fragte, ob es stimme, dass sie im Rotlichtmilieu gearbeitet habe. Dass Wulffs Wutausbruch später auf Diekmanns Handy-Mailbox landete, war ein »riesengroßer Fehler«, wie seine Frau schreibt.

Jetzt habe er ein Problem, gegen das der Hauskredit Peanuts sei, schrieb Olaf Glaeseker per SMS, als er von dem Wutanfall hörte, »und das wirst du nicht überleben«. Auf Glaesekers Drängen entschuldigte sich Wulff am Morgen danach telefonisch bei Diekmann. Der nahm die Entschuldigung zwar an, brachte aber die Abschrift der Mailbox-Nachricht in Umlauf.

Hat Olaf Glaeseker Wulff das alles eingebrockt? Schließlich war Glaeseker es gewesen, der den Medien Einblick in die Unterlagen gab, aus denen hervorging, woher der Kredit kam – ein Umstand, den keine Zeitung, die in der Sache recherchiert hatte, selbst herausgefunden hatte. Die Zeitungsleute gingen davon aus, der Kreditgeber sei Carsten Maschmeyer, der schillernde Unternehmer. Glaeseker hoffte, dass in dem Moment, da feststehe, dass es nicht Maschmeyer sei, alle Probleme gelöst seien. Denkbar, dass Wulff seinem Sprecher eine Mitschuld gab. Fest steht, dass Wulff seinen Sprecher Glaeseker zehn Tage nach seinem Mailbox-Anruf entließ. Ohne Gründe zu nennen, versetzte Wulff ihn in den einstweiligen Ruhestand. Auch das, so stellte sich später heraus, war ein Fehler. Denn jetzt hatten alle erst recht den Eindruck: Da steckt ein ganz dickes Ding dahinter.

Offen gesprochen wurde zwischen allen Beteiligten zu diesem Zeitpunkt kaum noch. Im Laufe der Amtszeit hatte sich das Verhältnis zwischen Wulff und Glaeseker abgekühlt, mit Beginn der Krise zog Misstrauen ein. Gelitten hatte auch Wulffs zweite Ehe, Bettina Wulff beschreibt das offen und, wie so oft, mit klischeehaften Sätzen. »Das gemeinsame Repräsentieren ist das eine, das Innenleben das andere.« Als liebendes Paar wahrgenommen werden zu müssen und gleichzeitig das Amt ausfüllen zu müssen sei eine Belastung gewesen.

Am 4. Januar dieses Jahres schickte Glaeseker eine SMS an seinen Freund Christian. Der war noch im Amt, das Verfahren gegen Glaeseker lief schon: »Guten Morgen, mein Lieber, wie ist deine Verfasstheit?« Ob Wulff ihm für die Staatsanwaltschaft bestätigen könne, dass er von der Freundschaft der Glaesekers zu Manfred Schmidt und von ihren Urlauben bei ihm gewusst habe? Damit, hoffte Glaeseker, würde klar, dass die Urlaube keine Bestechung gewesen seien. Wulffs Antwort: »Warum soll ich dir das bestätigen? Es hilft dir nicht, aber es schadet mir massiv. Ich stehe hier total unter Druck.« Man könne darüber reden, »sollte ich mal nicht mehr im Amt sein«. Für Glaeseker bedeutete das: erst das Amt, danach die Wahrheit.

Zwei Monate später trat Wulff zurück. Er zog mit seiner Familie wieder in das Haus in Großburgwedel. Mehrere Monate lang meldete er sich nicht bei Olaf Glaeseker. Der sitzt seit seinem Rauswurf mit 30 Prozent seiner Beamtenbezüge in seinem Haus am Steinhuder Meer, hat neun Kilo abgenommen, hofft, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt, joggt, versucht, fit zu bleiben, für das Leben nach Wulff. Noch immer kann er kaum fassen, dass das alles wirklich passiert ist: Du verlierst deinen Job, stehst auf einmal selbst im Scheinwerferlicht, giltst als korrupteste Figur der Republik, vor dem Haus zelten Reporter, deine Eltern werden beim Einkaufen angesprochen, dann kommen sieben Ermittler in dein Haus, durchsuchen alles, nehmen die privaten Tagebücher deiner Frau mit, und du bist raus. Manchmal, wenn er Freunde trifft, fragt er am Ende: »Na, was hast du denn jetzt für einen Eindruck?« Glaeseker meint sich selbst. Ihm, dem Spindoktor, sollen andere Menschen jetzt sagen, wie es ihm geht.

Christian Wulff sieht so aus, als sei er um mindestens zehn Jahre gealtert, mit eingefallenem Gesicht und einer neuen schwarzen Brille, die den Kontrast noch härter macht. Neben ihm sieht man auf Fotos seine Frau Bettina, jugendlich, mit wachem Blick. Gewöhnlich taucht das Wort »innig« in den Zeilen unter den Fotos auf. Doch die Bilder sprechen eine andere Sprache. Meist zeigen sie eine Frau, die ihren Mann aus der Distanz mustert. Bei seinem Rücktritt habe sie überlegt, ob sie überhaupt mitkommen solle, schreibt Bettina Wulff in ihrem Buch. Sie habe sich »ganz bewusst ein Stück weit entfernt« gestellt, um auszudrücken, dass sie eine eigenständige Frau sei. »Weil mein Leben einfach nur mein Leben ist«, schreibt sie ganz am Ende. Das ist eine Ansage, auch an ihren Mann. Wer in ihrem Leben noch vorkommen wird, ist nicht abschließend geklärt.

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Leserkommentare
  1. Eigenständig bedeutet, Chancen zu ergreifen, ohne über Eigenständigkeit zu schwafeln.
    Diese Chance hat sie eigenmächtig vergeigt.
    Das Engagement bei Ottobock an der Schnittstelle zwischen Hightech und Charity schien ihrer Selbstwarhnehmung als moderne eigenständige Ex-First-Lady wie auf den Leib geschnitten.
    Hätte sie die letzten Wochen genutzt, sich in die zukunftsträchtige Materie (brain-computer-interface! Exoskelette!) gehörig fachlich einzuarbeiten statt ihr Selbstdarstellungsfeuerwerk abzuziehen, wäre ihr die Anerkennung als eigenständige Frau sicher gewesen...

    Eine Leserempfehlung
    • MarcoG.
    • 23. September 2012 0:55 Uhr

    Ich war sicher nicht der einzige, der hinter dem "schmierigen" Lächeln von C. Wulff schon vor dem Skandal kein reines Gutmenschentum gesehen hat. So rein persönlich empfinde ich eine tiefe Genugtuung, dass es ihn derart erwischt hat.Dass es Menschen in der Politik (und natürlich auch anderswo) gibt, die für politischen und materiellen Erfolg, sich selbst aufgeben ist nicht neu. Aber dass es diesen C. Wulff trifft, der es bis ins höchste Amt damit geschafft hat, ist nicht nur toll für einen schadenfrohen Menschen wie mir, sondern vielleicht auch mal ein Signal an alle anderen "fremdbestimmten" und "sich von sich selbst entfernten" Politiker. Aber zum Glück fällt mir gerad kein anderes Beispiel ein, der so kläglich an seiner Gier und seinem Heuchlertum scheitern könnte wie dieses "arme Würstchen".

    PS.: Liebe ZEIT-Redaktion, löscht bitte nicht jedesmal meine Beiträge - ich habe extra keine Kraftausdrücke benutzt...

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist empfehlenswert. Nur liest den leider kaum noch jemand. Die Staatsanwaoltschaft ermittelt und ermittelt und ermittelt weiter. Es ist ja immer noch das Jahr 2012!

  2. ist empfehlenswert. Nur liest den leider kaum noch jemand. Die Staatsanwaoltschaft ermittelt und ermittelt und ermittelt weiter. Es ist ja immer noch das Jahr 2012!

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    Antwort auf "Genugtuung"
    • 42317
    • 30. September 2012 11:32 Uhr

    WAS IST DAS???
    Wenn in meiner Anwesenheit jemand den wahrgenommenen "Verfall der deutschen Sprache" beklagt, bin ich immer derjenige, der auf den konstant aktiven Sprachwandel hinweist und zu vermitteln versucht, dass von einem Verfall keine Rede sein könne - aber in einem Artikel der ZEIT ernsthaft das Wort "Shitstorm" vorzufinden, ist auch mir eine Spur zu stark. Bei aller Liebe.

    2 Leserempfehlungen
    • NWJ
    • 06. Oktober 2012 22:36 Uhr

    Die liebe Bettina hatte natürlich Beziehungen vor Herrn Wulff. Sie war auch Mitarbeiterin der Presseabteilung der Continental AG und ging als Kind und Jungendliche zur Schule. Diese beweist, dass es ein Umfeld gab. Dieses Umfeld trat bisher nicht in die Öffentlichkeit, deshalb diese sinnlosen Spekulationen. Bleibt man aber bei dem zitiertem Buch und sonstige Dinge, die über Frau Wulff unwidersprochen bekannt wurden, dann ist im Buch die gewollte Sicht von Frau Wulff zu erkennen. Hier zum Beispiel das Air Berlin-Upgrade von Florida nach Deutschland in die Business Class. Wenn man kein Geld dafür hat, dann macht man so etwas nicht. Das Upgrade lief nicht am Schalter ab, sondern im Flugzeug. Einige Fluggäste wunderten sich, letztlich auch vom übertrieben Verhalten von Frau Wulff. "Seht her, ich kann mir das leisten". Ähnlich lief das mit der kostenlosen Gradrobe ab. Man kann das alles beliebig fortsetzen. Alte Bekannte sagen dazu nur, typisch Bettina. Eines der Gründe, weshalb frühere Beziehungen nicht lang gedauert haben.

    2 Leserempfehlungen
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    Sie irren. Das Upgrade wurde vor dem Flug auf Initiative des Air Berlin Chefs verfügt, nicht während des Fluges. Erstaunlich, dass derart sachlich falsche Kommentare unbeanstandet veröffentlicht werden.

  3. Schade um die verlorene Zeit des Lesens. Der einzige wichtige Aspekt ist für mich, dass Christian Wulff wegen der finanziellen Ungereimtheiten jetzt eigentlich eine neue TV-Fragestunde überstehen müsste, aber die Justiz uns das erspart.

    Und Upgrades? Jeder halbwegs versierte Computernutzer weiss, dass auf ein von Marketing-Tamtam ausgelöstes Upgrade oft ganz schnell das Downgrade folgt. Jedenfalls, wenn man noch selbstständig denken kann und für eine Handvoll Verbesserungen keine Unzahl Nachteile in Kauf nehmen will.

    Richtig übel wird die Sache natürlich -- auch das können viele IT-Fachleute bestätigen--, falls man (DAU!) kein Backup angelegt hat und das Upgrade so tiefgreifende Änderungen auf der Maschine implementiert hat, dass ein Bare-Metal-Setup nötig ist. Aber auch das ist ab einer bestimmten Anzahl Restriktionen der einzig empfehlenswerte Weg.

    Kai Hamann

  4. 7. Irrtum

    Sie irren. Das Upgrade wurde vor dem Flug auf Initiative des Air Berlin Chefs verfügt, nicht während des Fluges. Erstaunlich, dass derart sachlich falsche Kommentare unbeanstandet veröffentlicht werden.

    Antwort auf "Die nette Bettina"
    • mores
    • 07. Januar 2013 18:06 Uhr

    Dass Frau Dr. Merkel durch ihre Eigenmächtigkeit uns allen die "unendliche" Affäre Wulff mit ihren unerfreulichen Konsequenzen zugemutet hat bzw. zumutet, darf nicht vergessen werden!

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