Bettina WulffEine Frau setzt sich ab

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff, seine Frau Bettina und sein früherer Vertrauter Olaf Glaeseker sind durch einen rasanten Aufstieg und einen brutalen Abstieg miteinander verbunden. Jetzt fürchten sich die Männer vor Staatsanwälten, und Bettina Wulff stellt sich auf ein eigenständiges Leben ein. von 

Bettina Wulff

Bettina Wulff  |  © Sean Gallup/Getty Images

In einem Haus in der niedersächsischen Kleinstadt Steinhude, 42 Kilometer entfernt von Bettina und Christian Wulffs Eigenheim in Großburgwedel, sitzt ein traumatisierter Mann und hofft. Jahrelang bestand sein Leben aus Terminen, die er für den Ministerpräsidenten Wulff organisierte, danach für den Bundespräsidenten Wulff. Jetzt besteht sein Leben aus Warten. Olaf Glaeseker, der früher Wulffs Sprecher war, sein Strippenzieher und Freund, wartet auf eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft, ob er wegen Bestechlichkeit angeklagt wird.

Anfang Juni erhielt der 51-jährige Glaeseker von seinem alten Weggefährten Christian Wulff eine Kurznachricht aufs Handy, eine Einladung zu dessen 53. Geburtstag, einfach so, nach all den Monaten, in denen die beiden keinen Kontakt mehr hatten. Glaeseker meinte, so könne das nicht laufen. Die beiden trafen sich in seinem Haus und redeten, aber viel zu sagen hatten sie sich nicht. Olaf Glaeseker fuhr dann trotzdem zu Christians Party nach Großburgwedel, zum Grillfest, vielleicht aus Neugier, vielleicht, weil er nicht von Wulff lassen kann. Rund 50 Gäste waren da, der CDU-Mann Peter Hintze mit seiner Frau, der FDP-Minister Philipp Rösler mit seiner Frau, ansonsten Bekannte, Nachbarn, auch der Trauzeuge des Paares Wulff, Egon Geerkens. Der Unternehmer Carsten Maschmeyer blieb fern, genauso wie seine Frau Veronica Ferres. Keiner der reichen Gönner war da. Bettina Wulff lächelte viel, und Christian Wulff hielt eine Rede. »Ich liebe meine Frau abgöttisch«, sagte er. Wäre dieser dramatische Satz nicht gewesen, der viele Besucher aufhorchen ließ, hätte man fast denken können, der deutsche Bundespräsident gebe mit seiner charmanten Gattin ein privates Fest.

Anzeige

Zehn Tage nach der Party sagte Wulff bei der Staatsanwaltschaft aus, 160 Minuten lang. Ihm wird vorgeworfen, unzulässige Vorteile angenommen zu haben. Glaeseker, erklärte Wulff, sei zwar sein Vertrauter gewesen, in politischer Hinsicht, im Büro, nicht aber im Privatleben. Vor allem beim Thema Urlaub sei der Olaf eigenwillig gewesen. Er, Wulff, habe nie gewusst, wo sein Sprecher sich in den Ferien herumgetrieben habe. Auch davon, dass der mit Wulffs Exfrau und der Tochter zusammen in den Urlaub gefahren sei, habe er, Wulff, zunächst nichts gewusst. Er habe auch nicht gewusst, dass Glaeseker Sponsoren für den inzwischen berüchtigten Nord-Süd-Dialog angeworben habe, und wenn, dann habe Glaeseker es ohne Wulffs Einverständnis getan. Es war der Versuch, einen möglichst breiten Graben zwischen sich und Glaeseker zu schaufeln, Verantwortlichkeiten zu verschieben, um sich selbst zu retten.

Im Buch kommt das Wort »ich« sehr viel öfter vor als das Wort »wir«

Drei Menschen, die einen fulminanten Aufstieg erlebt haben und dann gemeinsam einen brutalen Abstieg, kämpfen jetzt um ihre Zukunft und um ihr Leben – jeder auf andere Art, jeder für sich allein. Alle drei wollen den Skandal loswerden, durch den sie aneinandergekettet sind. Die Frage ist, wie viel mehr sie außer dem Skandal noch verbindet. Da ist der abgemagerte Christian Wulff, der alle Kraft zusammennehmen muss, um ein Lächeln hinzubekommen, dann, wenn er neben seiner strahlenden Frau auf Empfängen gastiert. Er, der immer die Hauptperson war, wirkt wie ihr Anhang. Da ist Olaf Glaeseker mit dem breiten kahlen Schädel, der den vielen Angeboten hinterhertrauert, die er im Laufe seiner Jahre bei Wulff abgelehnt hat, und hofft, dass es wieder welche geben wird, wenn das alles vorbei ist, wenn er nicht mehr in der hässlichen Gegenwart gefangen ist, die für ihn daraus besteht, die eigenen Ermittlungsakten zu lesen und sich auf Befragungen durch Staatsanwälte vorzubereiten. Und da ist die 38-jährige Bettina Wulff, Christian Wulffs zweite Frau, deren Buch Jenseits des Protokolls jetzt auf dem Markt ist. Darin kommt das Wort »ich« sehr viel öfter vor als das Wort »wir«. Das Buch ist auch eine Abrechnung mit ihrem Mann.

Drei Menschen versuchen, sich zu retten, vor den beiden anderen, vor sich selbst – wo wird das Ganze enden?

Wer Christian Wulff und Olaf Glaeseker von früher kennt, aus sorgloseren Zeiten, findet es nicht nur erstaunlich, sondern unverfroren, wie Wulff seine Flucht inszeniert. Die Sat.1-Unterhaltungschefin Edda Kraft will für Glaeseker aussagen; auch Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring, über Jahre einer von Wulffs loyalsten Mitstreitern, findet dessen Einlassungen bei der Staatsanwaltschaft, er habe von Glaesekers Aktivitäten nichts gewusst, »wenig wahrscheinlich«.

Die Politik war Christian Wulffs Leben. Er war einer, der es gegen Widerstände nach oben geschafft hat, so hat er sich auch selbst gern gesehen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Christian Wulff ist ein Beispiel dafür, wie einer in der Politik und durch die Politik fast alles gewonnen und am Ende fast alles verloren hat, auch sich selbst. Politische Apparate haben ihm geholfen, Sprecher haben für ihn gesprochen, der öffentliche Druck hat ihm zugesetzt, aber er hat ihn auch zusammengehalten. Jetzt ist er auf sich selbst zurückgeworfen. Was bleibt von ihm?

Das Cover des Buches, das seine Frau gemeinsam mit einer Journalistin geschrieben hat, zeigt Bettina Wulff mit selbstbewusstem, seitwärts gerichtetem Blick, das Tattoo auf dem Oberarm, das so viele Fantasien auf sich gezogen hat, wird plakativ enthüllt. Die Gerüchte ist eines der Kapitel im Buch überschrieben, in dem Bettina Wulff offensiv die Behauptungen aufgreift, die sie seit dem Amtsantritt ihres Mannes begleitet hatten. Als »Viktoria« soll sie demnach als Edelprostituierte in einem Berliner oder Osnabrücker Bordell gearbeitet haben. Im politischen Berlin, in den Zeitungsredaktionen, in den Parteien, im Bundestag, kannte jeder diese Gerüchte. Darüber geschrieben hat lange Zeit niemand. Weil man es nicht genau wusste. Weil es immer noch eine weitgehend geachtete Übereinkunft gibt, dass Privates privat bleibt. Eine Ausnahme machte die Berliner Zeitung im Dezember 2011. Der Moderator Günther Jauch breitete das Gerücht dann, die Zeitung zitierend, in seiner Talkshow vor einem Millionenpublikum aus.

Bettina Wulff hat deshalb jetzt eine Klage gegen Jauch eingereicht, der die Unterlassungserklärung akzeptiert hat. Er wird das Gerücht nicht mehr aufgreifen. Außerdem klagte die 38-Jährige gegen Google. Wer bei der Suchmaschine »Bettina Wulff« eingibt, dem werden automatisch Begriffe wie »Prostituierte« oder »Escort« als Ergänzung angeboten. Ihr sei nicht egal, was Menschen über sie dächten, schreibt Wulff in ihrem Buch. Schon gar nicht, wenn ihr achtjähriger Sohn im Internet auf solche Geschichten stoße.

Leserkommentare
  1. Eigenständig bedeutet, Chancen zu ergreifen, ohne über Eigenständigkeit zu schwafeln.
    Diese Chance hat sie eigenmächtig vergeigt.
    Das Engagement bei Ottobock an der Schnittstelle zwischen Hightech und Charity schien ihrer Selbstwarhnehmung als moderne eigenständige Ex-First-Lady wie auf den Leib geschnitten.
    Hätte sie die letzten Wochen genutzt, sich in die zukunftsträchtige Materie (brain-computer-interface! Exoskelette!) gehörig fachlich einzuarbeiten statt ihr Selbstdarstellungsfeuerwerk abzuziehen, wäre ihr die Anerkennung als eigenständige Frau sicher gewesen...

    • MarcoG.
    • 23. September 2012 0:55 Uhr

    Ich war sicher nicht der einzige, der hinter dem "schmierigen" Lächeln von C. Wulff schon vor dem Skandal kein reines Gutmenschentum gesehen hat. So rein persönlich empfinde ich eine tiefe Genugtuung, dass es ihn derart erwischt hat.Dass es Menschen in der Politik (und natürlich auch anderswo) gibt, die für politischen und materiellen Erfolg, sich selbst aufgeben ist nicht neu. Aber dass es diesen C. Wulff trifft, der es bis ins höchste Amt damit geschafft hat, ist nicht nur toll für einen schadenfrohen Menschen wie mir, sondern vielleicht auch mal ein Signal an alle anderen "fremdbestimmten" und "sich von sich selbst entfernten" Politiker. Aber zum Glück fällt mir gerad kein anderes Beispiel ein, der so kläglich an seiner Gier und seinem Heuchlertum scheitern könnte wie dieses "arme Würstchen".

    PS.: Liebe ZEIT-Redaktion, löscht bitte nicht jedesmal meine Beiträge - ich habe extra keine Kraftausdrücke benutzt...

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist empfehlenswert. Nur liest den leider kaum noch jemand. Die Staatsanwaoltschaft ermittelt und ermittelt und ermittelt weiter. Es ist ja immer noch das Jahr 2012!

  2. ist empfehlenswert. Nur liest den leider kaum noch jemand. Die Staatsanwaoltschaft ermittelt und ermittelt und ermittelt weiter. Es ist ja immer noch das Jahr 2012!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Genugtuung"
    • 42317
    • 30. September 2012 11:32 Uhr

    WAS IST DAS???
    Wenn in meiner Anwesenheit jemand den wahrgenommenen "Verfall der deutschen Sprache" beklagt, bin ich immer derjenige, der auf den konstant aktiven Sprachwandel hinweist und zu vermitteln versucht, dass von einem Verfall keine Rede sein könne - aber in einem Artikel der ZEIT ernsthaft das Wort "Shitstorm" vorzufinden, ist auch mir eine Spur zu stark. Bei aller Liebe.

    Eine Leserempfehlung
    • NWJ
    • 06. Oktober 2012 22:36 Uhr

    Die liebe Bettina hatte natürlich Beziehungen vor Herrn Wulff. Sie war auch Mitarbeiterin der Presseabteilung der Continental AG und ging als Kind und Jungendliche zur Schule. Diese beweist, dass es ein Umfeld gab. Dieses Umfeld trat bisher nicht in die Öffentlichkeit, deshalb diese sinnlosen Spekulationen. Bleibt man aber bei dem zitiertem Buch und sonstige Dinge, die über Frau Wulff unwidersprochen bekannt wurden, dann ist im Buch die gewollte Sicht von Frau Wulff zu erkennen. Hier zum Beispiel das Air Berlin-Upgrade von Florida nach Deutschland in die Business Class. Wenn man kein Geld dafür hat, dann macht man so etwas nicht. Das Upgrade lief nicht am Schalter ab, sondern im Flugzeug. Einige Fluggäste wunderten sich, letztlich auch vom übertrieben Verhalten von Frau Wulff. "Seht her, ich kann mir das leisten". Ähnlich lief das mit der kostenlosen Gradrobe ab. Man kann das alles beliebig fortsetzen. Alte Bekannte sagen dazu nur, typisch Bettina. Eines der Gründe, weshalb frühere Beziehungen nicht lang gedauert haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie irren. Das Upgrade wurde vor dem Flug auf Initiative des Air Berlin Chefs verfügt, nicht während des Fluges. Erstaunlich, dass derart sachlich falsche Kommentare unbeanstandet veröffentlicht werden.

  3. Schade um die verlorene Zeit des Lesens. Der einzige wichtige Aspekt ist für mich, dass Christian Wulff wegen der finanziellen Ungereimtheiten jetzt eigentlich eine neue TV-Fragestunde überstehen müsste, aber die Justiz uns das erspart.

    Und Upgrades? Jeder halbwegs versierte Computernutzer weiss, dass auf ein von Marketing-Tamtam ausgelöstes Upgrade oft ganz schnell das Downgrade folgt. Jedenfalls, wenn man noch selbstständig denken kann und für eine Handvoll Verbesserungen keine Unzahl Nachteile in Kauf nehmen will.

    Richtig übel wird die Sache natürlich -- auch das können viele IT-Fachleute bestätigen--, falls man (DAU!) kein Backup angelegt hat und das Upgrade so tiefgreifende Änderungen auf der Maschine implementiert hat, dass ein Bare-Metal-Setup nötig ist. Aber auch das ist ab einer bestimmten Anzahl Restriktionen der einzig empfehlenswerte Weg.

    Kai Hamann

  4. 7. Irrtum

    Sie irren. Das Upgrade wurde vor dem Flug auf Initiative des Air Berlin Chefs verfügt, nicht während des Fluges. Erstaunlich, dass derart sachlich falsche Kommentare unbeanstandet veröffentlicht werden.

    Antwort auf "Die nette Bettina"
    • mores
    • 07. Januar 2013 18:06 Uhr

    Dass Frau Dr. Merkel durch ihre Eigenmächtigkeit uns allen die "unendliche" Affäre Wulff mit ihren unerfreulichen Konsequenzen zugemutet hat bzw. zumutet, darf nicht vergessen werden!

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Christian Wulff
Service