SteuerfluchtBloß weg hier

Die Angst vor der Euro-Krise treibt Steuerflüchtlinge in ferne Länder. von , Christina Kyriasoglou und Niklas Wirminghaus

Bankenviertel in Hong Kong

Bankenviertel in Hong Kong  |  © Mike Clarke/AFP/Getty Images

Da muss schon etwas Einschneidendes passiert sein, wenn Hans-Lothar Merten so leise Töne anschlägt. Der Bankkaufmann und Autor veröffentlicht seit Jahren einen beliebten Ratgeber für die Geldanlage in Steueroasen. Früher kamen seine Bücher ganz kämpferisch daher, etwa als Handbuch für flexible Steuerzahler betitelt, und voller »attraktiver Auswege« aus der deutschen Steuerhölle. Bei der frisch erschienenen 18. Version aber reiben sich Merten-Kenner die Augen: Neue Einblicke in die Offshore-Welt, steht auf der Titelseite, und weiter: Zurück in die Steuerehrlichkeit? Leser, die das Werk aufschlagen, werden freilich auch diesmal ihren Helden wiedererkennen. »Die westlichen Staaten bekommen ihre Finanzen nicht in den Griff«, poltert Merten zu Beginn des Buches und prangert an: »Nun sollen die Reichen zahlen.«

Das mag zugespitzt sein, aber nicht falsch. Seit die Krise die Staatshaushalte getroffen hat, debattieren Regierungen in ganz Europa über zusätzliche Steuern auf Kapitalbesitz und Erbschaften (ZEIT Nr. 34/12). Und in den Steuerverwaltungen hat das Stopfen von Schlupflöchern Priorität. »Zwischen 2002 und 2008 war in der Bekämpfung der internationalen Steuerflucht kaum etwas passiert«, gibt Pascal Saint-Amans zu, Chef der Anti-Steuerfluchtabteilung der OECD. »Seither aber hat es einen dramatischen Wandel gegeben.«

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Tatsächlich scheint die Jagd auf Steuersünder in vollem Gange. So zählt Saint-Amans seit Ausbruch der Krise 800 neue Doppelbesteuerungsabkommen. Viele Länder haben sich verpflichtet, fremden Steuerbehörden Auskunft über Anleger zu erteilen. Gerade ist eine Phase angelaufen, in der die OECD überprüft, ob solche Informationen wirklich erteilt werden. Mit 13 Ländern, heißt es, sei man unzufrieden, und man werde mehr Druck ausüben.

Auch die Steuerfahnder sind aggressiver geworden. Der deutsche Zoll verschärft die Grenzkontrollen; die Finanzämter erbitten mehrere Hundert Kontenabrufe pro Tag. Es gibt neue Auskunftspflichten bei Banken und aufschlussreiche Datenabgleiche, etwa bei Reisebüros, die Luxusreisen verkaufen. Man nutzt das Gesetz zur Bekämpfung schädlicher Steuerpraktiken und von Steuerhinterziehung, die verschärften Geldwäschegesetze, und den Ankauf von Daten-CDs. »Es muss heute deutlich mehr Grips aufgewendet werden, um Steuern zu vermeiden«, sagt Manfred Lehmann, Vorsitzender der Steuergewerkschaft in Nordrhein-Westfalen, der Interessenvertretung für das Personal der Finanzverwaltungen.

Das Geschäft in Steueroasen scheint nicht beeinträchtigt zu werden

Doch es gibt kaum Anzeichen, dass die Hatz nachhaltig Eindruck macht. Das Geschäft in Steueroasen scheint nicht sonderlich zu leiden, im Gegenteil. Je nach Schätzung halten Reiche aus aller Welt 9 bis 14 Billionen Dollar Vermögen offshore, davon etwa ein Viertel als Bankeinlagen, den Rest als Wertpapiere und sonstige Anlagen. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass etwa acht Prozent der privaten Kapitalanlagen weltweit in Steueroasen lagern. Alles sehr grobe Werte, erhoben von Banken, Unternehmensberatungen und Nichtregierungsorganisationen. Doch keiner geht davon aus, dass die Offshore-Vermögen neuerdings schrumpfen.

Die Ökonomen Niels Johannesen von der Universität Kopenhagen und Gabriel Zucman von der École d’économie de Paris untersuchten Anfang des Jahres in einer Studie, wie sich die Anti-Steuerflucht-Aktionen auf die Bankguthaben in Steueroasen auswirkten. Ernüchterndes Ergebnis: zwischen 2007 und 2011 quasi gar nicht.

Was sich wandelte, waren die Lagerorte für das viele Geld. Traditionelle Steueroasen wie die Schweiz und Luxemburg verloren an Attraktivität, dafür floss das Geld an andere Orte, etwa nach Singapur, Hongkong oder auf die Cayman Islands. Die »größte koordinierte Aktion gegen Steuervermeidung, die die Welt je erlebt hat«, habe nach Ansicht der beiden Wissenschaftler dazu geführt, dass Steuerflüchtlinge nun nach Oasen suchten, die mit ihren Herkunftsländern noch kein Abkommen abgeschlossen hätten. Oder dorthin gingen, wo die »kreative« Auslegung der Regeln Schlupflöcher lasse.

Leserkommentare
  1. "Die westlichen Staaten bekommen ihre Finanzen nicht in den Griff«, poltert Merten zu Beginn des Buches und prangert an: »Nun sollen die Reichen zahlen.«"

    Die westlichen Staaten bekommen ihre Finanzen nicht in den Griff, weil (nicht alleine aber ebnen auch) die Reichen ihre Steuern nicht bezahlen.

    Ich darf hier (zum wiederholten male) darauf hinweisen, dass die westlichen Staaten wohl mehr als 1000 Millarden Euro in das globale Finanzstystem gepumpt haben, um den Kollaps zu vermeiden und damit auch den Vermögenden ihre Anlagen gerettet haben.

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    hin. Diese Effizienz gilt es immer wieder zu hinterfragen und zu beweisen. Erst dann ist dem Staat Geld anzuvertrauen.
    Eine hohe Staatsquote, wie in Deutschland führt zwangsläufig zum Untergang. Dies zeigt nicht nur Griechenland sondern auch der gezielte Blick in die Geschichte.
    Hoch bezahlte Beamte mit Arbeitsplatzgarantie und überzogenen Gehalt und Pensionen, formieren sich natürlich in speziellen PArteien.(z.B. Lehrer) Hängt man vom Staat ab, liegt es nahe , sich hohe Staatseinnahmen zu wünschen.

    aller Zeiten, Politiker sprechen jedoch von "leeren Kassen".

    Nicht zu vergessen die Umlage- und Gebührensysteme. Es ist schon wahr: Wir haben eher ein Ausgabenproblem als ein Einnahmenproblem.

    Und man lügt und schönfärbt, dass sich die Balken biegen...

  2. hin. Diese Effizienz gilt es immer wieder zu hinterfragen und zu beweisen. Erst dann ist dem Staat Geld anzuvertrauen.
    Eine hohe Staatsquote, wie in Deutschland führt zwangsläufig zum Untergang. Dies zeigt nicht nur Griechenland sondern auch der gezielte Blick in die Geschichte.
    Hoch bezahlte Beamte mit Arbeitsplatzgarantie und überzogenen Gehalt und Pensionen, formieren sich natürlich in speziellen PArteien.(z.B. Lehrer) Hängt man vom Staat ab, liegt es nahe , sich hohe Staatseinnahmen zu wünschen.

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    Der Staat arbeit nach dem Prinzip der Bedarfsdeckung.
    Der private Unternehmer will Gewinn machen.

    Was ist wohl effizienter wenn ich im Schnitt auf 0 kommen will, also nur meine Kostendecken will oder wenn ich Kosten plus x Prozent Rendite sehen will?

    "Diese Effizienz gilt es immer wieder zu hinterfragen und zu beweisen. Erst dann ist dem Staat Geld anzuvertrauen."

    Hier schwingt, zusammen mit Ihrer Philippika auf die Beamten, ein großer Mythos mit:

    Menschen im Staatsidenst können nicht mit Geld umgehen - Menschen in der Privatwirtschaft ist das quasi in die Wiege gelegt.

    Beispiele werden zuhauf erzählt - die schlechten immer aus dem Staatshaushalt, die guten aus dem Privaten.

    Drehen wir es doch einmal um: Deutschland ist eine der führenden Industrienationen der Welt, hat eine Top-Infrastruktur, einen hohen Lebensstandart (die Kluft zwischen arm und reich sehe ich wohl, es würde aber dicke für alle reichen) und selbst unser Jammern findet auf höchstem Niveau statt. Und so ganz nebenbei wurde noch die Wiedervereinigung organisiert.

    Ist doch schon toll, was so unfähige nichtsleistende Beamte doch noch auf die Reihe kriegen, oder?

    Und im Privaten? Schauen Sie sich doch mal das Thyssen-Krupp Stahlwerk in Brasilien an. Oder das finnische Kernkraftwerk in Olkiluoto. Siemens ist mit seinen Offshore-Umspannwerken grandios im Verzug und selbst beim Berliner Flughafen wurde die Brandschutzanlage ja wohl nicht von Beamten konzipiert sondern von Ingenieuren.

    Und, um noch einmal auf meinen ersten Kommentar zurück zu kommen: Das globale Finanzsytem wurde nicht von Beamten, sondern von "Leistungsträger" der Privatwirtschaft an die Wand gefahren.

  3. Der Staat arbeit nach dem Prinzip der Bedarfsdeckung.
    Der private Unternehmer will Gewinn machen.

    Was ist wohl effizienter wenn ich im Schnitt auf 0 kommen will, also nur meine Kostendecken will oder wenn ich Kosten plus x Prozent Rendite sehen will?

    2 Leserempfehlungen
  4. Habe nie verstanden, weshalb die Leute ihr Geld in so dubiosen Gegenden verstecken. Warum nicht besser in einer vernünftigen Großbank in Kanada? Die kanadischen Banken gelten jetzt als die sichersten der Welt, weil sie sich niemals an den Zockereien der europäischen und US-Banken beteiligten. Sie sind auch absolut gesichert, weil Kanada sein eigenes Gold produziert. Was produzieren die Cayman Islands?

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    • genius1
    • 20. September 2012 20:51 Uhr

    http://www.focus.de/finan...

    Und dann wärs auch mal gut, unsere Entscheidungsträger in der Politik, in die Verantwortung zu nehmen. Negative Beispiel gibt es ja zuhauf!

    Richtige Steuerhinterziehung geht mit einer zweiten Firma in einem passendem Steuerparadies. Dort fallen die Gewinne an. Und das Dabei die dortigen Gewinne nicht zu hoch werden, sorgt eine dritte Firma. Ohne offizielle Verbindung zum ursprünglichen Firmeninhaber. Bargeld und Kreditkarte verringern auch die allgemeinen Lebenshaltungskosten.

    Wer in der Hinsicht Innovativ ist, findet genug Möglichkeiten. Viel Gefährlicher, besonders im Erbfall, sind dann diese Schwarzgeldkonten. Da können sich Abkommen ändern und noch so einige unangenehme Dinge passieren.

    Wer sein Geld Retten will, kann mich ja mal Fragen. Steuerehrlichkeit ist da allerdings Voraussetzung!

    Wenn Europa kippt, dann kippt die ganze Welt samt Steuerparadiesen! Meine Rettung funktioniert anders.

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    • genius1
    • 20. September 2012 20:58 Uhr

    http://www.br.de/themen/a...

    Wenn gleiches mit gleichem Verglichen wird, sieht es aber anders Aus! Und dann noch der Unterschied, Rente zu Pension.

    Bei Frau Merkel mögen sie ja recht haben!

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    • Gerry10
    • 20. September 2012 21:00 Uhr

    ...und damit die Vermögenden gerettet haben, seilen die sich so rasch es geht ab.
    Das sie ihr Geld garnicht mehr hätten, wenn es den europäischen Durchschnittsdeppen nicht gäbe scheint niemanden zu interessieren.
    Ich frage mich, vielleicht hat da jemand eine Info dazu, ob der freie Kapitalverkehr nicht doch mehr kostet als er letzten Endes bringt.

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    "Ich frage mich, ... ob der freie Kapitalverkehr nicht doch mehr kostet als er letzten Endes bringt."

    Nachdem die Kosten "unten" anfallen und die Erträge "oben" ist aus der Perspektive derer die "oben" sind, der freie Kapitalverkehr ein sehr gelungenes Konstrukt.

  5. , wäre dieses Gelübde ja mit Arbeitsplatzgarantie mehr als gerechtfertigt. Zugegebn, die meisten Beamten überarbeiten sich nicht ; insofern bräuchten sie nichts zu verdienen.,
    Ohne Leistung konstant mehr zu verdienen ist ein VErstoß gegen die Mär von Leistung. Erben sicherlch nicht

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    Antwort auf

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