Bettina WulffEine Frau setzt sich ab
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Bettina will mit Christian Wulff nicht "in einen Topf geworfen" werden

Bettina Wulff weist die Klischees zurück, die über sie im Umlauf sind, und erzeugt ein neues. Die Rolle, die sie plötzlich dementiert – die der glücklichen First Lady –, füllte sie seinerzeit mit so viel Glaubhaftigkeit aus, dass sich heute die Frage stellt, wie echt das neue Bild ist, das sie von sich in ihrem Buch zeichnet.

Das Drama um Olaf Glaeseker und Christian und Bettina Wulff erhält durch das Buch einen weiteren Akt: Bettina Wulff grenzt sich sehr deutlich auch von ihrem Mann ab. Man muss gar nicht zwischen den Zeilen lesen, Bettina Wulff schreibt es immer wieder: Sie will nicht mit ihrem Mann »über einen Kamm geschoren« und »in einen Topf geworfen werden«. An einer Stelle verweist sie darauf, dass die Freunde ihres Mannes auch schon dessen Freunde gewesen seien, bevor sie ihn kennengelernt habe. Seine Freunde, seine Affären, sein Problem. Bettina Wulff kämpft, für sich selbst.

Die Frage, wer mit wem wie gut befreundet war, spielt in der Serie von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen um Urlaubsreisen, Bestechungsvorwürfe und Hotelrechnungen eine große Rolle. In Hannover wird auch gegen den Partyveranstalter Manfred Schmidt wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Glaeseker soll den Nord-Süd-Dialog »gefällig gefördert« haben, eine Veranstaltung im Auftrag der niedersächsischen und baden-württembergischen Landesregierung, bei der Schmidt mehrere Hunderttausend Euro verdiente. Damals wurde der Nord-Süd-Dialog eingefädelt, um Kontakte zwischen Politik und Wirtschaft zu fördern. Darum beneideten andere Bundesländer Wulff und den baden-württembergischen Regierungschef Günther Oettinger sehr. Heute geht es um die Frage, wer profitierte und ob Olaf Glaeseker auf eigene Faust handelte oder im Auftrag seines Chefs Wulff, wenn er Sponsoren anwarb.

Manfred Schmidt ist mit Olaf Glaeseker und dessen Frau befreundet, Christian Wulff und Schmidt sind auch Freunde. Wulff glaubt, er habe noch immer ein ordentliches Verhältnis zu Olaf Glaeseker, aber das sieht der wohl etwas anders. Manfred Schmidt gilt privat als schwieriger Mensch, einer, der außer zu seinem Adoptivkind zu kaum jemandem eine enge Beziehung hat, die engste vielleicht noch zum Ehepaar Glaeseker. Ausgerechnet Schmidt hatte die Party, das »Liken« und die Massenfreundschaft zu seinem Geschäftsmodell gemacht, lange bevor es Facebook gab. Wo Schmidt war, war das Geld. Schmidt kannte Olaf Glaeseker und Christian Wulff schon, bevor die beiden sich kennenlernten. Die Methode Schmidt herrschte bald rund um Glaeseker und Wulff: Wo die Party endete und wo die Politik begann, wo die Freundschaft und die handfesten Interessen verschwammen, war schwer zu erkennen.

Um das alles zu begreifen, muss man in die frühen neunziger Jahre zurückgehen, als sich das Verhältnis zwischen Wulff und Glaeseker entwickelte. Glaeseker war damals landespolitischer Redakteur bei der Nordwest-Zeitung in Oldenburg und beobachtete den Aufstieg des CDU-Nachwuchspolitikers Wulff, der sich in Hannover am Sozialdemokraten Gerhard Schröder abarbeitete. Als Wulff 1993 zum Spitzenkandidaten seiner Partei wurde, hielt ihn der damalige Ehrenvorsitzende Wilfried Hasselmann für unfähig und informierte seine Parteifreunde darüber in einem Brief. Der Redakteur Glaeseker bekam das Schreiben in die Hände und berichtete in der Zeitung. Wulff war so erbost, dass er sich bei Glaesekers Vorgesetztem beschwerte. Nach dem Wutausbruch herrschte zunächst Funkstille zwischen den beiden, Wulff war beleidigt.

Im Jahr 1999, als Glaeseker in Bonn Korrespondent für verschiedene Zeitungen war und Wulff Oppositionsführer in Hannover, unterbreitete Wulff ihm überraschend ein Angebot: In Hannover stünden zwei freie Schreibtische, einen könne Glaeseker haben. Glaeseker schlug ein. Der Umzug des Parlaments nach Berlin stand an, und Glaeseker wollte nicht in die Hauptstadt. Von nun an war es Glaeseker, der Wulffs Aufstieg moderieren musste.

Wulff nannte Glaeseker seinen »siamesischen Zwilling«. Wulff erklärte, wenn Olaf mal nicht in seiner Nähe sei, müsse man sich um ihn, Wulff, Sorgen machen. Bei Fußballspielen malte Wulff seinem Sprecher die Deutschland-Fahne ins Gesicht. Glaeseker gelang es dank seiner guten Beziehungen zu ehemaligen Kollegen in den Redaktionen, Wulff eine Imagekorrektur zu verpassen.

Wenn heute in der Öffentlichkeit das Thema Ehrensold aufkommt, dann fegt über das Schloss Bellevue, den Dienstsitz des Bundespräsidenten, ein Shitstorm in Form von Mails und Briefen hinweg: Bürger regen sich über »diesen unsäglichen Christian Wulff« auf. Damals, als Wulff noch Ministerpräsident war, jubelten die Omis in Kaffeehäusern wie zu Kaisers Zeiten, wenn der Regierungschef aus Hannover vorbeikam. In Umfragen zur Beliebtheit von Politikern rangierte Wulff weit oben, er wurde als Kanzlerkandidat gehandelt. Einmal ging Wulff vor einer Wahlkampfveranstaltung als einziger der anwesenden CDU-Politiker in die Maske. »Herr Ministerpräsident, was soll ich denn machen?«, fragte die Visagistin. Anstatt zu antworten, sagte Wulff: »Sie reden mit dem beliebtesten Politiker Deutschlands.«

Christian Wulff und Olaf Glaeseker verschmolzen miteinander

»Für Glaeseker war Wulff der absolute Lebensinhalt«, sagt einer, der auch jahrelang Sprecher eines Ministerpräsidenten war und weiß, wie das läuft. Am Ende kommt es in diesen Jobs so weit, dass man über den anderen nicht mehr »er« sagt, sondern nur noch »wir«. Man fühlt sich angegriffen, wenn der Chef angegriffen wird. Man wird gelobt, wenn dem Chef etwas gelingt.

Christian Wulff und Olaf Glaeseker verschmolzen miteinander, so sehr, dass die Öffentlichkeit irgendwann gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer was wollte und wer wen beeinflusste. Heute versucht Wulff die Verbindung zu seinem Alter Ego zu kappen: Glaeseker sei sein Sprecher gewesen, nicht er Glaesekers, mit dieser Begründung verweigert Wulff sich Nachfragen zu seinem früheren Intimus.

Die Zeit der Harmonie war die Zeit, in der der Nord-Süd-Dialog florierte, drei Events zwischen 2007 und 2009, glamouröse Veranstaltungen, bei denen Stars wie Faye Dunaway eingeflogen wurden. Glaeseker war stolz auf die Veranstaltungen, weil er demonstrieren durfte, dass man in Niedersachsen so etwas auf die Beine stellen konnte, er, der Mann hinter Wulff. Als das Popsternchen Lena 2010 den Grand Prix gewann, setzte Glaeseker schon vor der Siegerehrung alle Hebel in Bewegung und rief den Lufthansa-Chef an, damit eine Maschine außerplanmäßig in Hannover landen und Wulff die strahlende Siegerin empfangen konnte. »Der Olaf ist in die Lena verliebt«, zog Wulff seinen Sprecher vor Ministern auf. Später bedankte er sich bei Glaeseker für den Coup.

Leserkommentare
  1. Eigenständig bedeutet, Chancen zu ergreifen, ohne über Eigenständigkeit zu schwafeln.
    Diese Chance hat sie eigenmächtig vergeigt.
    Das Engagement bei Ottobock an der Schnittstelle zwischen Hightech und Charity schien ihrer Selbstwarhnehmung als moderne eigenständige Ex-First-Lady wie auf den Leib geschnitten.
    Hätte sie die letzten Wochen genutzt, sich in die zukunftsträchtige Materie (brain-computer-interface! Exoskelette!) gehörig fachlich einzuarbeiten statt ihr Selbstdarstellungsfeuerwerk abzuziehen, wäre ihr die Anerkennung als eigenständige Frau sicher gewesen...

    • MarcoG.
    • 23. September 2012 0:55 Uhr

    Ich war sicher nicht der einzige, der hinter dem "schmierigen" Lächeln von C. Wulff schon vor dem Skandal kein reines Gutmenschentum gesehen hat. So rein persönlich empfinde ich eine tiefe Genugtuung, dass es ihn derart erwischt hat.Dass es Menschen in der Politik (und natürlich auch anderswo) gibt, die für politischen und materiellen Erfolg, sich selbst aufgeben ist nicht neu. Aber dass es diesen C. Wulff trifft, der es bis ins höchste Amt damit geschafft hat, ist nicht nur toll für einen schadenfrohen Menschen wie mir, sondern vielleicht auch mal ein Signal an alle anderen "fremdbestimmten" und "sich von sich selbst entfernten" Politiker. Aber zum Glück fällt mir gerad kein anderes Beispiel ein, der so kläglich an seiner Gier und seinem Heuchlertum scheitern könnte wie dieses "arme Würstchen".

    PS.: Liebe ZEIT-Redaktion, löscht bitte nicht jedesmal meine Beiträge - ich habe extra keine Kraftausdrücke benutzt...

    5 Leserempfehlungen
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    ist empfehlenswert. Nur liest den leider kaum noch jemand. Die Staatsanwaoltschaft ermittelt und ermittelt und ermittelt weiter. Es ist ja immer noch das Jahr 2012!

  2. ist empfehlenswert. Nur liest den leider kaum noch jemand. Die Staatsanwaoltschaft ermittelt und ermittelt und ermittelt weiter. Es ist ja immer noch das Jahr 2012!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Genugtuung"
    • 42317
    • 30. September 2012 11:32 Uhr

    WAS IST DAS???
    Wenn in meiner Anwesenheit jemand den wahrgenommenen "Verfall der deutschen Sprache" beklagt, bin ich immer derjenige, der auf den konstant aktiven Sprachwandel hinweist und zu vermitteln versucht, dass von einem Verfall keine Rede sein könne - aber in einem Artikel der ZEIT ernsthaft das Wort "Shitstorm" vorzufinden, ist auch mir eine Spur zu stark. Bei aller Liebe.

    Eine Leserempfehlung
    • NWJ
    • 06. Oktober 2012 22:36 Uhr

    Die liebe Bettina hatte natürlich Beziehungen vor Herrn Wulff. Sie war auch Mitarbeiterin der Presseabteilung der Continental AG und ging als Kind und Jungendliche zur Schule. Diese beweist, dass es ein Umfeld gab. Dieses Umfeld trat bisher nicht in die Öffentlichkeit, deshalb diese sinnlosen Spekulationen. Bleibt man aber bei dem zitiertem Buch und sonstige Dinge, die über Frau Wulff unwidersprochen bekannt wurden, dann ist im Buch die gewollte Sicht von Frau Wulff zu erkennen. Hier zum Beispiel das Air Berlin-Upgrade von Florida nach Deutschland in die Business Class. Wenn man kein Geld dafür hat, dann macht man so etwas nicht. Das Upgrade lief nicht am Schalter ab, sondern im Flugzeug. Einige Fluggäste wunderten sich, letztlich auch vom übertrieben Verhalten von Frau Wulff. "Seht her, ich kann mir das leisten". Ähnlich lief das mit der kostenlosen Gradrobe ab. Man kann das alles beliebig fortsetzen. Alte Bekannte sagen dazu nur, typisch Bettina. Eines der Gründe, weshalb frühere Beziehungen nicht lang gedauert haben.

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    Sie irren. Das Upgrade wurde vor dem Flug auf Initiative des Air Berlin Chefs verfügt, nicht während des Fluges. Erstaunlich, dass derart sachlich falsche Kommentare unbeanstandet veröffentlicht werden.

  3. Schade um die verlorene Zeit des Lesens. Der einzige wichtige Aspekt ist für mich, dass Christian Wulff wegen der finanziellen Ungereimtheiten jetzt eigentlich eine neue TV-Fragestunde überstehen müsste, aber die Justiz uns das erspart.

    Und Upgrades? Jeder halbwegs versierte Computernutzer weiss, dass auf ein von Marketing-Tamtam ausgelöstes Upgrade oft ganz schnell das Downgrade folgt. Jedenfalls, wenn man noch selbstständig denken kann und für eine Handvoll Verbesserungen keine Unzahl Nachteile in Kauf nehmen will.

    Richtig übel wird die Sache natürlich -- auch das können viele IT-Fachleute bestätigen--, falls man (DAU!) kein Backup angelegt hat und das Upgrade so tiefgreifende Änderungen auf der Maschine implementiert hat, dass ein Bare-Metal-Setup nötig ist. Aber auch das ist ab einer bestimmten Anzahl Restriktionen der einzig empfehlenswerte Weg.

    Kai Hamann

  4. 7. Irrtum

    Sie irren. Das Upgrade wurde vor dem Flug auf Initiative des Air Berlin Chefs verfügt, nicht während des Fluges. Erstaunlich, dass derart sachlich falsche Kommentare unbeanstandet veröffentlicht werden.

    Antwort auf "Die nette Bettina"
    • mores
    • 07. Januar 2013 18:06 Uhr

    Dass Frau Dr. Merkel durch ihre Eigenmächtigkeit uns allen die "unendliche" Affäre Wulff mit ihren unerfreulichen Konsequenzen zugemutet hat bzw. zumutet, darf nicht vergessen werden!

    2 Leserempfehlungen

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