LiebeskolumneSie kann nicht von ihren Vorwürfen lassen

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Was, wenn sie ihre Vorwürfe nicht unter Kontrolle bekommt?

Die Frage: Ruth und Johannes haben sich während des Medizinstudiums kennengelernt. Jetzt ist Johannes auf dem Weg zum Oberarzt. Ruth kümmert sich um die zwei Kinder. Eines Tages bekommt sie einen anonymen Brief: Sie solle besser auf ihren Mann aufpassen, der habe ein Verhältnis. Johannes gesteht, da sei mal etwas gewesen, aber er habe die Sache beendet. Ruth möchte ihm verzeihen, er ist so schuldbewusst und macht viel mehr mit der Familie als früher. Warum nur vergeht kein Tag, an dem sie Johannes nicht mit den heftigsten Vorwürfen zusetzt und ihn mit deftigen Ausdrücken beschimpft? Sie kann sich danach selbst nicht mehr leiden und würde das gerne abstellen.

Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ruths psychische Situation war untergründig schon belastet, bevor der Seitensprung ans Licht kam: Sie hat auf ihre Karriere verzichtet, um Johannes den Rücken freizuhalten. Vorwürfe sind verdorbene Wünsche. Ruth und Johannes zahlen jetzt den Preis dafür, dass sie es sich beide mit der Entscheidung über die Verteilung von Karriere und Kinderarbeit zu leicht gemacht haben. Es geht bei den beiden nicht um Nachsicht mit einem sexuellen Fehltritt, sondern um die Revision eines Lebensplans. Johannes sollte nicht den reuigen Sünder spielen, sondern mit Ruth herausfinden, was sie tun kann, um ihr Selbstbewusstsein zurückzugewinnen.

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Wolfgang Schmidbauer

ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein aktuelles Buch Partnerschaft und Babykrise ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen

 
Leserkommentare
  1. Seit wann ist der von IHR gewählte Lebensweg (Familie, Kinder) Grund für SEIN Fremdgehen? So eine platte Ausrede für Untreue habe ich noch nie gehört. Frauen holen sich ihr Selbstbewußtsein nicht ausschließlich aus der Berufstätigkeit, dann sähe es um viele Frauen traurig aus. Wahrscheinlich verzichten Frauen mit Kinderwunsch zeitweise auf die Karriere, das muß und darf kein Knick sein. Ihre vorwurfsvolle Haltung resultiert aus dem Treuebruch - die Ehe muß besprochen werden, nicht die Frage der Karriereplanung.

    Eine Leserempfehlung
    • DMH
    • 02.10.2012 um 12:53 Uhr

    "Vorwürfe sind verdorbene Wünsche." ist, glaube ich, einer der besten Sätze, die ich je gelesen habe. Genial! Danke, Herr Schmidbauer. Viele Situationen erscheinen mir nun in einem völlig neuen Licht!

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