Mark Knopfler spielt lieber Gitarre, als Interviews zu führen. Für uns machte er eine Ausnahme. © Fabio Lovino

DIE ZEIT: Mr. Knopfler, Sie gewähren nur selten Interviews. Warum eigentlich?

Mark Knopfler: Weil ich in Ruhe gelassen werden will. Ich lebe unauffällig in London, warum sollte ich ohne Not auf mich aufmerksam machen? Es gibt nichts Kostbareres als die Privatsphäre. Mir sind alle Kollegen, die sich in Talk-Shows setzen, ein absolutes Rätsel. Mich werden Sie nie in so einer Sendung sehen. Nur meine Söhne akzeptieren meinen Widerwillen gegen Fernsehauftritte nicht. Die wollen immer, dass ich in einer Auto-Show namens Top Gear auftrete: »Dad! Dad! Dad! Du musst da mitmachen. Die Sendung ist so cool!« Nein, es ist nicht cool, Jungs!

ZEIT: Misstrauen Sie den Medien grundsätzlich?

Knopfler: Nein. Ich bin nur scheu! Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Presse oder Fernsehen. Ich verbringe daheim viel Zeit in der Horizontalen. Lese und schaue Fernsehen. Solange es keine Pop-Casting-Shows sind.

ZEIT: Bei Casting-Shows endet Ihre Toleranz?

Knopfler: Selbstverständlich. Da hasse ich schon die Grundidee! Bei Casting-Shows werden Menschen so sehr erniedrigt, dass letztlich die Gesellschaft Schaden nimmt. Wie kann es ein Publikum für ein TV-Spektakel geben, das Menschen ihrer Würde beraubt? Was ist das für eine Gesellschaft, die so etwas Widerwärtiges zulässt?

ZEIT: Einige Ihrer Songs sind Klassiker des Genres. Werden die in Casting-Shows nicht auch mal von Nachwuchstalenten gesungen?

Knopfler: Das würden manche gerne. Ich bekomme regelmäßig Anfragen von Casting-Shows und verweigere jedes Mal die Erlaubnis, meine Musik dort zu nutzen. Ich möchte in keinster Weise mit so einem menschenverachtenden System in Verbindung gebracht werden.

ZEIT: Ihre einstige Band Dire Straits zählt zu den erfolgreichsten der britischen Popgeschichte. Als Sänger und Songwriter waren Sie deren Mittelpunkt. Tun Sie sich schwer damit, berühmt zu sein?

Knopfler: Es bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig, als sich mit dem Ruhm zu arrangieren. Mir fiel das schon schwer, und es dauerte, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Meinem Erfolg habe ich aber auch ein traumhaftes Studio und eine spektakuläre Gitarrensammlung zu verdanken, die ich sonst nicht hätte bezahlen können. Ich bin ein skeptischer Mensch und kann immer noch nicht glauben, dass mir das jetzt dauerhaft gehört. Jedes Jahr frage ich meinen Steuerberater, ob ich mir Sorgen machen muss, und jedes Jahr sagt er, dass ich mir um Geld nie wieder Sorgen machen muss.

ZEIT: Sie haben mit Bob Dylan, Van Morrison, Eric Clapton und vielen anderen hochkarätigen Kollegen musiziert und gelten als einer der besten Gitarristen aller Zeiten. Trotzdem sind Sie eine Art Phantom geblieben. Ist es fair, zu behaupten, dass Sie dem Ruhm und dem ganz großen Erfolg immer so gut wie möglich aus dem Weg gingen?

Knopfler: Ich war immer um Unauffälligkeit bemüht. Wissen Sie, was mich bei Stadionkonzerten fast unsichtbar werden ließ? Mein Stirn-Schweißband! Das trug ich nur auf der Bühne, dem einzigen Ort, wo ich mich zeigen musste. Ich schwitzte enorm bei Konzerten, so sehr, dass mir der Schweiß in die Augen floss. Dieses Stirn-Schweißband war praktisch, auch weil es die Blicke auf sich zog; viele fanden es hässlich, manche interessant – jeder hatte eine Meinung dazu. Das Tollste aber war, dass ich ohne Schweißband, wenn die Show vorbei war, nicht mehr erkannt wurde – ich ging von der Bühne und wurde unsichtbar.

ZEIT: Ist man berühmt, wenn ein Dinosaurier nach einem benannt wird?

Knopfler: Vermutlich. Das habe ich einer Gruppe von Archäologen zu verdanken, die angeblich jedes Mal, wenn sie meine Musik spielten, etwas Spannendes ausbuddelten. Sie bedankten sich, indem sie ein Fossil nach mir benannten. Das passt, denn mein Ruhm ist ohnehin bizarr, meine Songs wurden in den Weltraum geschossen, in Nepal erkannte mich mal ein Taxifahrer und begann Brothers In Arms zu singen. Meine Musik läuft auf Hochzeiten und Beerdigungen, beim Sex und beim Sterben.


ZEIT:
Warum beschlossen Sie 1995 überraschend, das Kapitel Dire Straits zu beenden?

Knopfler: Mir war die Band einfach zu groß geworden. Ich tat mich schwer mit den Tourneen; viel zu viele Konzerte an viel zu großen Orten. Mich kostete das eine Ehe, und es war für mich mühsam, meine Liebe zur Musik wieder aufzufrischen. Ich realisierte ab einem gewissen Punkt, dass ich als Musiker nur weitermachen kann, wenn ich das Rampenlicht hinter mir lasse und zu einer gemäßigten Form von Realität zurückfinde. Meine Solokarriere verläuft sehr viel reduzierter und brachte mir den Spaß an der Musik zurück.