Es kommt nicht oft vor, dass der Schauspieler einer enthemmten Rolle noch dazu den öffentlichen Wunsch nach weiterer Enthemmung äußert, so wie Philip Seymour Hoffman auf der Pressekonferenz zu Paul Thomas Andersons Film The Master : »Ich stelle mir vor, wie ich nackt durch Venedig renne, esse und scheiße, wo ich will, und mit jedem, den ich sehe, Sex habe.«

Der nackt und zügellos über den Lido flitzende Hoffman mag eine seltsame Vorstellung sein, doch scheint sie nicht so fern, wenn man den Film The Master (Silberner Löwe für die beste Regie und Darstellerpreis ex aequo für Philip Seymour Hofmann und Joaquin Phoenix) gesehen hat, in dem Hoffman den Gründer der Scientology-Sekte spielt – einen Demagogen, der sich selbst erfindet, zwischen autoritärem Mystizismus, infantiler Regression und hippiehafter Selbstbefreiung. Und man könnte sich sogar vorstellen, dass man selbst eine Weile hinter diesem Volkstribunen mit dem Babygesicht herrennen würde, vielleicht nicht nackt, aber in jedem Fall fasziniert von einer Wildheit, die erst durch die Erfindung eines Sektengebildes in Schach gehalten werden kann.

Die Sehnsucht nach Entgrenzung und Enthemmung und ihre gnadenlose Sublimierung – sie durchdringt auch im besten Sinne den penetrantesten Film dieses von Religions- und Glaubensfragen geprägten Festivals: Ulrich Seidls Paradies: Glaube (Spezialpreis der Jury), der einer fanatischen Christin bei obsessiven Gebeten, Selbstkasteiungen und missionarischen Wohnungsbesuchen zusieht. Der Sektengründer und die Vielbeterin waren das schwarze Engelspaar der 69. Filmfestspiele von Venedig. Schwarz, weil die Rituale, Regeln, theologischen und esoterischen Dogmen dieser beiden Figuren etwas Beklemmendes haben. Engel, weil die Verletzlichkeit der beiden Menschenwesen, die sich dahinter verbirgt, in jedem Filmbild zu spüren ist.

Der Siegerfilm wirft einen gnadenlosen Blick aufs eigene Land, Südkorea

Immer wieder machte sich das Kino in Venedig auf, hinter religiösen Panzerungen, metaphorischen Mauern und autoritären Systemen das versehrte Subjekt aufzuspüren. Altmodischer: die verlorene Seele. Geradezu himmelschreiend verloren und versteckt ist sie in Pietà von Kim Ki-duk, der den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Löwen gewann. Der Koreaner Kim Ki-duk ist seit Jahren ein gefeierter Gast auf internationalen Festivals. Nach seiner in einen Dokumentarfilm verwandelten Schaffenskrise hat er nun den 18. Film gedreht, in dem wieder das großartige Paradox seines Kinos aufscheint: Auf unfassbar feine, ästhetisch ausgefeilte Weise die unfassbare Rohheit der koreanischen Gesellschaft sichtbar zu machen.

Pietà zeigt die brutalste Entgrenzung, aber auch ihre Sublimierung durch eine strenge, fast comichaft überzeichnete filmische Form. Die Handlung ist blanke Gewalt: Ein Schuldeneintreiber wandelt durch ein heruntergekommenes Handwerksviertel in Seoul und verstümmelt Menschen. Er bricht ihnen das Rückgrat, stößt sie von Rohbauten, schneidet ihnen Gliedmaßen ab, um die Versicherungssumme zu kassieren. Ein monströs stilisierter Krimineller in einem Thriller – denkt man, bis die angebliche Mutter des Killers auftaucht, die ihn als Kind verlassen hat. Die Frau mit dem glatten Gesicht und den leuchtend rot geschminkten Lippen wird den Tötungsroboter erweichen. Sie ist ein weiterer schwarzer Engel. Denn Pietà erzählt von der Sublimierung eines Schmerzes durch Rache. Und von einem Killer, der erst wieder Kind werden muss, um Schmerz zu empfinden.

Pietà verbindet das christliche Motiv der trauernden Mutter und die stilisierte Künstlichkeit eines asiatischen Genrefilms mit einem gnadenlosen Blick auf Korea. Natürlich werden bald all die kleinen Handwerksklitschen, die Spengler, Drechsler, Schmiede und ihre winzigen Geschäftswohnungen verschwinden. Und vielleicht ist Kim Ki-duks Killer auch der Vorbote einer Krise, die all jenen, die an den unteren Rändern der koreanischen Gesellschaft herumwerkeln, das Rückgrat bricht.

Kim Ki-duks Pietà ist zu einem der wichtigsten Filme des Jahres gekürt worden – von einer Jury, die von dem amerikanischen Regisseur Michael Mann (Heat , Ali) geleitet wurde und der unter anderem so unterschiedliche künstlerische Temperamente wie die Performancekünstlerin Marina Abramovic und die französische Starschauspielerin Laetitia Casta angehörten. Dennoch muss man – ganz unweinerlich – feststellen, dass das extreme und extrem kluge Kino dieses Regisseurs nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.