Regenwald PodocarpusUnter den Wolken

Jeder Baum im Bergregenwald von Podocarpus ist ein kleines Universum. Der Nationalpark in Ecuador ist einer der artenreichsten Flecken der Erde. von Peter Korneffel

Auf Don Vicente Olmedo lastet eine große Hoffnung: »Wir kamen am frühen Morgen des 23. Juli an, vor Neugier berstend, den berühmten Botaniker zu sehen, der nicht eine einzige Pflanze kennt«, notiert Alexander von Humboldt 1802 in sein Tagebuch. Seit drei Jahren ist Humboldt mit einem Expeditionsteam in Süd- und Mittelamerika unterwegs. Die Wissenschaftler und ihre Träger erreichen das Städtchen Loja im Süden des heutigen Ecuador. Humboldt sucht nach Chinarindenbäumen, die hier heimisch sein sollen. Die Rinde liefert ein nicht nur in Amerika begehrtes Mittel gegen das Tropenfieber Malaria. Fünf Tage nach ihrer Ankunft erreichen die Reisenden südlich von Loja »das schöne Gebirge von Cajanuma«.

Der Bergrücken von Cajanuma bildet den Westrand eines extrem artenreichen Vegetationssystems. Die größtenteils unberührten tropischen Bergregenwälder gehören heute zu den am stärksten gefährdeten Ökosystemen unseres Planeten. Die Regierung Ecuadors erklärte die Gegend vor dreißig Jahren zum Podocarpus-Nationalpark, benannt nach der hier vorkommenden mächtigen Steineibe. Die Unesco erkannte den Wald von Podocarpus und sein Umland 2009 als 1,1 Millionen Hektar großes Biosphärenreservat Podocarpus-El Cóndor an.

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»Das ist ein absoluter Hotspot der Biodiversität«, sagt Jörg Zeilinger, Geoökologe und Koordinator auf der internationalen Forschungsstation am Nordrand des Nationalparks. Allein auf den bescheidenen elf Quadratkilometern der wissenschaftlichen Station, der Reserva Biológica San Francisco, haben Biologen mehr als 220 Vogelarten registriert – fast so viele, wie ganz Deutschland an Brutvogelarten zählt.

Die Vogelwelt der Station verteilt sich auf ein botanisches Megasystem von bislang gezählten 2.200 Pflanzenarten, darunter 280 Bäume. Reicher an Arten ist nur noch der Malaiische Archipel von Indonesien. »Doch unsere Forscher entdecken laufend neue Arten«, sagt Zeilinger. »Jeder Baum hier ist ein eigenes kleines Universum.«

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Klicken Sie auf das Bild für eine Karte des Podocarpus-Nationalparks in Ecuador.

Klicken Sie auf das Bild für eine Karte des Podocarpus-Nationalparks in Ecuador.  |  © ZEIT-Grafik

Gegenüber Tieflandregenwäldern wie dem Amazonasbecken ändert sich die Vegetation ab etwa 1.000 Höhenmetern merklich. Hier beginnt der Bergregenwald: Die Bäume sind weniger hoch, ihre Blätter kleiner. Im Gebirge entwickeln die immergrünen Bäume ein stärkeres Wurzelwerk, um Nährstoffe besser aufnehmen und den starken Winden trotzen zu können. Im Geäst siedeln sich Aufsitzerpflanzen an.

In Höhen über 2.700 Metern übersteigt die jährliche Regenmenge hier jene in deutschen Wäldern um das Zehnfache. Mit der Wolkenbildung verringert sich die direkte Lichteinstrahlung auf die Pflanzen. Ökologische Nischen entstehen, eigene Arten. Erdrutsche an steilen Hängen schaffen Entwicklungsterrain für Spezialisten und Pioniere der Pflanzen- und Tierwelt.

Die kalifornische Stiftung Nature and Culture International kam in den neunziger Jahren auf die Idee, in der Randzone des Podocarpus-Nationalparks gut tausend Hektar Bergland zu kaufen. In einer Höhe von 1.850 Metern errichteten die Nordamerikaner 1997 die Forschungsstation Estación Científica San Francisco. Sie bietet heute bis zu 35 Doktoranden, Studenten und Praktikanten Unterkunft, Büros und Laborräume. Seit ihrer Gründung wird die Station hauptsächlich von einem Verbund deutscher Forscher genutzt, finanziert durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Steigt man von diesem Basecamp auf und folgt hinter dem rauschenden Rio San Francisco einem steilen Pfad, gelangt man durch dichte sattgrüne Vegetation. Forscher haben die Bäume mit Aluminiummanschetten umwickelt. Drucksensible Federn messen das Dickenwachstum der Stämme. Bei 2.000 Höhenmetern trifft man auf eine der vielen Klimamessstationen. Hier registrieren Wissenschaftler der Universität Erlangen, der Philipps-Universität Marburg und der TU München Niederschläge, Luft- und Bodentemperatur, Windgeschwindigkeit und Sonneneinstrahlung. Entlang eines alten Kanals gelangt man zum Sammelbecken eines kleinen Wasserkraftwerks.

Hier steht Juliane Menz am Ufer des einmündenden Flusses und untersucht die Wassertrübung. Die Gießener Masterstudentin im Fachbereich Umweltmanagement führt chemische Analysen an acht Gebirgsflüssen durch. »In meiner Arbeit geht es um Wasser- und Nährstoffhaushalte«, erzählt sie. Sie vergleicht dabei die naturbelassenen Einzugsgebiete mit landwirtschaftlich genutzten. Welchen Einfluss hat das Vordringen des Menschen auf das Ökosystem?

Leserkommentare
  1. Die grüne Lunge unsers Erdballs sichert auch unser Dasein und wenn hier Raubabholzen und andere Arten des Waldverschwindens betrieben wird, dann geht uns wohl in den nächsten Generationen irgendwann der Sauerstoff aus bzw. wird nicht mehr gefiltert, was auch eine Funktion des Regenwaldes ist.

    Wir brauchen und hier scheinen die vielen Projekte, die gerade große Unternehmen immer wieder starten wohl nur einen Tropfen auf einen heissen Stein aber das wir sollten hier immer wieder darauf einwirken.

    Das ökologische System unsere Erde hängt vor allem am Regenwald und wir bringen es sehr ins Wanken und die Klimaerwärmung schreitet fort....

    PS. Wie steht es denn mit unseren Weihnachtsbäume dieses Jahr, Tanne, Fichte oder co....??

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  • Schlagworte Ecuador | Regenwald | Biodiversität | Artenvielfalt | Umweltschutz
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