Wandern mit AndrackAuf dem Vormarsch

Der Lechweg ist die erste Fernwanderroute mit europäischem Gütesiegel. Manuel Andrack hat ihn getestet. von Manuel Andrack

Wandern am Lech, wie hier bei Weißenbach, geht nun mit Gütesiegel.

Wandern am Lech, wie hier bei Weißenbach, geht nun mit Gütesiegel.  |  © TVB Naturparkregion Reutte

Sie ist ein Fest der europäischen Einheit, die kleine Rast unserer Wandertruppe. Zwei Schwaben, zwei Franzosen, ein Rheinländer, eine Dänin – und jeder steuert etwas bei: Die Schwaben haben Pflaumen aus dem heimischen Garten mitgebracht, »des koscht nix«. Der Elsässer Armand hat einen Crémant d’Alsace aus seinem Rucksack gezaubert. Ich habe Mozartkugeln besorgt, immerhin sind wir in Österreich; und Lis – Lis gibt jede Menge Anekdoten zum Besten.

Als Dänin hat sie einen herzerfrischenden Gitte-Haenning-Akzent mit sssarfem S. Lis war erst Lehrerin, dann Funktionärin des dänischen Ruderverbands, später Managerin der dänischen Baptisten-Jugendorganisation. Jetzt koordiniert sie das europäische Wanderwesen. Seit 2009 ist sie Präsidentin der Europäischen Wandervereinigung (EWV), der European Ramblers’ Association (ERA) und der Fédération Européenne de la Randonnée Pédestre (FERP). Das sind nicht drei Organisationen, das ist eine.

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Lis und ihr Vizepräsident Armand aus dem Elsass überprüfen den neuen Lechweg. Die 125 Kilometer lange Route von der Quelle beim Formarinsee bis zum Lechfall in Füssen wurde im Juni eröffnet. Sie ist die erste, die das neue Gütesiegel des EWV bekommen soll. Was Lis und Armand bei diesem Besuch kontrollieren, möchte man im Detail nicht wissen. Es muss eben geschaut werden, ob alles den strengen Qualitätskriterien entspricht. Vergleichbar ist das Ganze mit einem Besuch der Troika in Griechenland. Überhaupt passt unsere internationale Wanderdelegation auf diesem Weg durch zwei Länder sehr gut in die Zeiten der Euro-Krise: Die Frage ist doch, ob die europäischen Wanderer mehr aufeinander zugehen als die europäischen Politiker.

Morgens sind wir mit dem Bus zur Lechquelle gefahren, über abenteuerliche Almwege quälte sich das Fahrzeug auf 1793 Meter Höhe hinauf. Doch der Lech ist noch wech: Die Quelllöcher in der Wiese, aus denen von Juni an eigentlich Wasser sprudeln sollte, sind leer, das Bachbett auch; erst nach ein paar Hundert Metern sehen wir ein wenig Nass. Auch der Wanderpfad ist zu Beginn noch schmal und unscheinbar. Er führt durch hochalpines, felsiges Gelände, man muss genau aufpassen, wo man hintritt. Beinahe rutsche ich auf einer Eisplatte aus, und das im Sommer: Der Lechweg hat eine kurze Saison, nur von Anfang Juli bis Anfang September ist er ganz begehbar.

Sollte das Abzüge bei der EWV-Bewertung geben? Während der Rast ist man sich einig: Nein. Hochalpines Wandern ist nun mal ein saisonaler Sport. Bei Crémant, Pflaumen und Mozartkugeln fachsimpeln wir dann noch über die europäischen Wandervereine, die zum Beispiel für Wegemarkierungen zuständig sind. Egal, ob in Deutschland, Frankreich oder Dänemark, die Mitgliederzahlen gehen zurück. Einzig Norwegen scheint kaum von der europäischen Wandervereinskrise betroffen zu sein, jede vierte Familie ist dort Mitglied in einem Verband. Lis analysiert: »Im norwegischen Wandermagazin sehe ich junge Menschen und Familien in der Natur. Im Wandermagazin aus dem Sauerland sehe ich sechs alte Männer, die sich in einer Gaststätte Urkunden überreichen.«

Nach der Rast erreichen wir zügig die Baumgrenze. Gelber Enzian, blauer Eisenhut, Alpenrosen und Orchideen blühen am Wegesrand. Im Gehen frage ich Lis, wie viele Mitarbeiter sie hat. Sie ist fast eine Einzelkämpferin, nur in Prag hat sie eine hauptamtliche Assistentin; und ihr Vizepräsident Armand hilft, wo er kann. Von ihrem Arbeitszimmer in Hørsholm nördlich von Kopenhagen aus koordiniert Lis die nationalen Wanderverbände. Beinahe jedes europäische Land hat einen; und fast alle sind Mitglied in der EWV.

Und die Griechen, gehören die auch zur Union? Lis lacht. In Griechenland gebe es einen Wanderverband, die Kontaktaufnahme sei jedoch schwierig gewesen: »Ich habe viele Mails auf Englisch geschrieben, nie kam eine Antwort.« Erst als Lis ihre Anfrage mit einem Übersetzungsprogramm auf Griechisch verfasste, klappte die Kommunikation. Nun ist Hellas mit im Boot. Lis hat Griechenland eben nie aufgegeben.

Während wir laufen und plaudern, wird der Lech erst ein breiter Bach mit klarem Wasser, später bekommt er auch noch Farbe, ein immer satteres Türkis. Warum das so ist? Die einen sagen, da würde vom Fremdenverkehrsamt etwas Farbe zugekippt. Andere ziehen als Erklärung den herausgewaschenen Kalk des Gesteins heran. Wieder andere sagen, das Wasser sei mit durchschnittlich sechs Grad so kalt, dass sich keine Wasserflora bilde – daher der Ton.

Die Farbe verleiht dem Fluss jedenfalls eine mondäne Aura, und damit passt er hervorragend zu dem Ort, den wir 14 Kilometer nach der Quelle erreichen. In Lech am Arlberg gibt es 179 Hotels, 69 davon sind im Vier- und Fünf-Sterne-Segment angesiedelt, hier urlauben die Reichen und Schönen Europas. Die niederländische Königsfamilie ist regelmäßig im Hotel zur Post zu Gast. Und als wir beim Belohnungsbier in einer Gaststätte sitzen, sehen wir den EU-Kommissar Günther Oettinger mitsamt Hund auf der Straße zum Geldautomaten schlendern.

Am nächsten Morgen lassen wir den Lech drunten im Tal Fluss sein und wandern auf Halbhöhe, wie man so schön sagt. Aber das Wort gibt nicht die korrekten Größenverhältnisse wieder – es ist eher eine Sechzehntelhöhe, wenn man die Berge ringsum zum Maßstab nimmt. In einem Wald treffen wir auf ein Hindernis: Dutzende Kühe stehen in Doppelreihe auf dem schmalen Weg. Auf der Bergseite kommt man nicht vorbei, weil zwischen Fels und Kuh kein Platz bleibt. An der Hangseite könnte man es versuchen, Nachteil: Wenn eine Kuh den Kopf dreht, stürzt man ab. Zweite Handlungsoption: Den Cowboy heraushängen lassen und ab durch die Mitte. Wir entscheiden uns für die Westernvariante und haben Glück; gutmütig machen die Rindviecher ein paar Zentimeter Platz.

Auf dieser zweiten Etappe des Lechwegs geht es ganz schön rauf und runter. Dennoch ist der Pfad nicht mehr hochalpin wie gestern, sondern ein hübscher Weg durch die Berglandschaft. Auch Lis ist begeistert, und es ist keineswegs selbstverständlich, dass eine Dänin Spaß an den Alpen hat. Der Däne an sich hat es beim Wandern eigentlich gern nordisch: Er ist in Schweden, Norwegen, Nordfriesland und im Harz unterwegs. Und im eigenen Land – es gibt auch in Dänemark viele Weitwanderwege.

Wir wandern durch eine offene Landschaft mit vielen Wiesen, auf denen gerade Heu gemacht wird. Einige Hundert Meter über uns muss die deutsche Grenze sein. Man kann den Verlauf nicht exakt erkennen – so eine Staatsgrenze ist in der Natur leider nicht rot schraffiert wie auf der Landkarte.

Leserkommentare
  1. Und die Griechen, gehören die auch zur Union? Lis lacht.

    Selbst in Artikeln über Wanderwegen muß man hämische Bemerkungen über Griechen lesen. Man versucht, Parallele zu der EU und der Europäischen Wandervereinigung (EWV) zu ziehen und lässt meinen, dass die Griechen kein Englisch verstehen. Billig und ungerecht.

    Die homepage der griechischen Gebirgsvereins - Hellenic Federation of Mountaineering & Climbing (auch auf englisch)
    http://www.eooa.gr/?page_...

  2. Andracks Humor war schon immer very special.
    Aber den Hinweis auf die Griechen sollte man nun wirklich nicht auf die Goldwaage legen. Wir wissen doch alle aus dem GR-Urlaub, dass die Griechen nicht gerade als polyglott gelten, obwohl dieses Wort aus dem Griechischen stammt.
    Andrack hat Geschmack aufs Wandern gemacht. Ich freue mich schon auf seine nächste Tour mit “Gitte“ Lis-lis aus Dänemark.

    Lieber Andrack, das nächste Mal ruhiger noch dicker auftragen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Schmidteinander war mit dem unvergesslichen Herbert Feuerstein. Herr Andrack dagegen war der stets bemühte Sidekick Schmidts in irgendeiner Late Night Show. Mit diesem Artikel präsentiert er sich auf jeden Fall genauso dröge, wie damals im Fernsehen...

    Mit special Humor meint man wohl, sich über andere Leute lustig zu machen. Ist schon OK, ich mache mich auch öfters über Türken (blöd, gehören nicht hier, sprechen auch kein Englisch, geschweige denn Deutsch), Behinderte (Schäuble) und schlitzäugige (Rössler) lustig, und male gern der Angie ein Bärtchen mit dem Kuli an. Ihrer Meinung nach ist der deutsche Humor seinem Ruf nur gerecht, also dumm, grob und meist daneben.

    Es kommt darauf an, was für Griechen man im GR-Urlaub trift. Erwartet man von der Oma im Dorf oder vom Fischer fliessende Englischkentnisse, wird man wohl aufs gleiche Sprachniveau stößen wie bei Öttinger und Schäuble. Aber das sind ja auch die Leute,(ausser Kellnern und Taxifahrern), die die Deutschen im Urlaub treffen möchten. Griechen mit einem Hochschulabschluss werden strengst gemieden.

    http://www.youtube.com/wa...

  3. Schmidteinander war mit dem unvergesslichen Herbert Feuerstein. Herr Andrack dagegen war der stets bemühte Sidekick Schmidts in irgendeiner Late Night Show. Mit diesem Artikel präsentiert er sich auf jeden Fall genauso dröge, wie damals im Fernsehen...

    Antwort auf "Schmidteinander"
  4. ist eine gute Idee, werde ich in meine To-do-Liste aufnehmen.
    Immer wieder schön zu hören, dass Herr Andrack nach wie vor wandert und sich nicht, wie sein ehemaliger Chef, dem körperlichen Verfall preis gegeben hat. Ich habe mehr oder weniger dank ihm (davor war Wandern immer nur mit den Großeltern und der Trim-Dich-Bewegung verbunden) wandern für mich "entdeckt".
    Insofern: Weiter so und nicht unter kriegen lassen!

  5. Mit special Humor meint man wohl, sich über andere Leute lustig zu machen. Ist schon OK, ich mache mich auch öfters über Türken (blöd, gehören nicht hier, sprechen auch kein Englisch, geschweige denn Deutsch), Behinderte (Schäuble) und schlitzäugige (Rössler) lustig, und male gern der Angie ein Bärtchen mit dem Kuli an. Ihrer Meinung nach ist der deutsche Humor seinem Ruf nur gerecht, also dumm, grob und meist daneben.

    Es kommt darauf an, was für Griechen man im GR-Urlaub trift. Erwartet man von der Oma im Dorf oder vom Fischer fliessende Englischkentnisse, wird man wohl aufs gleiche Sprachniveau stößen wie bei Öttinger und Schäuble. Aber das sind ja auch die Leute,(ausser Kellnern und Taxifahrern), die die Deutschen im Urlaub treffen möchten. Griechen mit einem Hochschulabschluss werden strengst gemieden.

    http://www.youtube.com/wa...

    Antwort auf "Schmidteinander"
  6. Ja, Manuel Andrack macht Lust aufs Wandern! Ich erinnere gut einen kleinen feinen Artikel über eine Pfalztoru am Rande der Haard-Höhen, wunderbar!

    Kultig sind in jedem Fall dort die Palatina Walking Boys, die große Lust auf das langsame und menschenfreundliche Reisen zu Fuß machen. Meine intensivsten Reiseerinnerungen!

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