LufthansaGanz oben und weit unten

Niedriglöhner bei der Lufthansa: Wie ein Flugbegleiter über den Tarifstreit denkt, und was er vom Schlichter erwartet. von 

Während in Deutschland über Altersarmut und Zuschussrenten gestritten wird, ist der Niedriglöhner Patrick Helke auf dem Weg nach Peking. Er verteilt im Flugzeug Kissen und Decken an Geschäftsreisende, serviert das Abendessen und beruhigt ängstliche Passagiere, wenn es Turbulenzen gibt. Keine Sorge, sagt er dann mit seiner sonoren Stimme, es ist alles in Ordnung. Dabei ist in Helkes Welt, er ist Flugbegleiter bei der Lufthansa, keineswegs alles in Ordnung.

Am vergangenen Freitag stand der 24-Jährige zusammen mit Hunderten Stewardessen und Stewards vor dem Tor 20 des Frankfurter Flughafens und probte den Aufstand. Erstmals legten die Flugbegleiter der Lufthansa großflächig die Arbeit nieder. Sie protestierten für höhere Löhne und gegen Leiharbeit. Ihr Streik machte Eindruck: Die Lufthansa-Führung lenkte beim Thema Leiharbeit ein, nun sprechen die Tarifpartner wieder miteinander. Anfang der Woche verhandelten sie über einen Schlichter, der helfen soll, ihren Streit beizulegen. Vorerst gibt es deshalb keine weiteren Streiks – gelöst ist der Tarifkonflikt bei der Lufthansa deshalb aber noch lange nicht.

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Es geht auf der einen Seite um den wirtschaftlichen Druck, unter dem die Airline steht, und auf der anderen um den wirtschaftlichen Druck, mit dem viele ihrer Mitarbeiter leben. Seit drei Jahren gab es für die Flugbegleiter keine Lohnerhöhung. Das ist vor allem für die Jüngeren hart, die ohnehin nur ein geringes Gehalt bekommen.

So wie Patrick Helke. Er ist seit knapp zwei Jahren bei der Lufthansa und erhält 1.533 Euro im Monat. Hinzu kommt, sofern er nicht im Urlaub oder krank ist, eine Schichtzulage von 16 Prozent. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleiben ihm zwischen 1.100 und 1.300 Euro netto. Das reicht für Miete, Essen, Auto – er fährt einen Ford Fiesta –, aber eine Familie könnte er davon kaum ernähren.

Der junge Mann, dem man seinen Beruf anzumerken glaubt, so ausnehmend höflich und freundlich tritt er auf, hat seine Heimatbasis in Frankfurt am Main. Er wohnt aber mit seiner Freundin in Bad Salzuflen, pendelt also. »So geht es vielen von uns«, sagt er. »Es ist in diesem Beruf schwer genug, die sozialen Kontakte zu pflegen, da möchte man dort wohnen, wo die Liebsten sind, und das ist nicht immer Frankfurt oder München.« Finanziell läuft es für ihn ohnehin auf dasselbe hinaus. Das Geld, das er für die Pendelei bezahlt, spart er bei der Miete. Helke fährt meist mit dem Auto nach Hannover und fliegt dann von dort; in Bad Salzuflen zahlt er 450 Euro warm, dafür würde er in der Bankenmetropole am Main nicht viel finden.

Patrick Helke jammert nicht, er sagt: »Ich habe mir diesen Beruf ausgesucht, und ich liebe meine Arbeit.« Aber ihn beunruhigen die Aussichten. Er möchte eines Tages zum Purser aufsteigen, zu einem Chef-Flugbegleiter. Das ist sein Ziel. Doch in manchen Flugzeugen würden keine Purser mehr eingesetzt, sondern nur noch geringer bezahlte Senior Flight Attendants. Helke sieht sich deshalb um seine Aufstiegsperspektive gebracht.

Tatsächlich plant die Lufthansa, einen größeren Teil ihres Geschäfts in einer Billigtochter zusammenzufassen. Arbeitstitel: Direct4U. Dort sollen die Personalkosten niedriger gehalten werden als im Bereich der normalen Lufthansa (»Classic«). Dabei haben sich die Konditionen auch hier längst verschlechtert. So wurde der Aufstieg in höhere Gehaltsstufen verlangsamt. Vor einigen Jahren führte die Lufthansa sogenannte Vorstufen ein, die neu eingestellte Flugbegleiter durchlaufen müssen, bevor sie im normalen Gehaltsgefüge landen. Helke ist jetzt in Stufe 1a, im Dezember wird er in 1b aufrücken, was brutto etwa 100 Euro mehr bedeutet, dann dauert es wieder zwei Jahre bis zur nächsten Vorstufe. Nur wer lange dabei ist, hat einen besseren Vertrag.

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