Gitarrist Mark Knopfler"Meine Musik läuft beim Sex und beim Sterben"

Der langjährige Dire-Straits-Gitarrist Mark Knopfler über seine Furcht vor dem Ruhm, seine Sorgen mit dem Geld und seine neue CD "Privateering" von Christoph Dallach

Mark Knopfler spielt lieber Gitarre, als Interviews zu führen. Für uns machte er eine Ausnahme.

Mark Knopfler spielt lieber Gitarre, als Interviews zu führen. Für uns machte er eine Ausnahme.  |  © Fabio Lovino

DIE ZEIT: Mr. Knopfler, Sie gewähren nur selten Interviews. Warum eigentlich?

Mark Knopfler: Weil ich in Ruhe gelassen werden will. Ich lebe unauffällig in London, warum sollte ich ohne Not auf mich aufmerksam machen? Es gibt nichts Kostbareres als die Privatsphäre. Mir sind alle Kollegen, die sich in Talk-Shows setzen, ein absolutes Rätsel. Mich werden Sie nie in so einer Sendung sehen. Nur meine Söhne akzeptieren meinen Widerwillen gegen Fernsehauftritte nicht. Die wollen immer, dass ich in einer Auto-Show namens Top Gear auftrete: »Dad! Dad! Dad! Du musst da mitmachen. Die Sendung ist so cool!« Nein, es ist nicht cool, Jungs!

ZEIT: Misstrauen Sie den Medien grundsätzlich?

Knopfler: Nein. Ich bin nur scheu! Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Presse oder Fernsehen. Ich verbringe daheim viel Zeit in der Horizontalen. Lese und schaue Fernsehen. Solange es keine Pop-Casting-Shows sind.

ZEIT: Bei Casting-Shows endet Ihre Toleranz?

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Knopfler: Selbstverständlich. Da hasse ich schon die Grundidee! Bei Casting-Shows werden Menschen so sehr erniedrigt, dass letztlich die Gesellschaft Schaden nimmt. Wie kann es ein Publikum für ein TV-Spektakel geben, das Menschen ihrer Würde beraubt? Was ist das für eine Gesellschaft, die so etwas Widerwärtiges zulässt?

ZEIT: Einige Ihrer Songs sind Klassiker des Genres. Werden die in Casting-Shows nicht auch mal von Nachwuchstalenten gesungen?

Knopfler: Das würden manche gerne. Ich bekomme regelmäßig Anfragen von Casting-Shows und verweigere jedes Mal die Erlaubnis, meine Musik dort zu nutzen. Ich möchte in keinster Weise mit so einem menschenverachtenden System in Verbindung gebracht werden.

Mark Knopfler

Selbst ein Dinosaurier wurde schon nach ihm benannt: Mark Knopfler, 1949 geboren, zählt zu den besten Gitarristen der Welt – und zu den erfolgreichsten. Allein das Album Brothers In Arms, das er mit der Gruppe Dire Straits einspielte, verkaufte sich über 30 Millionen Mal. Obwohl Knopfler der Erfolg stets unheimlich blieb und er bis heute zurückgezogen lebt, riss seine Karriere auch nach dem Ende der Band 1995 nicht ab. Sein neues Album Privateering (Doppel-CD bei Mercury/Universal) ist gerade erschienen. Im Herbst geht Knopfler in den USA auf Tournee, kommendes Frühjahr auch in Deutschland.

ZEIT: Ihre einstige Band Dire Straits zählt zu den erfolgreichsten der britischen Popgeschichte. Als Sänger und Songwriter waren Sie deren Mittelpunkt. Tun Sie sich schwer damit, berühmt zu sein?

Knopfler: Es bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig, als sich mit dem Ruhm zu arrangieren. Mir fiel das schon schwer, und es dauerte, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Meinem Erfolg habe ich aber auch ein traumhaftes Studio und eine spektakuläre Gitarrensammlung zu verdanken, die ich sonst nicht hätte bezahlen können. Ich bin ein skeptischer Mensch und kann immer noch nicht glauben, dass mir das jetzt dauerhaft gehört. Jedes Jahr frage ich meinen Steuerberater, ob ich mir Sorgen machen muss, und jedes Jahr sagt er, dass ich mir um Geld nie wieder Sorgen machen muss.

ZEIT: Sie haben mit Bob Dylan, Van Morrison, Eric Clapton und vielen anderen hochkarätigen Kollegen musiziert und gelten als einer der besten Gitarristen aller Zeiten. Trotzdem sind Sie eine Art Phantom geblieben. Ist es fair, zu behaupten, dass Sie dem Ruhm und dem ganz großen Erfolg immer so gut wie möglich aus dem Weg gingen?

Knopfler: Ich war immer um Unauffälligkeit bemüht. Wissen Sie, was mich bei Stadionkonzerten fast unsichtbar werden ließ? Mein Stirn-Schweißband! Das trug ich nur auf der Bühne, dem einzigen Ort, wo ich mich zeigen musste. Ich schwitzte enorm bei Konzerten, so sehr, dass mir der Schweiß in die Augen floss. Dieses Stirn-Schweißband war praktisch, auch weil es die Blicke auf sich zog; viele fanden es hässlich, manche interessant – jeder hatte eine Meinung dazu. Das Tollste aber war, dass ich ohne Schweißband, wenn die Show vorbei war, nicht mehr erkannt wurde – ich ging von der Bühne und wurde unsichtbar.

ZEIT: Ist man berühmt, wenn ein Dinosaurier nach einem benannt wird?

Knopfler: Vermutlich. Das habe ich einer Gruppe von Archäologen zu verdanken, die angeblich jedes Mal, wenn sie meine Musik spielten, etwas Spannendes ausbuddelten. Sie bedankten sich, indem sie ein Fossil nach mir benannten. Das passt, denn mein Ruhm ist ohnehin bizarr, meine Songs wurden in den Weltraum geschossen, in Nepal erkannte mich mal ein Taxifahrer und begann Brothers In Arms zu singen. Meine Musik läuft auf Hochzeiten und Beerdigungen, beim Sex und beim Sterben.

Mark Knopfler – Privateering


ZEIT:
Warum beschlossen Sie 1995 überraschend, das Kapitel Dire Straits zu beenden?

Knopfler: Mir war die Band einfach zu groß geworden. Ich tat mich schwer mit den Tourneen; viel zu viele Konzerte an viel zu großen Orten. Mich kostete das eine Ehe, und es war für mich mühsam, meine Liebe zur Musik wieder aufzufrischen. Ich realisierte ab einem gewissen Punkt, dass ich als Musiker nur weitermachen kann, wenn ich das Rampenlicht hinter mir lasse und zu einer gemäßigten Form von Realität zurückfinde. Meine Solokarriere verläuft sehr viel reduzierter und brachte mir den Spaß an der Musik zurück.

Leserkommentare
    • wilkem
    • 20. September 2012 10:25 Uhr

    Danke für das Interview.
    MK immer wieder mit Dire Straits zu vergleichen ist wenig sinnvoll, bedenkt man, dass er 1994 seine Solokarriere begann und seitdem zahlreiche und sehr erfolgreiche Alben komponierte, produzierte und verkaufte. Er hat sich und seine Musik derart verändert, was heute nicht mehr DS-Stil wäre und fast 20 Jahre zurückliegt. Deshalb ist Ihre Frage, ob sich seine neue CD mit Dire Straits Label besser verkaufen würde, gestatten, völlig daneben.

  1. Knopfler ist ganz klar ein ganz großer Virtuose auf der E-Gitarre, jedoch mit seinen Soloalben kann ich mich nicht anfreunden. Teilweise hören sie sich wie Jamsessions an, in denen mal drauflos gezupft wird. Einige Songs sind schon sehr gut, wie What it is, aber zu schnell kehrt er dann auf seinen Alben zum nuscheligen Einheitsbrei zurück, äußerst schade. Das neue Album öffnet sich wieder mehr und ist nicht so einseitig und ermüdend wie die Vorgänger. Der Blues machts eben auch, man kann ihm nicht entkommen als Gitarrist.

    • o_O
    • 20. September 2012 12:13 Uhr

    Danke für das Interview!

    Ich muss gestehen, bis vor ein paar Jahren war mir nicht bewusst, wer er ist. Dire Straits hätte ich nie im Leben mit ihm in Verbindung gebracht.

    Sehr sympathische Einstellung!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Völlig unabhängig von seiner Musik, die man je nach Geschmack eben mag, nicht mag, oder für belanglos hält - welch ein krasser Kontrast zu den sonstigen Pop-Stars und -Sternchen, mit ihrer medialen Präsenz, Exhibitionismus, Skandalen, Sex, Drogen, Alkohol!

    Wie kann es ein Publikum für ein TV-Spektakel geben, das Menschen ihrer Würde beraubt? Was ist das für eine Gesellschaft, die so etwas Widerwärtiges zulässt?

    .. und ..

    Ich bekomme regelmäßig Anfragen von Casting-Shows und verweigere jedes Mal die Erlaubnis, meine Musik dort zu nutzen. Ich möchte in keinster Weise mit so einem menschenverachtenden System in Verbindung gebracht werden.

    Geist und Konsequenz.
    Im aktuellen Zeitgeist zunehmend unbeliebte, mindestens aber unterbewertete Tugenden - und dann ausgerechnet noch bei einem Pop-Musiker.

    Auch die letzten Sätze im Interview, low profile und "Mensch" bleiben - sehr symphatisch.

    Anlass genug, bei Youtube nochmal in "Money for nothing" reinzuhören - und direkt wieder Gänsehaut zu bekommen, ganz wie vor vielen vielen Jahren beim ersten CD-Player auf der ersten, hart zusammengesparten Hifi-Anlage, die DDD-produzierte CD (nicht die zweite digitally remastered Auflage) genossen zu haben...

    Höchste Eisenbahn die Dire Straits und Knopfler-CDs zu entstauben und ins Auto zu packen. Und auch mal in das neue Album reinzuhören.

    Danke für diesen Artikel, ZEIT!

  2. Völlig unabhängig von seiner Musik, die man je nach Geschmack eben mag, nicht mag, oder für belanglos hält - welch ein krasser Kontrast zu den sonstigen Pop-Stars und -Sternchen, mit ihrer medialen Präsenz, Exhibitionismus, Skandalen, Sex, Drogen, Alkohol!

    Wie kann es ein Publikum für ein TV-Spektakel geben, das Menschen ihrer Würde beraubt? Was ist das für eine Gesellschaft, die so etwas Widerwärtiges zulässt?

    .. und ..

    Ich bekomme regelmäßig Anfragen von Casting-Shows und verweigere jedes Mal die Erlaubnis, meine Musik dort zu nutzen. Ich möchte in keinster Weise mit so einem menschenverachtenden System in Verbindung gebracht werden.

    Geist und Konsequenz.
    Im aktuellen Zeitgeist zunehmend unbeliebte, mindestens aber unterbewertete Tugenden - und dann ausgerechnet noch bei einem Pop-Musiker.

    Auch die letzten Sätze im Interview, low profile und "Mensch" bleiben - sehr symphatisch.

    Anlass genug, bei Youtube nochmal in "Money for nothing" reinzuhören - und direkt wieder Gänsehaut zu bekommen, ganz wie vor vielen vielen Jahren beim ersten CD-Player auf der ersten, hart zusammengesparten Hifi-Anlage, die DDD-produzierte CD (nicht die zweite digitally remastered Auflage) genossen zu haben...

    Höchste Eisenbahn die Dire Straits und Knopfler-CDs zu entstauben und ins Auto zu packen. Und auch mal in das neue Album reinzuhören.

    Danke für diesen Artikel, ZEIT!

    Antwort auf "Absolut sympathisch!"
  3. Und wenn die dann vor der Bühne stehen, die muskulösen Arme verteidigungsbereit über der Brust gekreuzt, und sich schließlich die Tränen aus dem Gesicht wischen, dann muss man wohl einen Nerv getroffen haben.

    Ich habe ihn in der Kölnarena gehört ... vor zwei Jahren. Das ist so, dieser Gitarrist rührt mit seinem Spiel die Seele auf.

    KH

  4. war nach zwei LPs beendent.
    Knopfler ist aber dennoch für mich einer der besten Gitarristen. Und zwar aus folgendem Grund: weil er eben nicht nur Gitarrist ist, sondern Songwriter – er ist in der Lage, einen Song zu bauen und kann den auch noch singen. Gut, nicht im Sinne eines Heldentenors. :-)

  5. http://www.youtube.com/wa...

    Gott und die E-Gitarre ...Genius..

  6. Einen guten Gitarristen erkennt man beim ersten Ton! Man denke etwa an Jimi Hendrix, Carlos Santana, John Lee Hooker, Brian May, Eric Clapton u.v.a. B.B.King erkennt man sogar, wenn er's bei diesem einen Ton bewenden läßt. Knopfler erkennt man auch sofort, und sein Ton berührt das Herz. Er hat seinerzeit auch der Strat wieder auf die Beine geholfen und ihr seinen eigenen, unverwechselbaren Sound aufgedrückt. Unter Gitarristen ist noch heute bei der Beurteilung einer Klampfe ein Kriterium, ob sie gut "knopflert", also in der Knopfler-typischen Stellung zwischen Hals- und mittlerem Pickup diesen schönen, näselnden Ton hinbekommt.
    Dieser Mann ist ein Denkmal!

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