In Ungnade fiel bei Kohl sogar Hans-Dietrich Genscher, mit dessen Hilfe er ins Amt kam. Schwarz wird Genschers Rolle im Einheits- und Europäisierungsprozess so wenig gerecht wie Kohl. Häufig ertappt sich der Leser dafür aber beim »Aha!« über unerwartete Erkenntnisse. Der Zehn-Punkte-Plan als Roadmap zur Einheit Ende November 1989 geht demzufolge – eine Trouvaille! – in Wahrheit auf Rupert Scholz zurück. In die Hymnen auf den »Kanzler der Einheit« kann der Biograf, jedenfalls soweit es den Kohl bis zum Sommer 1989 betrifft, schlicht nicht einstimmen. Mit der Parole, Schmidts Raketenpolitik exekutieren zu wollen, kam Kohl 1982 ins Amt. Als Kanzler versuchte er jedoch sofort, den leidigen Stationierungsbeschluss mindestens hinauszuzögern.

Als leibhaftige Gestaltungsmacht sieht Schwarz den Einheitspolitiker Kohl, der Ende 1989 beherzt seine Chance nutzte, vor allem jedoch Kohl, den »Eurofighter«. Über alle Bedenken zwischen Bundesbank und Kurt Biedenkopf setzte Kohl sich hinweg. Beschleunigt hat er danach den Europäisierungsprozess auch wegen seines tiefen Misstrauens gegenüber Gorbatschow. Er fürchtete lange, der neue Kreml-Herr wolle den Westen auseinanderdividieren. In der Hinsicht war er, kurz gesagt, ziemlich blind.

Ach, Europa: Schwarz fürchtet, Adenauers Werk drohe zu scheitern wegen des Euro und der blinden Naivität, mit welcher Kohl seine »Vereinigten Staaten« bauen wollte. In der Spendenaffäre mag Kohl sich selber beschädigt haben, aber na ja – zur »tragischen Gestalt« könnte er aus Schwarz’ Sicht aus anderen Gründen werden, weil er nämlich Gutes gewollt und bewirkt hat in Europa, »aber leider im Übermaß und zu vertrauensvoll«. Welche Pointe der Geschichte: Wo Kohls Kritiker sich letztlich mit ihm aussöhnten, weil er in der Hauptsache – Europa – nicht versagte, verlassen ihn seine Bewunderer. Das wird nicht einfach mit der geplanten Kohl-Renaissance!

Der Fall Kohl: Es steckt viel alte Bundesrepublik in ihm drin, er war ihr letzter Kanzler – über 1989 hinaus, aber kein »Kanzler der Einheit«. Europa einsturzgefährdet – unter dem Strich führt das dazu, dass der Biograf ihm bei aller Sympathie den Titel des legitimen »Enkels« Adenauers verweigert. Kohl bleibt ein »Riese« für ihn, was viel, aber auch vieldeutig ist, und seine Biografie nennt er einen »Zwischenbericht«. Das allerdings stapelt tief, da sie eine wahre zeithistorische Fundgrube ist und die erste wirklich ernsthafte Annäherung an das Rätsel namens Helmut Kohl.