GriechenlandFluchtpunkt Athen

Europa hat sich abgeschottet. Doch am Fluss Evros in Griechenland klafft ein Loch in der europäischen Festungsmauer. Flüchtlinge strömen hindurch und kommen in ein Land, das selbst am Abgrund steht. von 

Illegale Migranten kurz vor dem griechischen Städtchen Nea Vyssa

Illegale Migranten kurz vor dem griechischen Städtchen Nea Vyssa hinter der türkischen Grenze  |  © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Nea Vyssa liegt etwa zehn Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, ein kleines Dorf, keine 2000 Einwohner, zwei Cafés, eine Tankstelle. Es erinnert an eine alte Western-Stadt, wo unter der sengenden Sonne das Einzige, was sich bewegt, ein vertrockneter Strauch ist, der über die Hauptstraße weht. Es ist das Ende von Europa im Osten. Kein Mensch würde sich für Nea Vyssa interessieren.

Wäre da nicht die Krise in Griechenland. Und wären da nicht die Flüchtlinge, für die dieser Landstrich der Anfang von Europa ist. Dort, glauben sie, gibt es Sicherheit, Freiheit und Arbeit.

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Es ist sieben Uhr in der Früh, als Fouad wach wird. Er hat die Nacht auf einer Bank am kleinen Bahnhof von Nea Vyssa verbracht. Läuft man die Gleise Richtung türkische Grenze, findet man rechts und links weggeworfene, noch feuchte Kleidungsstücke. Da mal eine Jeans, hier ein Schuh, da ein T-Shirt. Auf der Flucht will niemand unnötigen Ballast mitschleppen. »Ich habe meine Gruppe verloren«, sagt Fouad in einer Mischsprache aus Englisch, Französisch und Arabisch. Also hat er sich erst einmal schlafen gelegt. Er kommt aus Algerien, hat keine Tasche dabei, nur ein Portemonnaie, Zigaretten und ein Handy. Fouad ist 23 Jahre alt und sehr dünn. Er erzählt, dass er in Europa arbeiten wolle. Sein Freund warte auf ihn in Alexandroupolis, er arbeite dort hin und wieder für einen Griechen, für 20 Euro am Tag.

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Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Karte zu öffnen  |  © ZEIT-Grafik

In diesem kleinen griechischen Dorf kann man sich in eines der beiden Cafés gegenüber dem kleinen Bahnhof setzen und täglich beobachten, wie der Druck der Schuldenkrise eine weitere Krise verschärft: Die alten Dorfbewohner schlürfen in der Morgensonne ihren Eiskaffee und schauen dem vorbei ziehenden Strom der Migranten zu. Manchmal alleine, wenn sie sich unterwegs im Dunkel der Nacht verlieren, aber oft kommen sie in Gruppen. Es sind Hunderte, jeden Tag. Während ganz Europa darüber spricht, wie Griechenland wieder auf die Beine kommen kann, wo es sparen und Reformen einführen muss, hat das Land mit einem massiven Migrations- und Flüchtlingsstrom zu kämpfen. Rechtsextremisten nutzen die Situation aus: Mit der Krise und dem Druck der Migration steigt ihr Ansehen als »wahre Griechen« in der Bevölkerung. Bei den Parlamentswahlen am 17. Juni bekam die Partei Goldene Morgenröte sieben Prozent – derzeit hat sie in Umfragen mehr als doppelt so viel.

Griechenland bekommt auch die Folgen der »guten Arbeit« seiner europäischen Partner zu spüren. Spanien, Italien, Frankreich haben ihre Grenzen gut abgeschottet. An der griechisch-türkischen Grenze dagegen klafft ein Loch. Neun von zehn Flüchtlingen, die heute nach Europa kommen, überqueren in kleinen Schlauchbooten den Grenzfluss Evros. Es ist eine gefährliche Überfahrt. 2010 sollen 45 Menschen hier ertrunken sein.

Viele fliehen vor Krieg und Verfolgung. Andere suchen Arbeit, eine Perspektive im Leben. Sie alle wollen nach Athen, um entweder dort zu bleiben oder um Geld zu verdienen und dann weiter nach Italien, Frankreich, Deutschland oder Skandinavien zu ziehen.

Von Dublin II haben die meisten noch nie gehört. Nach dieser europäischen Bestimmung ist für Asylanträge von Flüchtlingen das Land in Europa zuständig, in das sie als Erstes einen Fuß setzen. Das ist zurzeit aber nur noch Griechenland, das Krisenland. Sie müssten eigentlich in Griechenland bleiben. Doch Griechenland kann sie weder aufnehmen, noch hat es ein funktionierendes Asylsystem, das hilft, herauszufinden, wer Flüchtling ist und wer nicht. Griechenland hat nie Anstrengungen zur Lösung dieses Problems unternommen. Jetzt, am Rande des Bankrotts, könnte es nicht, selbst wenn es wollte. Erst mit der Krise ist es aufgefallen: Der griechische Staat funktioniert nicht, treibt seine Steuern nicht ein, hat kein Katasteramt – und eben auch kein Asylsystem.

Leserkommentare
  1. Alle die die sich hier der "Nächstenliebe " und der "unbegrenzten Aufnahme" verschreiben sollten sich mal überlegen wo man diese Menschen hier in Deutschland erstmal unterbringen wird.

    Diese "Unterkünfte" werden nicht in die Stadtviertel der "Besserverdienen" errichtet, sondern in denen der "Abgehängten".

    Denn die erstere gruppe wird sofort Richtung Verwaltungsgericht rennen, um solch eine "Unterkunft" wieder los zu werden.

    Es ist ziemlich einfach "Großherzigkeit" zu fordern, wenn diese sich nicht im eigenen Umfeld abspielt.

    Sie die letzten Sendungen PANORAMA

  2. daß diese Menschen mit dem unbedingten Vorsatz hierherkommen " Wir machen den Westen durch unsere ständig steigende Zahl und Anwesenheit zu einenm sozialen Sprengsatz". Sie erreichen es aber. In unseren Großstädten steigt die Wohnungsnot, unsere Arbeitslosenzahl ( die echte ) steigt permanent, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit....und dann setzt man noch tausende Flüchtlinge, ob real verfolgt oder nicht, dazu, und das meistens in die sozialen Brennpunkte. Die fangen bei Null an, kriegen sofort Unterkunft gestellt und das gleiche Hartz IV wie jemand der hier 30 Jahre lang malocht hat. Diese Flüchtlinge sind vielleicht nicht schuld daran, wie es bei ihnen zu Hause aussieht...aber wir hier unten sind es auch nicht. Und auf unserem Rücken trägt man aus, was am Ende keiner gewinnen wird. In Griechenland gibt es die Goldene Morgenröte mit steigender Zustimmung...hier noch keine....noch.

    Antwort auf "Traurig"
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    Es sind einfach zwei unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem. Sie vertreten eher die volkswirtschaftliche, ich die soziale, zwischenmenschliche Sicht. Dabei haben wir beide Recht und auch wieder nicht.
    Tatsächlich können wir nicht alle Menschen auf der Erde denen es schlecht geht bei uns aufnehmen. Alle Hilfesuchenden direkt abzuweisen und sich denken "Problem gelöst" ist aber auch kein Ansatz.
    Solange uns die Probleme in Afrika beispielsweise nur peripher bis gar nicht interessieren, werden wir da auf keinen grünen Zweig kommen.
    Aber der Niebel wirds schon machen. *Ironie aus*

  3. Es sind einfach zwei unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem. Sie vertreten eher die volkswirtschaftliche, ich die soziale, zwischenmenschliche Sicht. Dabei haben wir beide Recht und auch wieder nicht.
    Tatsächlich können wir nicht alle Menschen auf der Erde denen es schlecht geht bei uns aufnehmen. Alle Hilfesuchenden direkt abzuweisen und sich denken "Problem gelöst" ist aber auch kein Ansatz.
    Solange uns die Probleme in Afrika beispielsweise nur peripher bis gar nicht interessieren, werden wir da auf keinen grünen Zweig kommen.
    Aber der Niebel wirds schon machen. *Ironie aus*

  4. Auch an @14 und @18 - Es geht teilweise gar nicht um Meinungen, sondern um Standards, die Menschenrechte und den Umgang mit Flüchtlingen betreffen. Hier gibt es international geltendes Recht als Norm. Und @14 ignoriert komplett diese Rechtsgrundlagen. Es geht nicht um Arbeitsimmigration, sondern um Internationales Humanitäres Recht u.a. und um das deutsche bzw. europäische Asylrecht.

    Mein Eindruck ist, dass zu diesem Thema oft Kommentare geschrieben werden, ohne den geringsten Einblick in die Materie und Hintergründe. So trifft es z.B. auch nicht zu, dass Flüchtlinge, sofern sie nicht anerkannt sind, Wohnungen bekommen oder auch die gleichen Leistungen wie Hartz-IV-Empfänger. Ein jüngstes Urteil des Bundesverfassungsgericht fordert die Anhebung der Leistungen für Flüchtlinge, da das bisherige Niveau menschenunwürdig sei.

    Quellen/Hintergrund:
    http://www.taz.de/!97028/

    http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2012/07/456962/bundesverfas...

    http://www.taz.de/!98548/

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    • Bonnfan
    • 26. September 2012 0:38 Uhr

    ich sehe das ähnlich,nur bin ich der meinung das diese Flüchtlinge hierher kommen um zu arbeiten. Meiner meinung nach ist das Problem einfacher: In den deutschen städten sind soviele flüchtlinge untergetaucht das ich die dunkelziffer garnicht wissen will.Hilfsorganisationen sind dort auch nicht in form von büros vertretten und somit sind einige gezwungen auf der Strasse zu leben und kriminell zu weden

    • Bonnfan
    • 26. September 2012 0:38 Uhr

    ich sehe das ähnlich,nur bin ich der meinung das diese Flüchtlinge hierher kommen um zu arbeiten. Meiner meinung nach ist das Problem einfacher: In den deutschen städten sind soviele flüchtlinge untergetaucht das ich die dunkelziffer garnicht wissen will.Hilfsorganisationen sind dort auch nicht in form von büros vertretten und somit sind einige gezwungen auf der Strasse zu leben und kriminell zu weden

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