Zurück zur Polizeistation, etwa eine Stunde später. Der Platz vor dem Gebäude ist plötzlich voller Menschen, sie sitzen aufgereiht auf dem Boden. »Das ist hier jeden Tag so«, sagt ein Wachmann. Wo kommt ihr her? Afghanistan! Iran! Syrien! Menschen aus diesen Ländern haben in Europa Anspruch auf Schutz, es sind Kriegsgebiete. Wie geht es euch? »Jetzt, hier gut«, sagt einer. Die Verständigung auf Englisch ist schwer, die Menschen sind erschöpft, viele haben noch nasse Hosen und Schuhe. Sie habe nur das dabei, was sie am Körper tragen. Dennoch wirken sie erleichtert. Nach einigen Minuten kommt ein Bus vorgefahren, zwei Männer in dunkelblauen Cargohosen bedeuten den Wartenden, einzusteigen. Sie bringen sie zum nahe gelegenen Auffanglager Fylakio.

Von der Polizeistation sind es nur fünf Minuten zum Bahnhof von Orestiada. Dort trifft man auf Migranten, die schon das Papier haben, das sie innert 30 Tagen ausweist, und auf solche, die gerade angekommen sind und sich noch ein wenig im Schatten unter Bäumen ausruhen, bevor sie zur Polizeistation gehen wollen. Man trifft auch auf Migranten, die schon wieder weg wollen aus Griechenland.

Schlägerbanden machen Jagd auf Ausländer

Auf einer Bank vor dem Bahnhofsgebäude sitzt Issam, ein Palästinenser aus Jordanien. Er hat als Animateur in Ägypten gearbeitet, spricht gutes Englisch und wollte sein Glück in Europa suchen. Zwei Monate habe er in Athen auf der Straße gelebt. Arbeit habe er keine gefunden. Auch keine Hilfe, jeder habe ihm erzählt, er solle sich besonders vor der griechischen Polizei in Acht nehmen. »›Das sind alles Rassisten!‹, hieß es immer. Es gebe in Athen keinen Schutz für Migranten.« Immer häufiger habe er gehört, dass Schlägerbanden Jagd auf Ausländer machen würden. Schwarz gekleidete Männer, oft auf Motorrädern, die zu einer Partei namens Goldene Morgenröte gehörten. »Aber nicht alle Griechen waren so. Es gab auch Menschen, die halfen, trotz der Krise und der Unsicherheit«, sagt er und erzählt von einer Frau um die 60, die mit anderen Aktivisten mehrmals in der Woche nachts Essen an Migranten und Junkies verteilt. Sie habe Athená geheißen.

Auf dem Syntagma-Platz sehen die Menschen erleichtert aus

Der Fischer Abozeed Moubarak kam vor etwa acht Monaten von Alexandria an den Hafen von Piräus. Mit anderen ägyptischen Fischern, alle illegal in Griechenland, bewohnte er ein Haus in der Nähe des Hafens. Eines Nachts Mitte Juni stieg er auf das Dach, weil es ihm drinnen zu warm war. Er schlief ein. Ein Schlag ins Gesicht weckte ihn. »Ich sah nur, wie schwarz gekleidete Männer über die Dachtreppe ins Haus hinunterstiegen. Vielleicht waren es 20 Leute. Dann traf mich ein zweiter Schlag, und ich wurde ohnmächtig«, sagt der 35-Jährige. Sein Kiefer war gebrochen. Noch immer hat er Schmerzen. Er kann nur langsam sprechen. Sechs der Angreifer stehen nun vor Gericht, sie seien Mitglieder der Goldenen Morgenröte, sagt Moubarak. Sein Fall ging durch alle griechischen Medien. Vor Kurzem gab die Organisation Human Rights Watch (HRW) einen Bericht über Migranten in Griechenland heraus. Der Befund: Weder Polizei noch Justiz sind in der Lage, die Angriffe zu verhindern oder zu verfolgen. Die Polizei sei untätig oder entmutige Opfer, Anzeige zu erstatten. Es gibt Fälle, in denen die Polizei Geld für Anzeigen verlangt habe.

Jeder vierte Grieche ist arbeitslos, die Löhne werden gekürzt, die Steuern erhöht, Firmen gehen pleite. Viele Griechen stehen am Abgrund. Plötzlich finden sie sich neben Flüchtlingen in der Schlange der Suppenküche oder der kostenlosen Gesundheitsversorgung bei Doctors of the World wieder. Eine drohende Staatspleite trifft auf einen massiven Zustrom von Einwanderern, neue, ungewohnte Armut mitten in Europa auf mitgebrachte Armut.

Kostas Markopoulos, Fraktionsführer der populistischen Unabhängigen Griechen spricht von ein bis zwei Millionen Migranten in Griechenland, die genaue Zahl kennt keiner, von denen 75 Prozent illegal im Land seien. Die meisten, sagt er, lebten von der Kriminalität, verkauften Drogen. Die Berichte über Angriffe glaubt er nicht. »Wir haben keine Luft mehr zum Atmen«, sagt er. Europa sehe das Problem nicht. Wenn er könnte, würde er einen, nur einen Tag die Grenzen öffnen, damit die anderen europäischen Länder sehen, was los ist.

Das ist nichts gegen das, was die Mitglieder der Goldenen Morgenröte veranstalten. Man kann es dieser Tage auf dem Syntagma-Platz beobachten. Die Partei macht Armenspeisung – aber nur für echte Griechen. Mehrere Fernsehteams filmen die Szenerie. Der Platz ist gut gefüllt. Überall laufen schwarz gekleidete Männer herum, Frauen sitzen hinter den Tischen, begrüßen die Menschen. Sie tragen T-Shirts mit dem Parteizeichen, das aussieht wie ein von einem Erstklässler gemaltes Hakenkreuz. Man hört Sprüche wie »Hellas über alles«.

Die Morgenrötler haben zwei lange Tische aufgebaut, an jedem eine lange Schlange mit Wartenden. Am ersten zeigen die Menschen ihren Personalausweis vor, werden registriert, dann dürfen sie an den nächsten langen Tisch, wo sie Öl, Mehl, Milch und Wasser erhalten. Die Menschen sehen erleichtert und dankbar aus.