Dorotheum WienDas Jahr war gut!

Kann der Auktionsmarkt der Krise weiter trotzen? Ein Gespräch mit Martin Böhm, dem Geschäftsführer des Dorotheums in Wien. von Tobias Timm

Giovanni Antonio Canal, gen. il Canaletto (1697-1768): "Blick auf New Horse Guards vom St. James's Park", London, Schätzwert € 2.000.000 - 3.000.000, Versteigerung am 17. Oktober 2012

Giovanni Antonio Canal, gen. il Canaletto (1697-1768): "Blick auf New Horse Guards vom St. James's Park", London, Schätzwert € 2.000.000 - 3.000.000, Versteigerung am 17. Oktober 2012  |  © Dorotheum

DIE ZEIT: Bei Ihnen haben gerade die ersten Auktionen der Herbstsaison stattgefunden. Wie wird sich der Auktionsmarkt im nächsten Halbjahr entwickeln?

Martin Böhm: Wir hatten am Anfang des Jahres die Befürchtung, dass es 2012 aufgrund der Finanzkrise schwierig wird. Aber das erste Halbjahr lief dann sehr gut, wir haben unsere Rekordumsatzzahlen aus dem ersten Halbjahr 2011 sogar noch leicht steigern können. Und für die Auktionen im Oktober haben wir wunderbare Kunstwerke, etwa eine sehr schöne London-Ansicht von Canaletto. Wir sind zuversichtlich. Wenn es nicht das beste Jahr in unserer Unternehmensgeschichte wird, dann wird es hoffentlich das zweitbeste.

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ZEIT: Im vergangenen Halbjahr klagten viele deutsche Auktionshäuser über einen Mangel an guten Einlieferungen. Halten die Sammler aufgrund der Euro-Krise ihre Kunstschätze zurück?

Böhm: Es ist sehr schwer, derzeit an gutes Material zu kommen. Aber das Dorotheum hat im vergangenen Jahrzehnt sein Netzwerk enorm ausgeweitet, wir haben überall auf der Welt Filialen und Experten. Wir sitzen in einem kleinen Land, sind aber vom Volumen her das größte Auktionshaus in Kontinentaleuropa. Weil es in Österreich sehr viel weniger Kunstsammler gibt, mussten wir schon immer internationaler agieren als die deutsche Konkurrenz. Deshalb übersetzen wir etwa unsere Kataloge in mehrere Sprachen.

ZEIT: Aus welchen Ländern kommen denn Ihre Einlieferer in der Regel?

Böhm: Aus Deutschland, Italien, Amerika, England, Frankreich. Etwa 80 Prozent der wichtigen Einlieferungen kommen aus dem Ausland. Und so verhält es sich bei den hochpreisigen Kunstwerken auch mit den Käufern, auch von denen stammen etwa 80 Prozent aus dem Ausland. Die meisten kommen aus Deutschland.

ZEIT: Bei Christie’s und Sotheby’s haben sich jüngst besonders solche Kunstwerke gut verkaufen können, die als »Ikonen der Kunstgeschichte« auf Dutzende Millionen Euro taxiert waren. Es gab eine Flucht in die besonders teure Kunst. Wie können da die Auktionshäuser, die keinen Schrei von Munch im Angebot haben, mithalten?

Martin Böhm leitet das Wiener Auktionshaus Dorotheum.

Martin Böhm leitet das Wiener Auktionshaus Dorotheum.  |  © R.R. Rumpler

Böhm: Der Kunstmarkt ist nicht nur eine Angelegenheit für Hedgefondsmanager und Milliardäre. Selbstverständlich interessiert sich die Öffentlichkeit stark für die Spitzenpreise, aber der Kunstmarkt für Werke im mittleren Preissegment ist riesig. Es gibt Hunderttausende von Menschen, die sich schöne Bilder kaufen. Und dieser mittlere Markt ist sehr stabil. Ein Problem gibt es nur mit der Kunst, die wirklich schlecht ist. Flach gemalte Heiligenbilder aus dem 18. Jahrhundert, schlechte Dekorationsmalerei – so etwas kann man heute kaum mehr verkaufen, in diesem Bereich sind die Preise ins Bodenlose gefallen.

ZEIT: Und welche Kunst wird unterschätzt?

Böhm: Die Kunst des 19. Jahrhunderts. Man kann in diesem Bereich museumswürdige Meisterwerke für ein paar Tausend Euro statt für Millionen kaufen.

Im Juni versteigerte das Auktionshaus diesen Porsche 911 Turbo 3.3 von 1979 Porsche, der einst Microsoft- Gründer Bill Gates gehörte.

Verkauft sich auch: Im Juni versteigerte das Auktionshaus diesen Porsche 911 Turbo 3.3 von 1979 Porsche, der einst Microsoft-Gründer Bill Gates gehörte.  |  © Dorotheum

ZEIT: Können Sie uns die Preise für die Kunst erklären? Warum kostet eine aufgeschlitzte Leinwand von Lucio Fontana doppelt so viel wie ein Brueghel-Gemälde?

Böhm: Das ist meist eine Frage von Angebot und Nachfrage, bei Lucio Fontana etwa gibt es einen ungeheuren Nachholbedarf bei Sammlern und Museen. Verstehen tut man die Preise aber nicht immer. Es gibt Künstler, die bei uns gotische Holzskulpturen ersteigern und dann erschüttert sind, dass die günstiger als ihre eigenen Papierarbeiten mit hoher Auflage sind. Die Preise sind aber generell gestiegen. Das liegt auch am allgemein gesteigerten Interesse an der Kunst, das man an den Besucherzahlen der Museen und den Verkaufszahlen von Kunstbüchern ablesen kann. Und Kunst ist für viele Menschen ein Statussymbol geworden. Ich finde es gut, dass die Leute sich heute eher für Bilder als für Autofelgen interessieren.

ZEIT: Bald will ein neues Internetauktionshaus Versteigerungen abhalten, es wirbt mit einem großen Expertennetzwerk. Werden Kunstauktionen irgendwann komplett ins Internet abwandern?

Böhm: Bisher sind alle Versuche gescheitert, hochpreisige Kunstauktionen ausschließlich im Internet zu veranstalten. Alle großen Häuser haben das ausprobiert, auch wir. Wir bieten alle Vorteile des Internets an, man kann unsere Kataloge online ansehen, kann dort Kaufaufträge abgeben. Das Internet ist als Informationsquelle und Kommunikationsinstrument ungeheuer wichtig, aber den Auktionssaal wird es nicht ersetzen. Auktionshäuser müssen eine reale Adresse und reale Gesichter haben, damit sie das Vertrauen von Käufern und Verkäufern gewinnen können. Und teure Kunstwerke müssen ausgestellt werden, sie müssen an einem Ort erlebbar sein.

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