Giovanni di Lorenzo: Lieber Herr Schmidt , Sie haben gerade, man glaubt es kaum, eine zwölftägige Reise nach Singapur und China hinter sich. Wie haben Sie das überlebt?

Helmut Schmidt: Ich bin diesmal mit einem Arzt und einer Pflegerin gereist. Jeden Tag gab es eine Spritze gegen Thrombose.

di Lorenzo: Selbst Ihre Biografen verlieren langsam den Überblick, wie oft Sie schon in China waren: 15-mal, 16-mal?

Schmidt: Ich weiß es nicht, ich habe die Reisen nicht gezählt.

di Lorenzo: Jedenfalls ist China schon lange Ihr Lieblingsland!

Schmidt: Das mag so sein. 1975, vor 37 Jahren, war ich das erste Mal dort. Ich habe großen Respekt vor der 4000 Jahre alten chinesischen Zivilisation. Die ältesten chinesischen Schriftzeichen stammen etwa aus dem Jahre 2000 vor Jesus von Nazareth, sie wurden in Schildkrötenpanzer graviert. Was Philosophie und Literatur, Naturwissenschaft, Technik und Medizin anbelangt, waren die Chinesen den Europäern lange Zeit überlegen. Das änderte sich erst gegen Ende des europäischen Mittelalters.

di Lorenzo: Bei Ihrem ersten Besuch in China haben Sie Mao Zedong getroffen. War Ihnen das erste Gespräch mit ihm nicht unheimlich? Mao stand ja auch für schwere Verbrechen.

Schmidt: Ich war erst einmal neugierig auf den Mann und habe ihm das erste Wort überlassen.

di Lorenzo: Er begrüßte Sie mit dem Satz: "Sie sind ein Kantianer!"

Schmidt: Was nicht stimmte. Und er behauptete von sich selbst, ein Marxist zu sein, was auch nicht stimmte.

di Lorenzo: Sie hielten ihn für einen Konfuzianer.

Schmidt: Nein. Ich halte ihn für einen Mann sehr eigener Prägung. Er war ein Mensch, der in keine Schablone passte. Ein Marxist glaubt an das Industrieproletariat; Mao glaubte an das bäuerliche Proletariat auf dem Land. Er glaubte vor allem an die Revolution, daran, dass man dieses große, traditionsreiche Land schnell umfunktionieren könnte. Das fing an mit der Kampagne des "Großen Sprungs nach vorn" Ende der fünfziger Jahre. Da hat er sich sehr geirrt.

di Lorenzo: Auch deshalb habe ich eben von schweren Verbrechen gesprochen – der Große Sprung kostete zig Millionen Menschen das Leben .

Schmidt: Das Letztere stimmt; man muss dazu aber sagen, dass es Hungertote waren.