LandwirtschaftGeld regiert das Feld

Was mit der LPG begann, nützt nun dem Kapitalismus: Immer mehr ostdeutsche Äcker gehören immer größeren Konzernen. Ein Mann nimmt den Kampf auf gegen eine Politik, die Bauern keine Chance gibt. von 

Der Schrecken trägt jetzt Früchte. Wie ein Bataillon steht der Mais an der Straße, die gesäte Bedrohung, drei Meter hoch. Mauern aus Pflanzen, ohne Anfang und Ende: Wer durch die Lommatzscher Pflege fährt, durch die "Kornkammer Sachsens " im September, der kann sich wie im Tunnel fühlen. Mais an Mais an Mais, in ewig dichten Reihen. Kein Himmel, kein Horizont, kein Licht am Ende des Feldes. Auch das ist Ostdeutschland, das Land der großen Mähdrescher, der unendlich weiten Äcker. Das Land, in dem keine Bauern mehr wohnen.

Auf seinem Grundstück nicht weit von Meißen wartet der Blumengärtner Michael Beleites, 47, Bugatti-Jeans und Leinenhemd. Was man in Sachsens Landschaften sieht, nennt er: "die völlige Vermaisung". Beleites hat winzige Äcker gepachtet in einem Dorf, dessen Name nicht in der Zeitung stehen soll. Er will, dass die Familie ihre Ruhe hat. Denn Michael Beleites, der immer samstags auf dem Markt Gartensträuße verkauft, der Dahlien und Sonnenblumen züchtet, "das ganze Sortiment der traditionellen Gartenblume" – dieser Mann nimmt es jetzt mit der Agrarpolitik auf.

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Beleites hat ein Buch geschrieben, es erscheint in der kommenden Woche. Es ist eine Schrift, die sich wie eine Anklage liest. Gegen Ostdeutschlands Agrarkultur mit ihren DDR-gemachten Strukturen. Fast nirgends, das ist die These von Beleites, setzt der Kapitalismus mit größerer Verve das fort, was die DDR dereinst begonnen hat. Der Sozialismus hat eine Landwirtschaft geschaffen, die kein Kapitalist sich schöner erträumen könnte. Großkonzerne graben Landstriche um. Was einmal Rote Bete waren, sind jetzt goldene Felder. Großkonzerne profitieren von Strukturen, die der SED-Staat mit Enteignungspolitik und Vergenossenschaftung schuf.

Das belegt Beleites’ Buch : dass ein Durchschnittsfeld in Hessen 1,3 Hektar groß ist; ein Durchschnittsfeld in Sachsen aber 17 Hektar. Dass ein durchschnittlicher Landwirtschaftsbetrieb Ost fünfmal größer ist als einer im Westen. Dass 70 Prozent der Ackerflächen des Ostens von Riesenbetrieben bewirtschaftet werden, aber nur zwei Prozent der Ackerflächen des Westens. Im Westen ist Massentierhaltung verbreitet, aber noch nicht die Regel – im Osten allerdings sehr: 90 Prozent der Viehzuchten hier sind welche von industriellem Charakter.

Das Böse ist an der Börse notiert, es wirbt für sich wie folgt: "Die Investition in den Sachwert Ackerland bietet nicht nur Schutz vor Inflation." Und: Ackerland "ist knapp und nicht vermehrbar, daher sind in den vergangenen Jahren die Preise je Hektar kontinuierlich gestiegen." Das ist die Werbung für die Aktie der Firma KTG Agrar, eines Landwirtschaftskonzerns, dem enorme Flächen im Osten gehören. Der Konzern kaufte im vergangenen Jahrzehnt eine einstige LPG nach der anderen. Die Firma "profitiert von nachhaltigen Markttrends".

Welche das sind? Dass Menschen essen müssen. Wie aber soll ein Blumengärtner kämpfen gegen Agrarkonzerne, die Land als Investitionsgut sehen? Wer solche Fragen stellt, der kennt Michael Beleites nicht, dieser Mann hat im Kämpfen Erfahrung. Die erste Idee, ein Buch zu schreiben über die Verheerungen der Landwirtschaft Ost – hatte er 1988. Das ist erwiesen, man kann es nachlesen in Beleites’ Stasi-Opferakte. Ins Visier der Staatssicherheit war er geraten als Autor einer Streitschrift wider die Uran-Sauerei des SED-Staats. Pechblende hieß das Werk. Beleites war Mitbegründer der DDR-Umweltbewegung, studierte Landwirtschaft und wurde Sachsens Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. 2010 schied er aus dem Amt. Seither arbeitet er im Gärtnerbetrieb seiner Frau. Beleites ist ein Intellektueller des Dorfs, Gelehrter des Ackerbaus. Bürgerrechtler auf dem Feld.

Für den Blumenanbau hat die Familie in ihrem Ort das einstige Pfarrhaus gepachtet, direkt neben der Kirche ist der Hof: Einen Pfarrer gibt es schon lange nicht mehr. Wie in vielen Orten der Region. Warum? "Weil’s kaum noch Bauern gibt", sagt Beleites. "Zwei Hektar Land zu bekommen, das ist im Osten fast nicht mehr möglich." Als seine Familie nach Höfen suchte, waren Dutzende im Angebot. "Aber keiner mit Acker. Die Felder, die zu den Höfen gehören, sind auf lange Jahre verpachtet an die Nachfolger der LPGs. Die Höfe sind von den Äckern amputiert." "Bodensperre" nennt Beleites in seiner Studie das Phänomen, dass Land einfach nicht zu bekommen ist. Das Problem ist, dass die Flächen in der DDR den LPGs zugeschlagen wurden: im Rahmen der Zwangskollektivierung, besonders Anfang der 1960er Jahre. Bauern, die in die Kolchose gingen, waren formal zwar noch Landbesitzer, hatten aber keine Verfügungsrechte mehr auf ihrem Grund und Boden. Die Struktur überstand die Wende: Wer Land besitzt, verpachtet es in aller Regel auch noch heute an die LPG-Nachfolger.

Und diese Betriebe haben keinen Grund, auf nur einen Hektar zu verzichten: 1992 führte die EU flächenbezogene Agrarsubventionen ein. Wer viel Land besitzt, bekommt viel Geld, jeder Hektar ist seither wertvoll. Wer als Bauer neu beginnen will, hat darum wenig Chancen. Wer Land will, muss eine LPG aufkaufen, mitsamt ihren Pachtverträgen.Siegfried Hofreiter kann sich das leisten. Man erreicht ihn übers Handy, er fährt gerade Auto, vermutlich durch seine Ländereien. Auf YouTube kann man Hofreiter sehen, wie er im Börsenfernsehen seinen Kurs kommentiert, er ist der Aktien-Landwirt: der Chef des Konzerns KTG. Ein Mann, der aus Bayern stammt, der aufwuchs in einer Bauernfamilie. Er hat mal ein Praktikum in den USA gemacht, da lernte er Riesenflächen schätzen.

Leserkommentare
  1. haben an der Entwicklung bzw. den Maisfeldern bis zum Horizont auch einen Anteil. Das sollte nicht unerwähnt bleiben, und dass derartige an sich regionsfremde Quasi-Monokulturen auf Dauer die Böden nachhaltig ruinieren auch nicht...

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