Gewaltbereitschaft verstört, besonders in einer Wohlstandsgesellschaft wie der Bundesrepublik. Das Unbehagen steigt, wenn religiöse Motive involviert sind, der Gedanke, für das Kreuz in den Krieg zu ziehen, ist uns längst abhandengekommen. Der Gipfel des Unverständnisses ist jedoch erreicht, wenn jemand sein Leben für eine Religion opfern will. Doch das ist die Realität in diesem Land: Junge Menschen nehmen den Islam an oder entdecken ihn neu und enden in den Bergen Waziristans, um sich für den Dschihad ausbilden zu lassen. Als Nährboden des Extremismus gilt der Salafismus, eine strenge Auslegung des Islams. Anfangs des Jahrhunderts gab es in Deutschland ein paar Hundert Salafisten, mittlerweile sind es einige Tausend. Nicht alle sind gewaltbereit, aber manche doch. Man nennt sie Dschihadisten. Wolf Schmidt, Redakteur für Innere Sicherheit bei der Tageszeitung , hat ein Buch über diese Menschen geschrieben. Sein Ausgangspunkt ist die Frage: Was hat sie radikalisiert? Schmidt versucht eine Antwort auf diese Fragen zu geben, indem er sich Einzelschicksale vornimmt. Er beschreibt den Werdegang junger Dschihadisten, spricht mit Verwandten und Freunden, zitiert aus Ermittlungsakten und geht zu Gerichtsverfahren. Der Stil ist unaufgeregt, was angesichts der Dramatik des Themas nicht selbstverständlich ist. Eine wirklich befriedigende Antwort hat aber auch Schmidt nicht. Dafür sind die Biografien der Personen zu unterschiedlich.

Manche Dschihadisten waren in ihrer Jugend Außenseiter und wurden gehänselt, andere liebten amerikanischen Sport, manche lebten von Hartz IV, als sie sich radikalisierten, andere standen in Lohn und Brot. Spricht Schmidt mit Freunden und Verwandten der Dschihadisten, so ist der Tenor ähnlich: Niemand habe die Anzeichen der Radikalisierung bemerkt. Das gilt zum Beispiel für Arid Uka, einen im Kosovo geborenen Muslim, der im März 2011 den ersten islamistisch motivierten Anschlag in Deutschland verübte, als er zwei amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen erschoss.

Extremismusforscher haben drei Phasen der Radikalisierungsprozesse ausgemacht: Am Anfang steht tiefer Unmut über Ungerechtigkeiten, seien sie persönlicher Art (Ausgrenzung) oder politischer Art (die Konflikte in Palästina oder Afghanistan). Dann folgt der Kontakt mit einer Ideologie, die Halt gibt. Der Salafismus unterscheidet klar zwischen gut und böse, er gibt seinen Anhängern das Gefühl, auf der Seite der Wahrheit zu stehen. Gruppendynamik kann weitere Radikalisierung bewirken: Man schaut sich gemeinsam Videos von Gräueltaten der »Ungläubigen« an und lauscht den Predigten von Dschihad-Ideologen. Beides bestärkt das dualistische Weltbild und fördert den Hass auf die »Feinde« des Islams. Ob sie jemals zur Tat schreiten, hängt ab von biografischen Zufällen. Letztlich, so schreibt Schmidt, sei der islamistische Terrorismus ein »Risiko unter vielen«, statistisch betrachtet noch nicht einmal das größte: Seit 1990 sind in Deutschland 150 Menschen durch rechtsextremistisch motivierte Gewalt gestorben, islamistische Attentäter haben bislang zwei Tote auf dem Gewissen.