Man kannte sich gut. Die Wulffs waren zu Besuch in der Potsdamer Villa des Ehepaars Diekmann/Kessler gewesen, die beiden im Gegenzug zum Brunch im Schloss Bellevue, wo der Bild- Chef die First Lady beim Frühstück fragte, ob es stimme, dass sie im Rotlichtmilieu gearbeitet habe. Dass Wulffs Wutausbruch später auf Diekmanns Handy-Mailbox landete, war ein »riesengroßer Fehler«, wie seine Frau schreibt.

Jetzt habe er ein Problem, gegen das der Hauskredit Peanuts sei, schrieb Olaf Glaeseker per SMS, als er von dem Wutanfall hörte, »und das wirst du nicht überleben«. Auf Glaesekers Drängen entschuldigte sich Wulff am Morgen danach telefonisch bei Diekmann. Der nahm die Entschuldigung zwar an, brachte aber die Abschrift der Mailbox-Nachricht in Umlauf.

Hat Olaf Glaeseker Wulff das alles eingebrockt? Schließlich war Glaeseker es gewesen, der den Medien Einblick in die Unterlagen gab, aus denen hervorging, woher der Kredit kam – ein Umstand, den keine Zeitung, die in der Sache recherchiert hatte, selbst herausgefunden hatte. Die Zeitungsleute gingen davon aus, der Kreditgeber sei Carsten Maschmeyer, der schillernde Unternehmer. Glaeseker hoffte, dass in dem Moment, da feststehe, dass es nicht Maschmeyer sei, alle Probleme gelöst seien. Denkbar, dass Wulff seinem Sprecher eine Mitschuld gab. Fest steht, dass Wulff seinen Sprecher Glaeseker zehn Tage nach seinem Mailbox-Anruf entließ. Ohne Gründe zu nennen, versetzte Wulff ihn in den einstweiligen Ruhestand. Auch das, so stellte sich später heraus, war ein Fehler. Denn jetzt hatten alle erst recht den Eindruck: Da steckt ein ganz dickes Ding dahinter.

Offen gesprochen wurde zwischen allen Beteiligten zu diesem Zeitpunkt kaum noch. Im Laufe der Amtszeit hatte sich das Verhältnis zwischen Wulff und Glaeseker abgekühlt, mit Beginn der Krise zog Misstrauen ein. Gelitten hatte auch Wulffs zweite Ehe, Bettina Wulff beschreibt das offen und, wie so oft, mit klischeehaften Sätzen. »Das gemeinsame Repräsentieren ist das eine, das Innenleben das andere.« Als liebendes Paar wahrgenommen werden zu müssen und gleichzeitig das Amt ausfüllen zu müssen sei eine Belastung gewesen.

Am 4. Januar dieses Jahres schickte Glaeseker eine SMS an seinen Freund Christian. Der war noch im Amt, das Verfahren gegen Glaeseker lief schon: »Guten Morgen, mein Lieber, wie ist deine Verfasstheit?« Ob Wulff ihm für die Staatsanwaltschaft bestätigen könne, dass er von der Freundschaft der Glaesekers zu Manfred Schmidt und von ihren Urlauben bei ihm gewusst habe? Damit, hoffte Glaeseker, würde klar, dass die Urlaube keine Bestechung gewesen seien. Wulffs Antwort: »Warum soll ich dir das bestätigen? Es hilft dir nicht, aber es schadet mir massiv. Ich stehe hier total unter Druck.« Man könne darüber reden, »sollte ich mal nicht mehr im Amt sein«. Für Glaeseker bedeutete das: erst das Amt, danach die Wahrheit.

Zwei Monate später trat Wulff zurück. Er zog mit seiner Familie wieder in das Haus in Großburgwedel. Mehrere Monate lang meldete er sich nicht bei Olaf Glaeseker. Der sitzt seit seinem Rauswurf mit 30 Prozent seiner Beamtenbezüge in seinem Haus am Steinhuder Meer, hat neun Kilo abgenommen, hofft, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt, joggt, versucht, fit zu bleiben, für das Leben nach Wulff. Noch immer kann er kaum fassen, dass das alles wirklich passiert ist: Du verlierst deinen Job, stehst auf einmal selbst im Scheinwerferlicht, giltst als korrupteste Figur der Republik, vor dem Haus zelten Reporter, deine Eltern werden beim Einkaufen angesprochen, dann kommen sieben Ermittler in dein Haus, durchsuchen alles, nehmen die privaten Tagebücher deiner Frau mit, und du bist raus. Manchmal, wenn er Freunde trifft, fragt er am Ende: »Na, was hast du denn jetzt für einen Eindruck?« Glaeseker meint sich selbst. Ihm, dem Spindoktor, sollen andere Menschen jetzt sagen, wie es ihm geht.

Christian Wulff sieht so aus, als sei er um mindestens zehn Jahre gealtert, mit eingefallenem Gesicht und einer neuen schwarzen Brille, die den Kontrast noch härter macht. Neben ihm sieht man auf Fotos seine Frau Bettina, jugendlich, mit wachem Blick. Gewöhnlich taucht das Wort »innig« in den Zeilen unter den Fotos auf. Doch die Bilder sprechen eine andere Sprache. Meist zeigen sie eine Frau, die ihren Mann aus der Distanz mustert. Bei seinem Rücktritt habe sie überlegt, ob sie überhaupt mitkommen solle, schreibt Bettina Wulff in ihrem Buch. Sie habe sich »ganz bewusst ein Stück weit entfernt« gestellt, um auszudrücken, dass sie eine eigenständige Frau sei. »Weil mein Leben einfach nur mein Leben ist«, schreibt sie ganz am Ende. Das ist eine Ansage, auch an ihren Mann. Wer in ihrem Leben noch vorkommen wird, ist nicht abschließend geklärt.