Griechenland : Fluchtpunkt Athen
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 Die Griechen sind sauer auf die türkischen Kollegen

Deshalb schiebt Deutschland beispielsweise Asylbewerber zurzeit nicht mehr nach Griechenland ab. Aber um nicht abgeschoben zu werden, müssen Flüchtlinge es auf eigene Faust erst einmal nach Deutschland schaffen. Hilfsorganisationen wie Pro Asyl reicht diese passive Haltung nicht. »Es wäre ein Akt der Menschlichkeit, besonders schutzbedürftige Menschen wie Familien mit Kindern oder Kinder, die allein unterwegs sind, nach humanitären Kriterien in andere EU-Staaten zu verteilen. Es wäre auch ein Zeichen der Solidarität mit Griechenland«, sagt Karl Kopp, Europareferent von Pro Asyl.

»Niemand ist ein Flüchtling. Sie lügen alle«

Die Flüchtlinge, die es lebend nach Griechenland schaffen, schlagen sich wie Fouad entweder auf eigene Faust in die Hauptstadt durch und tauchen dort unter – oder sie landen zunächst in der ersten Polizeistation der nördlichsten Gemeinde Orestiada, zehn Kilometer vom Dorf Nea Vyssa entfernt. Oft rufen die Besitzer einer der beiden Cafés am Bahnhof beim Polizeichef Georgios Salamangas an, wenn die Flüchtlinge nach ihrer Nachtwanderung im Dorf vorbeikommen und von selbst schon fragen: »Police?« Einige lassen sich erschöpft und ausgehungert abholen, andere laufen selbst nach Orestiada. »Am Anfang hatte ich noch mit jedem einzelnen Mitleid. Besonders mit den Kindern und Babys, völlig von Mücken zerstochen. Hin und wieder gab ich eine warme Milch aus«, sagt Café-Betreiberin Anastasia. »Aber jetzt haben wir uns an den Anblick gewöhnt. Was können wir schon tun?«

Polizeichef Georgios Salamangas empfängt in seinem Büro, er sitzt an seinem dunkelbraunen Schreibtisch, raucht eine Zigarette nach der anderen. Er hat keine Lust auf dieses Gespräch und versucht erst gar nicht, diesen Eindruck zu zerstreuen. Kein Wunder, er sieht jeden Tag Leid und Elend von Menschen, muss 80 Kilometer Fluss kontrollieren – ein belastender Job. »Wir haben ein enormes Problem«, sagt er. Rechts hinter ihm steht die griechische, links die europäische Flagge, auf dem Schreibtisch ein Wimpel der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die Griechenland dabei hilft, illegale Migranten aufzuhalten. An der Wand hängen Maria-Bilder. Herr Salamangas rattert seine Zahlen herunter: 2009 nahmen seine Teams 3500 Migranten fest, »das war noch kontrollierbar«; 2010 waren es 36000, vergangenes Jahr fiel die Zahl auf 28230. »Natürlich wissen wir, dass sie alle nach Athen oder Thessaloniki gehen, sobald wir sie freilassen.« Vor dem Auffanglager in Fylakio steht tatsächlich ein Bushäuschen, an dem ein Preisschild hängt. Athen: 70 Euro pro Person.

Freilassen – wohlgemerkt, Salamangas spricht nicht von Gefängnissen, sondern von den Auffanglagern, in die die Flüchtlinge gebracht werden. Auch Kinder werden wie Verbrecher erst einmal eingesperrt. NGOs und kirchliche Hilfsorganisationen wie das Ökumenische Flüchtlingsprogramm in Athen sagen, dass die Inhaftierten keinen Asylantrag stellen können, auch wenn sie wollten. Sie sagen, es gebe in Griechenland gar keine Flüchtlingspolitik, sondern nur eine Deportationspolitik. Das heißt, es geht nicht darum, ein europäisches Grundrecht umzusetzen, sondern um die Frage: Wie werden wir sie am schnellsten wieder los? Anwälte bekommen nur unregelmäßig und willkürlich Zutritt zu dem Lager. Sie sagen abwechselnd: Die EU muss Druck auf Griechenland machen – die EU muss Griechenland helfen. Und: Dublin II muss weg. Das übrigens sagen auch die meisten Politiker – rechts wie links. Hilfsorganisationen erheben Vorwürfe gegen die griechische Polizei. In einem Papier des Ökumenischen Flüchtlingsprogramms, das auch der EU-Kommission vorgelegt wurde, heißt es: »Wir machen aufmerksam auf die weitverbreitete Mentalität bei der griechischen Polizei, die besagt: Niemand ist ein Flüchtling, sie lügen alle. Solange die Polizei für den Asylprozess verantwortlich ist, wird es schwer sein, diese Mentalität zu überwinden.« Polizisten wählen mehrheitlich die rechtsextreme Goldene Morgenröte, wie man aus Wahlanalysen weiß.

Viele der Migranten wissen wenig über die griechische Krise, aber sie wissen: Sie kommen in eines der Auffanglager und werden nach einigen Stunden, Tagen, Wochen oder Monaten wieder freigelassen, die Lager sind einfach zu voll. Sie erhalten ein Stück Papier, auf dem ihr Foto zu sehen ist und das sie auf Griechisch auffordert, innerhalb von 30 Tagen das Land zu verlassen. Ein Freifahrtschein für den, der genug Geld für den nächsten Schlepper hat, für die Reise nach Nordeuropa.

Wer es einmal in die Türkei geschafft hat, für den ist der Rest ein Kinderspiel. Jeden Tag landen in Istanbul mehr als 100 Maschinen aus Afrika und Asien. In der Metropole findet sich schnell jemand, der gegen Geld den Rest der Reise über den Evros organisiert. Polizeichef Salamangas ärgert sich über seine türkischen Kollegen, mit denen er zusammenarbeitet. Können oder wollen die Türken nicht sehen, was auf ihrer Seite des Flusses passiert? »Fragen Sie nicht!« Wahrscheinlich setzt er deshalb lieber auf den Zaun, den die Regierung gerade bauen lässt – an der gesamten zwölf Kilometer langen Landgrenze entlang. Dieser Zaun kostet Millionen und wird trotz Krise gebaut, ohne EU-Gelder. Und obwohl die meisten Flüchtlinge über den Evros kommen, seitdem der Landweg mit griechischen und europäischen Patrouillen gut bewacht ist.

Wir fahren zum Zaun, er beginnt im Örtchen Kastanies. Hier macht der Evros einen Knick, die Landgrenze beginnt. Ein paar Meter weiter drüben langweilen sich türkische Soldaten auf einem Wachturm, hier griechische. Ringsherum nichts als Maisfelder. Die Soldaten sagen, der Zaun werde ihre Arbeit verbessern. Die Leute aus dem Dorf sagen, kein Zaun auf der Welt kann verzweifelte Menschen aufhalten. Noch steht er nicht, nur ein Fundament aus Beton ist gegossen.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Nicht nur Papier ..

@1, @4: Ihre Argumentationen verteidigen also die Festung Europa gegen das Leid der Menschen, die aus anderen Teilen der Welt kommen. Es gibt, wenn auch sehr stark zurecht gestutzt, noch ein Asylrecht in der Europäischen Union, das Menschen, die aus verschiedenen Gründen verfolgt werden, eben jenes Recht auf Zuflucht, Schutz, Asyl gewährt. Die "Grenzschutzpolitik" der EU, die verhindert, dass Menschen in die EU kommen, die zu dieser Gruppe von Flüchtlingen zählen, bewirkt auch, dass dieses Recht mehr oder weniger nur auf dem Papier besteht. Hier klaffen Realitäten auseinander, dh. Menschen, die de facto bedroht sind, Folter erlitten haben etc., schaffen es oft nicht, nach Europa zu kommen. Die europäische Flüchtlingspolitik geht auch in anderer Hinsicht an den Realitäten vorbei, nämlich Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufzunehmen, wie sehr gut bei dem Krieg in Libyen zu sehen war. Die Politik ist die einer möglichst effizienten Abwehr gegen Menschen, die aus Nicht-EU-Staaten kommen.