Kohl-BiografieWie groß ist er?

Hans-Peter Schwarz, der Biograf Adenauers, hat sich nun dessen »Enkel« Helmut Kohl vorgenommen. von 

Hans-Peter Schwarz, den Zeithistoriker und Biografen Konrad Adenauers, musste es verlocken, ein Porträt des christdemokratischen Langzeitkanzlers zu zeichnen, der sich selbst schon früh einen »Enkel« des Alten aus Rhöndorf nannte. Unübersehbar bewundert er den Aufstieg des Machtmenschen Helmut Kohl aus den kleinen Verhältnissen in Ludwigshafen, dem »pfälzischen Chicago«, der zu den Kriegskindern gehörte und von den Traumata der jungen Jahre fortan geplagt worden sei. Ob Schwarz damit wirklich sagen will, das habe Kohls Denken und seine Politik fortan geprägt, steht auf einem anderen Blatt.

Vor Augen führt er jedenfalls einen Schüler und Studenten, für den die CDU sehr früh zur einzig wahren Staatspartei wurde und der in ewiger Kampfespose gegen die »Sozen« verharrte. Er inhalierte die junge Bundesrepublik, so wie er sie umgekehrt auch im Laufe von Jahrzehnten prägte. Von dieser Wechselwirkung handelt die Biografie zwangsläufig. Zumal die »Hamburger Medien«, auch die ZEIT, werden von Schwarz nach einem Grobraster, Freund oder Widersacher, rechts oder links, eingeordnet wie von Kohl selber. Es sei ihm rätselhaft, gesteht Schwarz, weshalb Kohl von den einen bis heute verdammt und von den anderen so verehrt werde. Wirklich? Auf die Frage, warum Kohl so viele und Angela Merkel so wenige Gegner habe, erwiderte bei der Buchpräsentation Bernhard Vogel: Sie sei »in erster Linie Bundeskanzlerin, in zweiter Linie Parteivorsitzende«, bei Kohl habe es sich gerade umgekehrt verhalten. Lachte und nannte sich einen »Freund« Kohls.

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Und doch geht es Schwarz – trotz des Bonus für den Parteimenschen und das »Urviech« – keineswegs um eine platte Hagiografie. Das fängt damit an, dass er ohne Schnörkel referiert, wie Kohl die letzten Kriegsmonate in einem Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend in Berchtesgaden erlebt, worauf dieser aber selber nicht gerne einging. Die Propaganda der NSDAP, so zitiert er ihn, habe auch nach 1945 »immer noch einen großen Einfluss« auf ihn gehabt. Kohls Vater stand keineswegs abseits. Gerade deshalb möchte man lernen, ob seine Jugendjahre sich auswirkten auf seine symbolische »Vergangenheitspolitik«, ob darin also auch sein demonstratives Beharren (Bitburg, »Gnade der späten Geburt«) gründete, die Welt müsse Deutschland endlich als demokratisch gereiftes, normales Land anerkennen. Schwarz scheint geradezu zu bedauern, dass Kohl die aus seiner Sicht aufgebauschte Kritik an seinem Umgang mit der Vergangenheit ernst nahm, ja sichtlich dazulernte.

Erfrischend geradeheraus fällt das Urteil über die Oppositionsjahre in Bonn aus – ein »selbstmörderisches« Projekt für einen »zuvor siegreichen Provinzpolitiker«. Für die erste Amtsperiode als Kanzler erhält Kohl nur das Prädikat »mittelmäßig«. Zugleich allerdings härteten ihn diese Erfahrungen auch ab. Kohl besann sich auf seine Wurzeln in der Provinz, ließ sich verspotten und sah sich irgendwann als Sieger über diejenigen, die ihn unterschätzten. So gesehen, war er das ja auch. Ein großer »Beweger«? Schwarz meint: Ja. Aber wo und was? Seinen jeweiligen Standort bezeichnete er beharrlich als die »Mitte«, auch wenn er sie nicht definierte. Ein konzeptioneller, gar ein »normativer« Politiker wurde aus ihm nicht.

Das Ambivalente an diesem scheinbar eindimensionalen Helmut Kohl hing nicht zuletzt damit zusammen, dass er lange solche »normativen« Köpfe an sich band. Damit nähert man sich aber der Pointe: Obwohl der Biograf sie einreiht unter die Kohl-Gegner – gerade dank der freimütigen Gespräche mit Zeitzeugen, insbesondere aber der differenzierten, klugen, ironischen Tagebuchaufzeichnungen von Weggefährten wie Walther Leisler Kiep und Kurt Biedenkopf, entsteht unter dem Strich ein weit vielschichtigeres Bild als in Kohls Erinnerungen selbst. Gewollt oder nicht, werden die zahlreichen einleuchtenden Kommentare und Notate samt vielen liberalen Kritikerstimmen, auf Augenhöhe ernst genommen, beinahe zum Leitmotiv, mehr als Kohls originäre Stimme. Es sind Kommentare der »Gegner«, denen Kohl zunehmend misstraute, wenn er sie nicht gar potentatenhaft verstieß. Weshalb Kohl die Differenzen zu klugen Mitstreitern wie Geißler, Weizsäcker, Biedenkopf nicht konstruktiv zu nutzen wusste, fragt Schwarz aber nicht. Er war groß, aber dazu nicht groß genug? Dem Biografen hingegen sind überlegte, liberale Stimmen hochwillkommen – das gibt seiner Biografie einen eigentümlichen Bruch und Reiz zugleich.

Leserkommentare
  1. der wichtigste Antreiber der EU - der Aussöhnung mit Frankreich und den europäischen Nachbarn. Dieser Verdienst kann ihm keiner streitig machen.

    In der deutschen Innenpolitik waren Kohl, seine CDU sowie die CSU und die FDP seit 1983 die Totengräber eines sozial gerechten Deutschlands und die Wegbereiter der kapitalismusgläubigen Neoliberalen, die zurzeit Deutschland, Europa und wohl bald darauf die ganze Welt in den finanziellen Ruin treiben.

    Man sollte Helmut Kohl in diesem Zusammenhang nicht verkennen.

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    Die deutsch-franzözische Aussöhung haben schon Adenauer und de Gaulle eingeleitet, da liegen Kohls Verdienste eher nicht. Totengräber des "sozial gerechten Staates" war Kohl dagegen kaum, sondern Schröder und Rot/Grün (Agenda 2010 usw.). Unter Kohl hatte die CDU noch Profil. Dieses Profil ist unter Merkel nicht mehr vorhanden.

    • EU fan
    • 24. September 2012 14:09 Uhr

    Antreiber und Gründungsvater der EUDSSR , der Umwandlung der DM mt Hilfe des Euro zur Lira, und der daraus resuliterenden Tranferunion. Das wird Ihm niemand mehr streitig machen können. Gegen die Wiedervereinigung konnte er sich nicht wehren, hat aber nicht verabsaeumt teuer zu bezahlen was es eigentlich geschenkt geben konnte!
    Auf sein Verhaeltnis zu Bimbes will ich nicht weiter eingehen....

  2. - beschlagnahmte nie die Renten der Bürger, um eines seiner Projekte zu finanzieren.
    - erzählte dem Bundestag nie, Russland würde der Wiedervereinigung nur zustimmen, wenn Bodenbesitz in Ostdeutschland an Großinvestoren verkauft würde, statt es lokal an den Mann (ggf. die früheren Besitzer) zu bringen.
    - behandelte die Finanzierung seiner Partei stets mit der gesetzlich gebotenen Transparenz.

    Ehrenwort!

    Zweifellos war Kohl Kanzler, als in Deutschland große Dinge passierten.
    Als Staatsmann hat jedoch keine Größe, für wen sein Ehrenwort Freunden gegenüber mehr zählt als die Gesetze des Staates, dem er dient.

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  3. Die großen Fehler, die unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls gemacht worden sind, zeigen sich im Nachhinein in aller Deutlichkeit.

    Drei Beispiele:

    Die ehemalige DDR ist zum Abwanderungsland geworden. Nach über 20 Jahren steht sieht wirtschaftlich immer noch auf dünnen Eis. Der "Solidaritätszuschlag", die Dauersteuer zur Sanierung der DDR, wird immer noch erhoben.

    Der EURO ist extrem leichtsinnig konstruiert. Und er ist kein der D-Mark vergleichbare sichere Währung.

    Die Missachtung von Recht und Gesetz - unserer Verfassung - ist zum Kavaliersdelikt verkommen. Die moralischen Konsequenzen aus der Uneinsichtigkeit und Straffreiheit des Bundeskanzlers auf das Rechtsbewußtsein sind nicht zu beschreiben.

    Für meine Wahlentscheidung ist nach wie vor wichtig, dass nur mit Hilfe der FDP die Kanzlerschaft Kohls möglich war. Ein fataler Fehler.

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  4. Ich schätze mal: 188 cm.

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  5. Die deutsch-franzözische Aussöhung haben schon Adenauer und de Gaulle eingeleitet, da liegen Kohls Verdienste eher nicht. Totengräber des "sozial gerechten Staates" war Kohl dagegen kaum, sondern Schröder und Rot/Grün (Agenda 2010 usw.). Unter Kohl hatte die CDU noch Profil. Dieses Profil ist unter Merkel nicht mehr vorhanden.

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  6. .... hat mit der CDU, der SPD und mit der FDP (Genscher) sowohl die deutsche Vereinigung als auch die Euro-Währungsunion vor die Wand gefahren und damit Deutschland in die schlimmsten Krisen seit nach dem 2. Weltkrieg gestürzt. Jeder halbwegs normal kluge Mensch hätte das besser gemacht. Diese Wahrheit gehört in die Geschichtsbücher. Die Geschichtslehrer sollten im Unterricht hierauf hinweisen. Oskar Lafontaine war der einzige, der vor der Verfahrensweise zur Vereinigung nach Kohlscher-Bimbes Manier gewarnt hat. Alle anderen haben zugestimmt und sich auf dem Balkon feiern lassen. Ähnlich ist es mit der Einführung der Währung Euro geschehen.

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  7. 7. Birne

    Ich mag keine korrupten Politiker, von welchen Schwarzgeldkonten hat er seine "Spendenmillionen"?

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    • umzu
    • 23. September 2012 20:28 Uhr

    wenn er zwischen Blüm und Lambsdorff stand (Abschiedsrede Herbert Wehner von Dieter Hildebrandt).

    Er war ein Aussitzer (Rentenreform), ein Weggefährten-Kannibale (Biedenkopf, Geißler, Schäuble, Töpfer, Blüm, uvm), ein Fettnäpfchen-Spürhund (Versöhnung über SS-Gräbern bei Bitburg), ein Meineid-Leistender (persönliches Ehrenwort geht vor Wohl für das Deutsche Volk) ein Beweismittelvernichter (Aktenschreddern im Bundeskanzleramt).

    Mithin niemand, mit dem man es gern zu tun hat und erst recht kein positives Vorbild im ethischen Sinne.

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    ist der Friedensnobelpreis, auf den man jedes Jahr wieder erneut zu spekulieren scheint.

    16 Jahre des Aussitzens werden als "CDU mit Profil" beschrieben und sogleich der Vergangenheit nachgetrauert. Derselben Vergangenheit, welche z.B. die Namen Schreiber und Schäuble gar seltsam vermengt und damit den derzeitigen Finanzminister beschreibt. Karrieretyp, Kohl war/ist auch einer.

    Und Kohls Devise? Nun, Frau Merkel hat sie perfektioniert, denn heikle Themen bindet die Presse nicht an ihren Namen, sondern an den von Unterstellten.

    "Eigentlich ganz gut", dass soll hängenbleiben, wobei genau das schon der Ära Kohl zur Laufzeit verhalf.

    Doch Deutschland braucht mehr als "eigentlich ganz gut" und schon gar keine Biographien, die Größe etablieren wollen, die durch das Handeln selbst nicht erlangt wurde.

    Ein Preis für Kohl? Unbezahlbar! Fragt sich nur in welchem Sinne.

    • dojon
    • 26. September 2012 13:53 Uhr

    Also mir ist jemand sympathischer, dem sein persönliches Ehrenwort mehr wert ist als ein Ehrenwort gegenüber einer letztende fiktiven Entität wie dem Deutschen Volk"

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