Kammermusikfestival JerusalemAlles lebt

Jeder Ton ist Existenz: Das Kammermusikfestival in Jerusalem setzt Hoffnungszeichen in der Krise. von Volker Hagedorn

Der Harfenist Silvan Magdan bei einer Probe am Rand des Kammermusikfestivals Jerusalem

Der Harfenist Silvan Magdan bei einer Probe am Rand des Kammermusikfestivals Jerusalem  |  © Dan Porges

Wer ein Stück die König-David-Straße nach Süden geht und zur Künstlerkolonie abbiegt, Hanglage, kann in der Ferne die Mauer sehen, die Jerusalem von Bethlehem trennt, acht Meter hoch. Den ganzen Tag lang hat dort im Westjordanland die Geigenbauerin Julia Pasch, eine junge Deutsche, Instrumente repariert, weil es den Palästinensern am Nötigsten fehlt, jetzt sitzt sie westlich der Altstadt von Jerusalem unterm Glockenturm des YMCA und kann den Kontrast kaum fassen. Gerade hat hier ein aus Weltklassekünstlern bestehendes Ensemble Tschaikowskys Streicherserenade gespielt, warmer Abendwind zaust die Palmen, die Welt sieht aus, als wäre sie heil.

Natürlich weiß jeder, dass es nicht so ist, auch wenn seit dem letzten Bombenattentat in Jerusalem schon 18 Monate vergangen sind. Die Gasmasken werden stärker nachgefragt, weil man nicht weiß, ob und wann Israel den Iran angreifen wird, von dessen atomarer Aufrüstung es bedroht wird. Und welche chemischen Waffen hat Syrien? Dann sind da noch Hamas im Gazastreifen und Hisbollah im Libanon. Aber über so etwas reden nach dem Konzert eher die Angereisten, die sich beim Boarding in Berlin nach der Zeitungslektüre noch überlegt haben, ob es so eine tolle Idee ist, für ein Kammermusikfestival nach Jerusalem zu kommen. Einer ist dann doch lieber zu Hause geblieben.

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Die anderen kriegen hier gleich mal einen Schostakowitsch um die Ohren gehauen, e-Moll-Trio mit Elena Bashkirova am Flügel, dessen Witz in Wut umschlägt und dessen Schmerz hinter die Töne führt. Und Sergej Prokofjew. Er schrieb seine Sonate für Flöte und Klavier 1943, vor den deutschen Truppen nach Perm evakuiert, ein seltsam heiteres Stück, meist in der Geigenfassung gespielt. Zunächst scheint die Urversion für Flöte das Liebliche zu betonen. Doch Emmanuel Pahud und Ohad Ben-Ari, der Schweizer und der Israeli, zeigen, welche Kräfte an den Linien zerren, gegen welches Schwarz diese Heiterkeit behauptet wird. Jeder Ton ist Existenz und wird befragt, auch umkämpft.

Was Künstlern wie diesen auch anderswo gelingen kann, wird in Jerusalem tiefer gefordert, »man spielt hier anders«, meint die Pianistin und Festivalchefin Elena Bashkirova. Außer beim Kammermusikfest in Lockenhaus gibt es sonst kein Festival auf der Welt, bei dem Künstler, ganz gleich, wie prominent sie sind, komplett ohne Gage auftreten. »Wir bezahlen mit Hummus«, sagt Bashkirova lachend. Das ist allerdings nicht der entscheidende Unterschied zu Lockenhaus. Während der kleine burgenländische Ort in den Ausnahmezustand gerät, wenn die Musiker kommen, wird das zweiwöchige Treffen in Jerusalem, dem stadtgewordenen Ausnahmezustand, von den Bürgern als »centre of normality« erlebt und ersehnt.

»Wir müssen spielen, weil es das ist, was wir machen können«

So beschreibt es Yeheskell Beinisch, der das International Chamber Music Festival vor fünfzehn Jahren mitbegründete. Seitdem ist es kein Mal ausgefallen, nicht einmal 2002, als bei mehreren Bombenanschlägen viele Bürger starben und viele Musiker absagten, und auch nicht am 11. September 2001. Musik werde dann nicht weniger wichtig, sagt die Bratscherin Madeleine Carruzzo, »im Gegenteil. Man braucht geistige Nahrung«. Damals hat Emmanuel Pahud, der Flötist, erklärt: »Wir müssen spielen, weil es das ist, was wir machen können.« Nie ist der Saal so voll gewesen wie an jenem Abend. Freilich spielte man da noch in einem kleinen Theater, später ist das Festival umgezogen.

Auch wenn mit »Normalität« in Jerusalem eher unalltägliche Harmonie gemeint ist als der »graue Alltag«, den Deutsche mit diesem Begriff verbinden, ist sie keine Utopie, sie hat beim Festival sogar einen Ort. Die Kuppelkirche des YMCA, wie der ganze Komplex entworfen vom Architekten des Empire State Building und 1933 eröffnet unter der Ägide des britischen Hochkommissars in Palästina, ist mit Symbolen der drei monotheistischen Religionen verziert. Der Lüster über den 600 Plätzen zeigt Kreuz, Halbmond und Davidstern, und so naiv dieser Friedensappell anmuten mag, so lebendig wird er durch die sechzig Musiker, die verschiedensten Ländern und Konfessionen angehören.

Von den sechzehn Streichern, die Tschaikowskys Serenade auf den Pulten haben, kommen je drei aus Israel und Japan, je zwei aus Österreich und Russland, weitere aus Kroatien, Moldavien, Rumänien, den USA, Korea und der Türkei. Vormittags in der Probe haben sie das berühmte Stück erst mal nur technisch zusammengesetzt. Ein bisschen Intonation, ein bisschen Dynamik. Aufregend war das nicht, es ist ja nicht so, dass man einfach nur gute Leute versammeln muss, um sofort exzeptionelle Ergebnisse zu haben. Aber abends ist etwas mit ihnen passiert. Es ist, als erführen sie im Spiel, worüber sie sich einig sind. Alles lebt, überall ist Bewegung, Körper, Zauber, der Saal tobt.

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